Leserfoto:
Eine verstellte Straßenszene

Probleme der Blickführung durch das Bild wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Ausgangsbild

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Unser Leser Dieter Rogge aus dem schleswig-holsteinischen Kronshagen hat uns das obige Bild unter dem Titel „empty street” in der Kategorie ‚Street‘ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: „Aufnahme der Hauptstraße in Kilbeggan, Irland, zur Mittagszeit. Mich hat die ‚Leere‘ dieser Straße gereizt. Nikon D 7100, Bl. 2,8, 28 mm”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Dieter bereits berichtet. Als Objektiv dürfte das Sigma 17-70 mm F2,8-4,0 DC Makro OS HSM zur Anwendung gekommen sein. Zu ergänzen wäre noch die Brennweite von 26 mm (entsprechend 39 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungszeit von 1/180 Sekunde und die Sensorempfindlichkeit von 100. Im Gegensatz zu Dieters Angaben betrug die Blende laut Exif-Daten f/6.7, was im Sinne der bei einer solchen Straßenszene gewünschten Schärfentiefe auch Sinn macht.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Der konventionellen Leserichtung folgend, steigt der Blick links unten ein, um von dort nach rechts oben zu wandern (grüne Linien ebd.). Der Fluchtpunkt ist deutlich erkennbar (blaue Kreuz ebd.), doch ist der Blickweg dorthin durch die Straßenlampe, mittelbar auch das Gaststättenschild und die Haustür verstellt (gelbe Fläche ebd.). Die weiteren Blickführungen sind dann vom Fluctpunkt ausgehend in die Perpipherie reichend (rote Linien ebd.)

Tonwerte (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder): Im Sinne einer High-Key-Anmutung ist das Histogramm ist deutlich rechtschief und liegt der Mittelwert bei 160. Deutlich sind schatten- und lichterseitige Tonwertabbrüche zu verzeichnen, woraus wir ableiten dürfen, daß der Dynamikumfang der Szene von der verwendeten Kamera eigentlich nicht mehr vollständig erfaßt werden konnte. Da sich die Abbrüche auf die Kanten konzentrieren, wird der Gesamteindruck dadurch jedoch nicht wesentlich getrübt.

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Zusammenfassung: Die atmosphärische Anmutung des Bildes ist durchaus ansprechend, doch bereiten die (oben bereits im Detail angeführten) kompositorischen Probleme Kummer.

Es scheint wie verhext, da auch durch eine Spiegelung mit Beschnitt (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild), die bei Fehlen eines ‚dokumentarischen Echtheitsanspruchs‘ grundsätzlich zulässig wäre, die Schwierigkeiten schwerlich zu beheben sind.

Nach der Spiegelung ist der Blickdurchgang zwar logisch, die vormals verstellenden Elemente dienen nun als Abschluß auf der rechten Seite. Doch kann das seitenverkehrte Geaststättenschild so nicht bleiben. Es bedarf noch eines Beschnitts, der dann aber der gezeigten Szene ‚zu wenig Luft zum Atmen‘ läßt.

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Komposition

Tonwerte: Abbrüche im Schattenbereich

Tonwerte: Abbrüche im Lichterbereich

Spiegelung mit Beschnitt

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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8 Antworten
  1. Christian Fehse says:

    Also den Kummer von Thomas mit der Komposition kann ich nicht wirklich sehen. Ich finde das Abschluß auf der linken Seite mit den Laternen und den Schild sehr passend. Es bricht das Bild etwas. Wenn man an der Stelle zu viel verändert, verändert sich das Bild allgemein zu sehr. Es wirdwird etwas anderes.
    Ich hätte vielleicht versucht, die Wolken durch abwedeln etwas wiederzuholen – ich bin oft bereit sowas trotz des Verlusts an Bildqualität zu versuchen. *gg*
    Ich finde das Bild so wie es ist, aber auch sehr gut gelungen.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Ich hätte vielleicht versucht, die Wolken durch abwedeln etwas wiederzuholen – ich bin oft bereit sowas trotz des Verlusts an Bildqualität zu versuchen. *gg*„.

      Du meinst sicher ‚Nachbelichten‘, also den Himmel abdunkeln bzw. dramatischer herauszuarbeiten?! Ja, das wäre einen Versuch wert!

      Das Nachbelichten mit Photoshop-Bordmitteln ist zwar destruktiv, aber der Himmel weist üblicherweise keine derartige Struktur auf, daß wir hier besorgt sein müßten.

      Also, Christian, hättest Du Zeit und Muße, eine solche Dramatisierung einmal zu versuchen und dann hier zu zeigen oder zu verlinken?

    • Christian Fehse says:

      Oh schade nicht gesehen, das Du geantwortet hast. Ja ich meinte natürlich ‘Nachbelichten’…*gg*

      Ich hab es mal gemacht, wobei es bei so einem kleinen Bild etwas schwierig ist, genau und möglichst unauffällig zu arbeiten. Hier sind jetzt auch auffällige Artefakte im Bild. Mit dem Original kriege ich es für gewöhnlich besser hin.

      http://update.infomantis.de/download/cf/emptystreet_ausgangsbild_b.jpg

      Ich hätte das Bild an sich möglicherweise eh etwas mehr in Richtung Bleistiftzeichnung gestaltet – das habe ich hier auch etwas angedeutet – ist sicherlich nicht jedermanns Sache…

  2. Tilman says:

    Hallo,
    es ist die Leere der Straße, die das Bild interessant macht. Es gibt für mich gut die Stimmung wieder, das Wetter passt auch dazu. Allerdings finde ich fast schade, dass man die Farbe der Häuser nicht sieht und nur erahnt. Das Bild auf Google http://goo.gl/maps/ZgvyR gefällt mir besser :-> Ich habe den Eindruck, dass der Kontrast erhöht wurde. Das Schimmern der Straße, aber auch der Dächer, empfinde ich als unnatürlich hart.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

    Antworten
    • Tilman says:

      Eine Frage am Rand: das Bild hat ein ICC Farbprofil (Adobe RGB). Bringt das eigentlich was bei schwarz-weiß Bildern?

    • Thomas Brotzler says:

      Siehe hier: „Der JPEG-Standard selbst definiert keinen vorgegebenen Farbraum.„. Das Profil wird also hinzugegeben, wenn ich es recht verstehe. ‚Graustufen‘ würde für Schwarzweißbilder natürlich reichen. Die Farbinformationen sind in diesem Fall überzählig, was aber bei der geringen Dateigröße im verlustbehafteten Format wenig ausmachen dürfte. Bei druckfähigen Daten im 16-Bit-TIFF-Format (bei mir 120 MB pro Farbbild versus 40 MB pro Graustufenbild) ist das schon anders … P.S. Dein Google-Link geht irgendwie ins Leere …

    • Tilman says:

      Hallo Thomas,

      danke für den Link. Eine sehr schöne, knappe technische Erläuterung des JPG Formats. Das Farbprofil wird in der Tat in den EXIF Daten abgespeichert, dort habe ich auch gesehen, dass Dieters Bild Adobe RGB benutzt. Es wirft aber auch die Frage auf, wie wir eigentlich Bilder auf unserem Bildschirm sehen. Und ob der harte Kontrast, den ich empfinde, vielleicht auch an meinem Browser oder der Einstellung meines Bildschirms liegt…
      Viele Grüße, Tilman

      Hier noch mal der Google-Link in seiner unkomprimierten Form. Es ist ein Foto von StreetView. Seltsam, dass Du es nicht sehen konntest.

      https://maps.google.fr/maps?q=kilbeggan+irlande&ll=53.368966,-7.501688&spn=0.018334,0.035362&client=opera&oe=utf-8&channel=suggest&hnear=Kilbeggan,+County+Westmeath,+Irlande&gl=fr&t=h&z=15&layer=c&cbll=53.368946,-7.501596&panoid=FuVHmXcgfjQ6xbZhsRSzKA&cbp=12,105.81,,0,1.53

    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Hier noch mal der Google-Link in seiner unkomprimierten Form.

      Funktioniert leider auch nicht. Der Link bricht in seiner Darstellung auch ab, vielleicht liegt das am hier verwendeten WP-System.

      Zitat: „Es wirft aber auch die Frage auf, wie wir eigentlich Bilder auf unserem Bildschirm sehen.

      Da triffst Du einen Nerv. Wie ein Bild beim Betrachter erscheint, ob er also einen Büromonitor mit TN-Panel oder einen Grafikmonitor verwendet und ob dieser dann auch halbwegs kalibriert ist, ist letztlich ein Vabanque-Spiel. Fast wäre ich versucht zu sagen, daß für ernsthafte Diskussionen letztlich nur Aufsichtvorlagen taugen, doch dann wären Bildbesprechungen im Internet eigentlich ein Anachronismus …

      Auf der Portfolioseite meiner eigenen Fotografie-Homepage habe ich, wie Du wahrscheinlich schon gesehen hast, am Seitenende einen ‚26-stufigen Graustufenkeil zur orientierenden Monitorprüfung‚ eingeblendet. Vielleicht sollte ich den auch für die hiesigen Bildbesprechungen einführen, um zumindest eine grobe Kalibierungsprüfung zu ermöglichen …

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