Leserfoto:
Kindliche Anmut

Am heutigen Bildbeispiel wollen wir formale und inhaltliche Aspekte von Kinderporträts diskutieren.

Ausgangsbild

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Unser Leser Hans Solvie aus Berlin hat uns das obige Bild unter dem Titel „Ohne Titel” in der Kategorie ‚Portrait‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Das Bild entstand am Mittag, im Schatten. Die Kinder suchten Schutz vor einem plötzlichen Regenschauer. Die Chance für ein paar Schnappschüsse, von denen mir dieser am Besten gefiel. Das Bild ist mit einer Canon EOS Mark 3 aufgenommen. Objektiv Sigma 24-70mm f/2.8 EX, ISO 400, Blende 2,8, Belichtungszeit 1/2500.”

Das Bild zeige seinen achtjährigen Sohn, meinte Hans auf meine Nachfrage. Und mit der Kamera meinte er die letztjährig eingeführte Canon EOS 5D Mark III. Die abgelesene Brennweite betrug 45 mm, die wegen des Vollformats (Sensorgröße von 36 mal 24 mm) auch kleinbildäquivalent ist.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Wir sehen einen Jungen, nicht mehr Kleinkind und noch nicht Jugendlicher, von androgyner Anmut, wie in diesem Alter nicht selten. Er steht uns gegenüber, doch verfehlt uns sein Blick. Mit großen, staunenden Augen schaut er in die Welt, mit konzentriertem und ernstem Gesichtsausdruck scheint er etwas in der Ferne zu mustern.

Es handelt sich um ein von rechts angeleuchtetes, sogenanntes Schulterstück mit Frontalansicht. Die Gestalt des Jungen ist mittig platziert, nahe der Nasenspitze befindet sich die Bildmitte (oranges Kreuz ebd.), auf beiden Seiten bleibt relativ viel Platz. Die beiden Augen und der Mund fügen sich zu einem auf dem Kopf stehenden Dreieck zusammen (rote Linien ebd.). Das Gesicht in Form eines aufrechten Ovals ist etwas gegen den Uhrzeigersinn geneigt. Die Schultern fallen beidseits ab und bilden ein weiteres, aufrecht stehendes Dreieck (gelbe Linien ebd.). Im Hintergrund wird eine Holzverschalung erkennbar, deren Schattenfugen sich in Höhe des Haaransatzes, der Augen, des Mundes sowie des Übergangs der Schultern in den Hals finden (blaue Linien ebd.). Eine aufsteigende Diagonale durchzieht das Bild noch links vom Jungen (grüne Linie ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm ist linksschief, schöpft die Bandbreite der möglichen Tonwerte nicht aus, so daß ein insgesamt flauer Bildeindruck vorherrscht. Die Haare und das T-Shirt weisen einige Tonwertabbrüche im Schattenbereich auf, während die Glanzlichter nur bis Zone VIII reichen.

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Die maximale Schärfe liegt im Gesichtsbereich, während der Hintergrund in leichter Unschärfe bei etwas schartigem Bokeh gezeichnet ist, so daß eine gute Freistellung der Person gegeben ist. Nennenswertes Bildrauschen zeigt sich bei der verwendeten Sensorempfindlichkeit nicht.

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Zusammenfassung: Recht gut gefällt mir die Darstellung jenes konzentrierten und zugleich versunkenen Blickes. Und bildwürdig ist zweifelsohne auch die von mir oben schon angedeutete ‚androgyne Anmut‘, die sich etwa auch im Schönheitsideal hellenistischer Skulpturen widerspiegelte. Kinder in jenem ‚Latenzstadium‘, also in der Phase nach der Meisterung der ödipalen Konstellation mit Ausbildung der Objektkonstanz und vor dem Eintritt in die Pubertät zeigen schon alle Grundzüge des späteren Charakters und das weitere Entwicklungspotential, ohne daß schon alles vorherbestimmt und festgelegt ist – diese Konstellation eines ‚alles ist möglich, entwickelt sich aber noch‘ läßt uns Erwachsene – in der Rückbesinnung auf die eigene Kindheit oder im Blick auf unsere Kinder – wohl selten unberührt.

Die Komposition hingegen scheint mir nicht optimal gelungen. Sie ist recht mittig und statisch, im Gesamtkontext fehlen Spannungsbögen und ‚blickführende Wege durch das Bild‘. Bereits das Querformat mit dem wenig strukturierten Raum zu beiden Seiten ist nicht recht plausibel, desgleichen auch die beiläufig durch das Bild ziehende Diagonale im Hintergrund.

Hinzu kommt der geringe Kontrastumfang und flaue Bildeindruck, wodurch die Chance verpaßt wird, den Abgebildeten ins ‚beste Licht zu rücken‘. Die nicht unbeträchtlichen Tonwertabbrüche im Schattenbereich und die in die Zone VIII gelegten Glanzlichter lassen das Bild um ein bis zwei Blendenstufen unterbelichtet erscheinen.

Ein weiterer Beschnitt des Bildes scheint wenig sinnvoll, zumal der Junge in vertikaler Hinsicht bereits formatfüllend abgebildet ist. Die untenstehende Überarbeitung (siehe dazu gleichnamiges Bild) zeigt den Versuch, den dramatischen Eindruck zu steigern und den Abgebildeten besser freizustellen.

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Komposition

Tonwerte

Überarbeitung

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


3 Antworten
  1. Hans says:

    Lieber Thomas,

    danke … kapiert … einen Beitrag zum Thema fände ich spannend – so wie Deinen Artikel zur Gestaltpsychologie,

    Beste Grüße Hans

    Antworten
  2. Hans says:

    Thomas, vielen Dank für Dein Feedback und die ausführliche Bildkritik.

    Deine Anmerkungen zu Komposition und Kontrastumfang treffen zu. Es ist schade, dass der Hintergrund durch die Holzfassade unserer Datsche ausgefüllt ist und die Linien nerven eigentlich richtig ;-). Es stimmt eine mögliche Lösung wäre das Hochformat gewesen….

    Zur Anmerkung „… im Gesamtkontext fehlen Spannungsbögen…“, könntest Du das netterweise konkretisieren, was ein solcher Spannungsbogen sein könnte?

    Danke und beste Grüße Hans

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Lieber Hans,

      Spannungsbögen sind ein zentraler Begriff in der Kompositionslehre. Sie beziehen sich auf das für die Bildwirkung wichtige Zusammenspiel von Gegensätzen, bringen dynamische Elemente ins Bild und mindern so einen allzu statischen Eindruck – dies kann sich etwa auf Hell-Dunkel- oder Komplementärkontraste, Größen- und Formunterschiede beziehen.

      Beim Porträt könnten etwa durch eine exzentrische Anlage der Person, das Spiel der Blickrichtung und die Einbeziehung des Raumes solche Spannungsbögen geschaffen werden, wie das Bild ‚Yanni‘ von Marko Müller aus Dresden eindrucksvoll aufzeigt.

      Ich werde dieses Thema im Rahmen eines ergänzenden Tutorials zur Kompositionslehre beizeiten noch eingehender befassen.

      Gruß
      Thomas

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