Leserfoto:
Die Verlorenheit des Menschen in der modernen Architektur

Die Möglichkeiten, aber auch Fallstricke der Architekturfotografie wollen wir im Rahmen des heutigen Bildbeispiels diskutieren.

Ausgangsbild

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Unser Leser Georg Bergmeister aus Bruneck in Südtirol hat uns das obige Bild unter dem Titel „ohne titel” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „habe das foto 2009 in berlin aufgenommen. das haus mit den großen fenstern steht direkt neben dem holocaust mahnmal von peter eisenman. die fassade spiegelt für mich irgendwie das davor liegende stelenfeld: die fassade erscheint wellenförmig, ebenso wie der boden auf dem die stelen stehen. die lichtreflexion und form der fenster ähnelt der, der betonquader. und genau wie sich die menschen, die sich im stelenfeld aufhalten, klein und verloren vorkommen, erscheint auch der mann am balkon unbedeutend. das gefällt mir an diesem foto. LG aus Südtirol”

Zur Aufnahme wurde die 2005 eingeführte Kompaktkamera Casio EX-Z750 mit eingebautem Zoomobjektiv verwendet. Die Brennweite betrug 23.7 mm (entsprechend 114.0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von etwa 4.8), die Belichtungsdaten waren 1/320 Sekunde bei Blende f/5.1, die Sensorempfindlichkeit ist nicht bekannt.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Für die Beschreibung der kompositorischen Grundelemente habe ich zunächst die stürzenden Linien beseitigt (siehe dazu auch den weiterführenden Kommentar in der Zusammenfassung).

In den gedachten Linien der Fenster erkennen wir ein Nebeneinander vertikaler und diagonaler Strukturen, welche das Bild spannungsvoll und rhythmisch gestalten und den Blick des Betrachters durch das Bild führen (gelbe Linien ebd.). Ein ähnlich mäanderndes Muster ergibt sich auch für die Horizontalen, die ich aber aus Übersichtlichkeitsgründen nicht eingezeichnet habe. Plötzlich fällt jene so knapp am oberen Bildrand platzierte Person ins Auge, die nach unten schaut und in ihrer Kleinheit gegenüber den so mächtigen architektonischen Strukturen tatsächlich ganz verloren wirkt.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogram zeigt eine ausgewogene Verteilung bei einem Mittelwert von etwa 120, wobei der Dynamikumfang der Szene grenzwertig hoch ist, wie die Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich aufzeigen.

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Zusammenfassung: Ich will an dieser Stelle zunächst auf ‚zwei schier unüberwindbare Fallstricke der Amateurfotografie‘ eingehen: der erste besteht in der ‚Fixiertheit auf das Motiv‘, so daß das als ablichtungswürdige Objekt schlichtweg und spannungslos in die Mitte gesetzt wird, der zweite in der ‚Vernachlässigung der Randbereiche‘.

Den ersten Fallstrick hat Georg durch die exzentrische und spannungsreiche Platzierung jener verlorenen Person geschickt vermieden. dem zweiten ist er dann leider doch noch erlegen.

In der Architekturfotografie treten eine Vielzahl von Horizontalen und Vertikalen auf, die in Bezug zum Format und den Bildrändern zu setzen sind. Hierbei gilt für den gehobenen Anspruch eindeutig ein ‚ganz oder gar nicht schief‘, während ‚ein bißchen schief‘ das für den Erfahrenen unmmittelbar erkennbare ‚Kennzeichen der sich erfolglos bemühenden Amateurfotografie‘ ist. Sofern vor Ort nicht mit einem Shift-Objektiv gearbeitet wird, müssen die stützenden Linien also ausgeglichen werden – sofern man nicht (durchaus zulässig und interessant) von vornherein auf eine diagonale Anordnung aller Elemente baut.

Von diesen Unpäßlichkeiten abgesehen, hat Georgs Bild – wie ich meine – großes Potential. Die geschickte Platzierung der Elemente verweist auf die Verlorenheit des Menschen in der modernen Architektur und schafft so ein Bild mit einer über den Augenblick hinausreichenden Bedeutung. Und es zeigt sich wieder einmal, daß ein wirksames Bild auch mit einfacher Ausrüstung gelingen kann, daß der fotografische Blick also wichtiger ist wie die verwendete Technik.

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Komposition: Geraderichtung

Komposition: Grundelemente

Tonwerte: Lichterbeschnitt

Tonwerte: Schattenbeschnitt

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Antworten
  1. Georg Bergmeister says:

    hallo, habe erst jetzt gesehen, dass ihr mein foto bewertet und auch kommentiert habt. dafür herzlichen dank. ich weiß nicht, ob ich das foto im nachhinein vielleicht in die falsche kategorie gegeben habe, denn es war nie meine absicht die architektur dieses hauses korrekt (als architekturfotograf) wiederzugeben. mir war absolut klar, dass dies mit der ausrüstung gar nicht funktionieren kann. mir ging es eigentlich nur um das gesamtbild (lichtspiegelungen in den fenstern und dem menschen). natürlich habe ich aber versucht eine gewisse ordnung zu schaffen, horizontale und senkrechte linien zu respektiern. war halt recht schwierig, ohne stativ, ohne rasterung und in der kürze der zeit…(denn der typ oben bleibt ja auch nicht ewig dort) ;-) lg aus südtirol und danke nochmal!

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  2. Thomas Brotzler says:

    Aus meiner Sicht ‚ja und nein‘ zu der von Dir aufgeworfenen Ausrüstungsfrage, liebe Erica …

    Ganz gewiß ‚ja‘, weil gute Architekturfotografie nicht erst mit Tilt-Shift-Objektiven beginnt. Ich kenne aus dem Unterricht durchaus leidvolle Geschichten von Amateuren, die sich mit einer monströsen Ausrüstung behängten und so der Illusion erlagen, dadurch automatisch auch gute Bilder im Sinne zündender Ideen und überzeugender Darstellung zu bekommen. Aber es verwandelt sich zum Fluch, wenn der teuren Anschaffung keine entsprechende – ideelle oder materielle – Wertschöpfung engegengestellt werden kann.

    Und doch auch ’nein‘, denn die beste Entzerrung in Photoshop kann nicht jene Komposition vor Ort ersetzen, die sich erst durch besagte Tilt-Shift-Objektive ergibt. Ein 17er TS-E von Canon mit Öffnungswinkel von 106 Grad und 12 mm Shiftweg öffnet Blickwarten, die der Normalsterbliche und -sehende sich gar nicht vorstellen kann. Jedenfalls habe ich persönlich die Anschaffung dieser Spezialobjektive, die gewiß mein aktuelles Kameragehäuse (5D Mark II) überdauern werden, noch keine Minute bereut.

    Thomas

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  3. Erica says:

    Thomas Brotzler:
    auf den ersten Blick fasziniert mich das Bild, die Grau-Tonung ist es.
    die zerissene Perspektive ist eigentlich auch interessant, was mich aber gleichzeitig nervt:
    Es ist immer ein Problem des Standortes, wieviel Abstand man nehmen kann, um eine gute Perspektive zu erreichen. Den Standort kennen wir nicht, damit fällt und steht eine Bildkritik.
    Natürlich -aber wer leistet sich so eine Ausrüstung – ausser Architekturfotografen – wäre hier ein Shift-Objektiv das Richtige; könnte jedoch auch Langweiligkeit erzeugen.
    Das erwähnte Potential sehe ich auch: siehe meine Bemerkung oben und meine Begeisterung. Ein Rat ist schwierig, siehe Standortfrage. Die Person, Figur könnte mehr hervorgehoben werden durch Fokussieren!! Das würde einen Kick geben.

    Erica

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