Leserfoto:
Gekippte Welt

Eine kafkaeske Darstellung der Vorweihnachtszeit wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Ausgangsbild

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Unser Leser Marcus Leusch aus Mainz hat uns das obige Bild unter dem Titel „Herdentrieb” in der Kategorie ‚Street/Strasse‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „München/Fußgängerzone Nähe Kaufinger Tor: Ein düster-grauer Dezembertag vor Weihnachten, Menschen schieben sich durch die Einkaufsstraßen, die Vorfreude auf das Fest wird handgreiflich. In dem überdimensionalen Spiegel eines Kaufhauses erhält der Betrachter eine geradezu panoramatische Vorstellung dieses ‚Naturschauspiels‘, die Masse wird hier selbst ein ornamentaler Bestandteil der Fassadenarchitektur. Die beiden andeutungsweise sichtbaren Kirchen im Hintergrund, in denen wohl bald die Weihnachtskrippen daran erinnern werden, worauf es sich zu freuen gilt, scheinen ins Bild zu kippen. Der Glaube könne Berge verrücken, heißt es. So ist auch hier alles irgendwie verrückt und verrutscht. Aufnahmedaten: Nikon F2, 50 mm-Objektiv f1.8, Blende 5.6, Belichtungszeit 1/125, Kodak T-Max 400. Die Kontraste wurden in Photoshop angehoben.”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Marcus bereits berichtet.

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Marcus ist uns aus einigen Besprechungen schon als scharfsichtiger Bilderzähler bekannt. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Elemente dieser Arbeit.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Eine ‚verkehrte‘ bzw. auf den Kopf gestellte Welt erwartet uns in diesem Bild – ein Pulk aufrechter Menschen in der Bildmitte erweist sich als Trugbild in Form einer Spiegelung, während einige verkippte Personen am rechten unteren Bildrand noch am ehesten einer realer Abbildung entsprechen (blaue Linien ebd.). Gleichsam verlockend und bedrohlich, wie ein Sinnbild kommerzialisierter Weihnachten, ragt vom rechten Bildrand her eine Häusersilhouette einschließlich Kaufhaus und Kirchtürmen ins Bild hinein (rote Linien ebd.).

Die nach rechts, auf besagte Häusersilhouette zulaufenden Fluchtlinien stellen in dieser verdrehten Welt noch ein gewisses Maß an Halt und Ordnung parat (gelbe Linien ebd.)

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm ist recht breit gezogen und zweigipflig, wirkt somit hochkontrastig. Gerade im Schattenbereich liegen einige markante Tonwertabbrüche vor, die hier aber gut in die Bildgeschichte eingebunden sind.

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Zusammenfassung: ‚Verrückt und verrutscht‘, wie Marcus selbst es ausdrückte oder auch gänzlich grotesk bzw. kafkaesk wirkt die in diesem Bild dargestellte, von strömenden Menschenmassen, Glaubens- und Kommerzsymbolen bevölkerte Vorweihnachtswelt. Eindrucksvoll spielt Marcus hier mit den Symbolen, und er schafft es, seine kritischen Gedanken bildwirksam in Szene zu setzen.

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Komposition

Tonwerte

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


5 Antworten
  1. DWL says:

    Hallo Thomas und Marcus,

    Mir gefällt Das Foto von Marcus sehr und es ist dazu eigentlich alles bereits gesagt.

    Als Kölner (der jedoch kein Lokalpatriot ist) kann ich Den Kommentar von Marcus jedoch nicht nachvollziehen.
    Eigentlich ist Köln (bekanntlich Geburts- und Wirkungsstätte bspw von August Sander und Standort der Photokina, die in den 70ern in der damaligen Kunsthalle parallel zur Industriemesse recht anspruchsvolle Fotos zeigte, bisweilen wie 1974 von Thilo Koch sehr gut kommentiert) eher als liberal und weltoffen angesehen, was sich auch in den Museen zeigt. Übrigens auch in vielen Fotoexpositionen in Köln.

    Dass die Fotografie noch keinen Durchbruch auf dem KunstMARKT erzielt hat und daher noch keine Millionen für gute Fotokunst bezahlt werden, hat natürlich seine Auswirkungen im Hinblick auf das Interesse von Leuten, die mit Kunsthandel eher GELD und weniger Ruhm verdienen möchten (vulgo: Galeristen) .

    Ich persönlich glaube, dass die traditionelle Vermarktung über Galeristen bei so einem vergleichsweise jungen Medium wie der Fotografie zukünftig zum überwiegenden Teil über das Internet laufen wird, allein bereits wegen der möglichen nicht-physischen Versendung und Betrachtungsmöglichkeit.

    Es stellt sich auch die Frage, ob man lieber von wenigen Leuten in einer Galerie oder vielen per Internet wahrgenommen werden will?

    Jedoch sind bereits erste Millionenbeträge für einzelne Fotowerke gezahlt worden.

    Der Rest der absehbaren Preisentwicklung ist eher eine Frage der Zeit.

    Ich persönlich habe bisher bei zeitgenössischer „Kunst“ keine hochsignifikante Korrelation festgestellt zwischen einerseits
    Galeristeninteresse/Marktpreis und andererseits dem, was ich unter hohem Niveau verstehe.

    Denn überall dort, wo GegenwartsKunst ein MARKT wird, besteht einzig eine hohe Korrelation zwischen dem betriebenem Aufwand, ein Produkt in den Markt zu drücken bzw dort zu positionieren, und dem Preis.

    Wenn das für alle Kunstformen gilt, warum sollte das ausgerechnet bei der im digitalen Zeitalter leicht zu vervielfältigenden Fotokunst anders sein?

    (einfach mal ein paar Gedanken zu dem von Euch angeschnittenen Thema)

    Antworten
    • Marcus Leusch says:

      Lieber „DWL“

      Was Köln anbelangt, kann ich Dich hier nur bestätigen. 
Ja, der große August Sander, nicht zu vergessen meinen lieben Chargesheimer, der ja in Köln auch viel gelitten hat, später die Fotomesse, in deren „Dunstkreis“ viele hervorragende Fotografien präsentiert wurden und werden. Hier gibt es durchaus auch einige Galerien, die sich dem Medium verdienstvoll zugeneigt fühlen – insofern ist Köln eine der großen Städte für dieses Thema.

      Mit den „Rheinländern“ meinte ich eher meine bescheidene Heimat Mainz, die einen in diesem Punkt in die Diaspora schickt, wenn man nicht wohnzimmertaugliche Bilder in seinem Portfolio hat.

      Der Kunsthandel ist wahrscheinlich auch nichts für mich, da ich nicht künstlerisch arbeite, sondern bloß handwerklich ;-))
      Ich schreibe also lediglich einige lichte und schattige Gedanken
auf‘s Papier, die vielleicht den ein oder anderen berühren mögen.

      An eine Vermarktung meiner Bilder im größeren Stil hatte ich ohnehin nie gehofft/gedacht und das Internet war mir persönlich für ein solches Anliegen immer fremd. Aber wahrscheinlich liegt gerade hier das Potential für das Gros der Fotografen – da hast Du den Nagel für mich auf den Kopf getroffen.

      LG
      Marcus

  2. Marcus Leusch says:

    Hallo Thomas,

    herzlichen Dank für Deine prägnante Bildkritik zum „Herdentrieb“, eine erneute Ermunterung zu weiteren „Bilderzählungen“ – und vielleicht auch einmal etwas „Offizielleres“ in Form einer Ausstellung (– aber die „gestandenen Rheinländer“ wollen doch eher Bilder für’s Wohnzimmer, das macht dieses Unterfangen wohl zu einer Sisyphos-Aufgabe.)

    Hier hätte der Titel auch heißen können: „Alle Jahre wieder … – Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“. So hatte ich mir das etwa Mitte der 90er Jahre mit Hilfe eines „geflügelten“ philosophischen Zitats zu dieser Aufnahme notiert. Und wenn ich Deine Besprechung hier lese, dann hat sich trotz des zeitlichen Abstands an der Aktualität und Aussagekraft des Bildes ja kaum etwas verändert, es hat sozusagen seine Lesbarkeit über zwanzig Jahre hinweg erhalten. Dieses Bild gehört denn auch zu meinen ersten Street-Fotos, die ich mit einem gewissen Anspruch aufgenommen habe. …

    
Interessant finde ich hier immer noch die nicht gerade regelkonforme Perspektive – war zu jener Zeit sehr von A. Rodchenko und Eisenstein-Filmen fasziniert, bei denen solche ungewöhnlichen Momente eines „schrägen“ Sehens (auch im übertragenen Sinn) zu einer unnachahmlichen Kunst wird – ohne mich hier mit diesen Größen messen zu wollen …

    Grüße zur Nacht
    Marcus

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „die ‚gestandenen Rheinländer‘ wollen doch eher Bilder für’s Wohnzimmer“

      Wie sagte Michael Kenna (einer meiner Lieblingsfotografen) doch so nett in seinem Hokkaido-Interview: „Es ist nicht Aufgabe von uns Fotografen, Dekoration für die Wände anderer Leute zu erschaffen. Es ist stattdessen eine Entdeckungsreise. Und ich denke, auch eine authentische Art, durch das Leben zu gehen. Eine Art, Dinge zu entdecken, zu finden und zu untersuchen.“

      Ganz in diesem Sinn … und natürlich ist ‚vom hohen Berge trefflich herunterspucken‘ :o) …

    • Marcus Leusch says:

      „… und natürlich ist vom Berge trefflich herunterspucken …“

      Wer so spuckt, der hat ohnehin schon meine Sympathie. Kenna ist schließlich ein Fotograf mit einem Erkenntnisinteresse. So werden aus Erlebnissen auch Erfahrungen – und da treffen sich seine und meine Anschauung recht gut. Wenn ich hier allerdings mit Galeristen rede, dann fungiert die Fotografie doch eher als schmückendes Beiwerk wie die Petersilie auf dem Karpfen. Und so sehen denn auch die meisten Fotos aus, die oftmals ohne Sinn und Verstand für Inhalte präsentiert werden. Die Kunst ist dann in vielen Fällen bloß noch eine blau angestrichene Pappnase … – „Helau“!

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