Leserfoto:
Großmütter, wie wir sie lieben …

Schönstes ’surrealistisches Kopfkino‘ weiß das heute besprochene Bild beim entsprechend Geneigten auszulösen.

Ausgangsbild

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Unser Leser Dirk Wenzel aus Mansfeld hat uns das obige Bild unter dem Titel „aus sitzen wird schon” in der Kategorie ‚Portrait‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „.. ich sende es als Beispiel zu meiner Erklärung heute… Das Umfeld mit der Person könnte nun viele Momente für den Betrachter gestalten… schau hier und da mach dieses und jenes… nein … er dreht sich in diesem Szenario seine Zigi ganz für sich … auf diesen Moment habe ich gewartet … nach schaue hier und da … dreht sich rechts und links im Stuhl usw… Kleidung bearbeiten … bis zu diesem Moment… Weite, ein Führendes Objekt zur Bildmitte und weiter… Leinenwiederholung im Hintergrund Strommast… Einstellungsgröße Perspektive… Licht und Farbe … nachbearbeitet für mein ganzes Bild und Stimmung und so… vielleicht macht der halbtotale Ausschnitt deutlich, was ich meine… BGr Dirk”

Dirks Erläuterung bezieht sich auf die Diskussion um Tatjana Senz‘ Bild ‚available light portrait‘. Es ging damals um erhoffte Bildwirkungen, um die Bedeutung einer ‚Momentaufnahme‘ und letztlich auch um den Anspruch der ’subjektiven Fotografie‘, dem persönlichen Gefühlsausdruck des Fotografen vorrangige Bedeutung (notfalls auch vor den motivischen und technischen Belangen) einzuräumen. Mancher Leser mag sich in diesem Zusammenhang auch an die Besprechung von Dirks (ebenfalls surrealistisch anmutendem) Bild ‚Es fehlt der Beistelltisch …‘ erinnern.

Für das heute gezeigte Bild wurde die bereits 2005 eingeführte APS-C-Kamera Nikon D50 verwendet. Die Brennweite betrug 18 mm (entsprechend 27 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 1/25 Sekunde bei Blende f/13.0. Über das Objektiv und die Sensorempfindlichkeit weiß ich nichts.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Der ins linke Bildviertel gelegte, leere Wäscheständer und die im Goldenen Schnitt rechts platzierte Person unterteilen das Bild horizontal (gelbe Linien ebd.). Der Blick wird über die nach unten durchhängenden Wäscheleinen und die aus Betrachtersicht nach links geneigte Person bis zum Boden geführt (rote Linie ebd.). Einige Bäume in Hintergrund (blaue Linien ebd.) umranken einen kleinen, gerade noch sichtbaren Strommast (grüne Linien ebd.) auf der sehr tief platzieren Horizontlinie.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm zeigt sich deutlich rechtsschief bei einem Mittelwert von etwa 185. Trotz der so entstehenden ‚High-Key-Anmutung‘ wirkt das Bild keineswegs überstrahlt oder ausgewaschen, da die tieferen und mittleren Tonwertbereiche deutlich markiert sind. Tonwertabbrüche im Bereich der Schatten und Lichter liegen nicht vor.

Farben: Das Bild zeigt gebrochene Orange- und Brauntöne im Bereich der Person und ebensolche Grün- und Türkistöne im Bereich der einrahmenden Wiese und des Himmels.

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Zusammenfassung: Dirks Bild zeigt zwar deutlich erkennbare Elemente, gibt uns aber auch ‚in löblichster Weise Rätsel‘ auf – und ich mag nicht verhehlen, daß solch ‚Wiedergeburt des Surrealismus“ in der Betrachtung bei mir deutlich mehr Vergnügen und Wachheit auslöst wie die Gesamtheit der ‚in Fotocommunity und Konsorten inflationär herumgereichten Kinder-, Katzen-, Blumen- und Sonnenuntergangsbilder‘.

Dirk bedient keine Klischees, sondern erschafft in gewisser Weise neue Bildwelten, indem er geläufige Elemente in neue Zusammenhänge stellt. Das Schöne dabei ist, daß jeder Betrachter hierbei seine eigenen Gedanken und Gefühle weiterspinnen kann.

Ich zum Beispiel sinnierte im Richtung himmlischer Eingebungen, die über den Wäscheständer als eine Art Blitzableiter in die Person führen, um letztlich im Boden zu enden. Zugleich freute ich mich natürlich sehr darüber, daß Douglas Adams sich nach seiner Wiederauferstehung endlich einmal der Grimmschen Märchen angenommen hat, daß Rotkäppchens Großmutter trotz Großvaters anzunehmenden Abhimmelns (oder gerade deswegen?) doch noch recht rüstig wirkt und sich nach getaner Wäscheabhängarbeit die ‚verdiente Zigi dreht‘.

Dieser Gedanke beschäftigte mich weiter, mehr noch fast wie konkurrierende Überlegungen, ob der genannte himmlische Blitzableiter einen direkten Draht zum bereits abgehandelten Großvater bedeutete. Kurz wurde ich bange dahingehend, ob die Großmutter nun allmählich doch etwas gegen ihre überdeutlichen Virilisierungserscheinungen tun sollte, warum der Wolf heute wohl wieder so seltsam menschenähnlich aussähe oder was der Kerl eigentlich im Großmutterkostüm zu schaffen habe. Doch beruhigte ich mich alsbald mit der Vorstellung, daß all dies keinen wirklichen Unterschied mache.

Ich habe mir noch herausgenommen, das Bild in einer Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes Bild ‚Spiegelung‘) horizontal zu spiegeln. Wo ‚Großmutter‘ zuvor eher als ‚Empfängerin der Botschaften‘ erschien, wirkt sie nun mehr als deren ‚Senderin‘ …

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Komposition

Tonwerte

Spiegelung

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Antworten
  1. Erica says:

    Mich hat der Farbton in diesem Bild angesprochen, er erinnert mich an die Malerei vor 200 Jahren; dem Vorschlag, das Bild zu drehen hätte ich auch gemacht; es geht aber nicht bei allen Bildern!! Begründung: Die meisten beginnen mit dem Laufen rechts, daher ist rechts meist das Nähere und links läuft es in die Ferne. Ist unsere Natur, und deshalb sehen wir uns die Bilder auch so an, bezw. finden sie harmonischer. Insgesamt finde ich die Stimmung nicht nur nostalgisch, fast schon abstrakt durch die Wenigkeit der wichtigen und aussagefähigen Objekte wie den Wäscheständer und Grossmutter. Gratulation!!

    Antworten
  2. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin …

    lieben Dank… Thomas… für die Bildbesprechung.

    Auch an Marcus Leusch für den Kommentar.

    Eine große Motivation in diese Bildrichtung weiter zu denken und die Umsetzung zu üben.

    Der Krabbenkutter bekommt einen neuen Anstrich… doch die Tour zur Seehundbank bleibt bei Wind und Wetter … mit und gegen die Gezeiten…

    BGr Dirk

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Der Krabbenkutter bekommt einen neuen Anstrich… doch die Tour zur Seehundbank bleibt bei Wind und Wetter … mit und gegen die Gezeiten.

      Du sprichst in einer allegorischen, für mich gleichwohl verständigen Sprache vom bevorstehenden Weg, vom angestrebten Ziel und von der dafür nötigen Ausrichtung – und es liegt nahe, daß Du dies in fotografischer bzw. künstlerischer Hinsicht meinst.

      Daß Du nach neuen Ausdrucksformen suchst, weiß ich ja auch aufgrund Deiner weiteren Bildeinreichungen, die eindeutig in eine experimentelle Richtung (Bewegungsunschärfe, Elementarfarbigkeit) weisen. Ich werde diese beizeiten gerne zur Besprechung auswählen.

  3. Marcus Leusch says:

    Ein ungewöhnliches Foto, das auch mir sehr zusagt, gerade wegen seiner Deutungsoffenheit. Einmal den möglichen Bewusstseinsstrom und die Irritation der auffallend männlich dreinblickenden Großmutter bei Seite gelassen, scheint ein solches Bild, das unter der Kategorie „Portrait“ eingereicht wurde, noch einmal besondere Aufmerksamkeit zu verdienen. Es handelt sich ja nicht um ein klassisches Beispiel für dieses Genre, sondern ist offenbar viel weiter gefasst, so wie man eine Landschaftsfotografie nach meiner persönlichen Auffassung ja auch in besonderen Fällen als ein Seelenportrait bezeichnen könnte. Eine solche perspektivische Weitung des Blicks scheint mir auch hier vorzuliegen, was mir dieses Bild noch einmal schätzenswerter macht. Nun dürfen wir als Betrachter also darüber nachdenken, was denn nun in diesem Bild portraitiert werden soll und kommen wahrscheinlich in einen ähnlichen Rätselreigen wie Thomas‘ lobende Besprechung, – „aus sitzen wird schon“ …

    Grüße zur Nacht
    Marcus

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