Leserfoto:
Der das Geschäft macht …

Bildgeschichten können bisweilen unbeabsichtigt etwas ‚verrutschen‘, wie das heutige Bildbeispiel aufzeigt.

Ausgangsbild

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Unser Leser Martin Grischke aus Triesen im Fürstentum Liechtenstein hat uns das obige Bild unter dem Titel „Marble Rest” in der Kategorie ‚Street/Strasse‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Auf Reisen ist die Kamera immer dabei und bei Wartezeiten am Flughafen bin ich immer auf der Suche nach ungewöhnlichen Perspektiven. Was in der Regel nicht einfach ist, so viel geben Flughäfen leider nicht her.Dieses Motiv entstand direkt am Gate, ein Business-Reisender, der auf der Heizung Platz genommen hatte. Die Körpersilhouette im Schatten in Kombination mit den Schuhen war die Komposition, die mich angesprochen hat.Es wurde eine Belichtungsreihe mit 5 Aufnahmen erstellt und als HDR verrechnet. Bei der Nachbearbeitung hat es sich dann geradezu aufgedrängt, das Photo auf den Kopf zu stellen, womit sich die Silhouette viel aktiver darstellt und auch die Linien der Bodenkacheln viel besser zur Geltung kommen.”

Zur Aufnahme wurde die 2012 eingeführte, spiegellose Micro-Four-Third Kamera Olympus OM-D E-M5 mit dem Zoomobjektiv Olympus M.Zuiko Digital ED 14-150 mm verwendet. Die Brennweite betrug 90 mm (entsprechend 180 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 2.0), die Blende f/7.1 und die Sensorempfindlichkeit ISO 800. Über die Belichtungzeiten der zum HDR-Bild verrechneten Einzelaufnahmen liegen keine Informationen vor.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Bild irritiert zunächst, weil sich keine konventionelle Szene darstellt, sondern eine auf dem Kopf stehende Spiegelung.

Ein Paar Schuhe, den dazugehörige Hosenanschnitt und eine Aktentasche sind am unteren Bildrand (auf dem Kopf stehend wohlgemerkt) als markanteste Punkte erkennbar (grüne Linien ebd.). Darüber wird schemenhaft eine im griesligen Untergrund gespiegelte Gestalt erkennbar mit einem Kopf, den auf den Knieen gestützen Unterarmen und einer breitbeinigen Sitzweise (gelbe Linien ebd.). Zwei diagonal verlaufende, sich nach unten verjüngende Fugen strukturieren den Raum etwas (rote Linien ebd.), desgleichen einige querverlaufende Strukturen im Schulter- und Gesäßhöhe (blaue Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm ist etwas linksschief bei einem Mittelwert von etwa 93, zugleich etwas schattenbetont im Bereich der beiden Schuhe und der schemenhaft gespiegelten Gestalt.

Farben: Braun- und Gelbtöne dominieren den Vordergrund, Blautöne den Hintergrund.

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Zusammenfassung: Zwar meinte ich, Martins Bildtitel mit ‚marmorner Pause‘ halbwegs korrekt übersetzen zu können, doch konnte ich damit nur wenig anfangen. Auch ist mir in meinem nicht gänzlich unbewegten Fotografenleben die ‚freihändige HDR-Fotografie im Streetbereich‘ bisher eigentlich noch nicht untergekommen. Und mich beschäftigte angesichts der hier verwendeten, kleinbildäquivalenten 180 mm Brennweite wieder einmal die Frage, wo eigentlich die Grenze zwischen Streetfotograf und Paparazzo verläuft.

In seinen Erläuterungen beschränkt sich Martin auf technische und ästhetische Aspekte. Zugleich fehlen Hinweise darauf, was er inhaltlich in diesem Motiv sah und in seinem Bild ausdrücken wollte, so daß für den Betrachter hier ein weiter Interpretationsspielraum verbleibt. Man darf gespannt sein, welche Facetten die Diskussion zutage befördert.

Ich persönlich verknüpfte die breitbeinig-hockende Sitzweise in Verbindung mit den beiden Querholmen jedenfalls rasch mit der Idee des Donnerbalkens, welcher im Pfadfinder-, Reservisten- und Wehrmachtsbereich als Zeichen des Männlichkeitsbeweises und zugleich präpubertären Gemeinschaftsgefühls bis heute fröhliche Urstände feiert (Bildbeispiele hier und hier). Zugleich fühlte ich mich an die Bedeutung des ‚Geschäftemaches‘ im antiken Rom erinnert (Textbeispiele hier und hier).

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Komposition

Tonwerte

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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