Tutorial:
Blickwege bei der Bildbetrachtung (1)

Das vorliegende Tutorial knüpft an dasjenige zur Gestaltpsychologie an. Ging es dort vornehmlich um die Mustererkennung und innere Verarbeitung des Gesehenen, so stehen hier die Blickbewegungen und die verschiedenen Arten des Bildauslesens im Vordergrund.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Grundlagen des menschlichen Sehsystems
3. Blickwege aus Sicht kultureller Bedingung
4. Blickwege aus Sicht der Gestaltpsychologie
5. Blickwege aus Sicht der Eye-Tracking-Forschung
6. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

***

1. Einführung in das Thema

Um Grundlagen soll es auch in diesem Tutorial gehen. Im Geiste höre ich jetzt schon manchen stöhnen, doch bitte gemach

Grundlagen sind ihrer Natur nach nicht auf sofortigen und praktischen Anwendungsnutzen ausgelegt. Sofern aber eine ausreichende Menge von Grundlagen zusammengekommen ist, wie etwa in der Zusammenschau von Gestaltpsychologie, Bewegungsanalyse und Kompositionslehre, rückt eine Schwelle näher, jenseits derer den Einzelphänomenen neue und erweiterte Bedeutungen zukommen. Die ‚Strapazierung mit theoretischen Dingen‘ soll Euch also Hilfsmittel an die Hand geben, das fotografische Sehen zu schulen und Konzepte besser im Bild umzusetzen.

Man könnte befürchten, daß damit die spontane Freude am Fotografieren beinträchtigt würde. Doch möchte ich dieser Sorge mit einer Analogie entgegentreten: wer ein Musikinstrument gut zu spielen weiß und die damit einhergehende Übung nicht zur Selbstkasteiung geraten läßt, wird aus der resultierenden Expertise umso bessere Ergebnisse und mehr schöpferische Freude ziehen können.

2. Grundlagen des menschlichen Sehsystems

Das menschliche SehsystemDas menschliche Sehsystem umfaßt auf der strukturellen Ebene im wesentlichen das Auge, den Sehnerv und die Sehrinde (siehe nebenstehende Abbildung).

Auf der funktionellen Ebene entspricht dies der Aufnahme, der Weiterleitung und der Verarbeitung des Gesehenen.

 
Der Querschnitt durch das menschliche Auge (siehe nebenstehende Abbildung) verweist auf ein recht kompliziertes Organ, welches dem Aufbau unserer Kamera nicht unähnlich ist.

Querschnitt durch das menschliche-AugeDie Kornea bzw. Hornhaut bündelt das Licht ein erstes Mal. Die Iris bzw. Regenbogenhaut funktioniert durch Weit- und Engstellung wie die Blende unserer Kamera. Die dahinter befindliche Linse fokussiert das gesehene Bild durch Rund- und Glattstellung und leitet es in solcher Weise auf die lichtempfindliche Retina bzw. Netzhaut weiter, wo es seitenverkehrt und auf dem Kopf stehend auftrifft. Eine Brennweitenänderung wie bei unseren Zoomobjektiven ist nicht möglich, dazu müßte die Linse vor- und zurückbewegt werden können.

Struktur der NetzhautDie Struktur der Netzhaut (siehe nebenstehende Abbildung) weist eine sehr ungleiche Verteilung der farbempfindlichen Zapfen und helligkeitsempfindlichen Stäbchen auf. In der kleinen Fovea centralis bzw. dem Gelben Fleck als Punkt des schärfsten Sehens ist die Zapfenkonzentration am höchsten, während zur Peripherie hin die Stäbchenkonzentration zunächst zu- und dann wieder abnimmt.

Wir erkennen darin bereits das Vorhandensein zweier unterschiedlicher Sehmuster – dasjenige des Scharf- und Farbensehens in einem kleinen Bereich der Mitte (mit bis 2 Grad Sehwinkel) sowie dasjenige des Helligkeits- und Bewegungssehen im Randbereich (mit ca. 2 bis über 90 Grad Sehwinkel).

So können uns wohl vorstellen, daß sich der Eindruck des Gesamtbildes aus vielen zusammengesetzten Einzelbildern formt, die sich aus dem Wechselspiel von raschen (etwa 20 bis 200 Millisekunden währenden und uns damit in der Regel nicht bewußt werdenden) Sakkaden bzw. Augenbewegungen und längeren Fixierungen einzelner Stellen (mit pro Sekunde jeweils drei bis vier hochauflösenden Teilbildern im fovealen sowie bis zu 90 komprimierten Restbildern im peripheren System).

Gesichtsfeld des linken AugesDie nebenstehende Abbildung soll einen Eindruck vermitteln, wie sich das im Auge Gesehene naturalistisch darstellen würde – durch die Verrechnung in der Sehrinde sehen wir es natürlich nicht auf solche Weise.

Eine Besonderheit gilt es noch zu erwähnen, den sogenannten blinden Fleck. Dieser liegt etwa 15 Grad nasenwärts des Gelben Flecks und markiert den Ein- und Durchtritt des Sehnerven durch die Netzhaut. An dieser Stelle besteht durch das Fehlen von Zapfen und Stäbchen ein natürlicher Gesichtsfeldausfall, den wir durch die erwähnte Umkehr des Gesehenen schläfenwärts projizieren (siehe schwarzer Punkt in der erwähnten Abbildung).

Da wir diesen durch die erwähnten Sakkaden bzw. Augenbewegungen ‚überdecken‘, fällt uns dieser normalerweise nicht auf. Wenn wir jedoch am sternenklaren Nachthimmel einen bestimmten Stern fixieren, bemerken wir ein ‚Verschwinden‘ der Nachbarsterne in Richtung des blinden Flecks.

***

Soweit für heute zum ersten Teil der topographischen und funktionellen Grundlagen. Mit dem nächstwöchig erscheinenden, zweiten Teil steigen wir dann in die verschiedenen ‚Blickerfassungssysteme‘ ein.

***

3 Antworten
  1. Ligore says:

    Das lässt sich sehr interessant an, ich bin schon auf die nächsten Teile geespannt. Der kleine Rechtschreibfehler „Hirnhaut“ ließ mich diesen Satz zweimal lesen und schmunzekn.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Danke für den Hinweis, ich habe es korrigert. Nun wurde aus der ‚Hirnhaut‘ wieder die ‚Hornhaut‘ …

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Bildbearbeitung: Das Werkzeug ‘Tiefen/Lichter’ (1) Ein ‘kleines, aber feines Werkzeug’ zur Bildbearbeitung in Photoshop möchte ich Euch in diesem vierteiligen Tutorial vorstellen. 1. Einleitung Wann immer in Diskussionen vor Ort bzw. in den Weiten des Internets von ‘Tonwertanpassung’ die Rede ist, ist heutzutage nur noch selten das Brachialwerkzeug ‘Helligkeit/Kontrast’ gemeint. Tutorial: Gestaltpsychologie (1) Das nachstehende Tutorial soll Grundlagen der Gestaltpsychologie vermitteln. Hierbei geht es um Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Wahrnehmung und Musterkennung, deren Kenntnis uns helfen kann, die Wirkung unserer Bilder zu planen bzw. zu verbessern. 1. Einführung in das Thema, Tutorial: Blickwege bei der Bildbetrachtung (1) […]

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *