Leserfoto:
Höchste Konzentration

In der heutigen Bildbesprechung möchte ich Euch eine ungewöhnliche, gleichwohl sehr wirksame Porträtaufnahme vorstellen.

Ausgangsbild

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Unsere Leserin Martina Müller aus Ravensburg hat uns das obige Bild unter dem Titel „Starke Stille” in der Kategorie ‚Portrait‘ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Ich habe dieses Bild am Ende einer Ballett-Probe aufgenommen. Die Dame hat mich von Anfang an durch ihre starke Ausstrahlung sehr fasziniert. Die Mischung aus Stärke und filigraner Weiblichkeit hat sie fast schon perfektioniert. Ich musste einfach Abdrücken. Der Moment schien mir ein Perfekter zu sein, die Stimmung im Raum, die Haltung, das Licht, für mich passte es alles zusammen.Nun würde mich einmal die Meinung von Professionellen Fotografen Interessieren.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 550D mit dem erschwinglichen und ‚porträtfreundlichen‘ Festbrennweitenobjektiv Canon EF50mm f/1.8 II verwendet. Die Brennweite betrug kleinbildäquivalente 80 mm bei einem Formatfaktor von 1.6, die Belichtungsdaten waren 1/50 Sekunde bei Blende f/5.0 und ISO 800.

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Aus dem beschaulichen und schönen Ravensburg (eine Woge der Erinnerung umspült mich, da ich dort vor langer Zeit Zivildienst machte) erreichen uns in letzter Zeit immer wieder ansehnliche Porträtaufnahmen, wie etwa das Bild von Linda Bestwalter aufzeigt. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente in Martinas Arbeit.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Es ist ein ungewöhnliches Porträt, ein solches ohne Gesicht. Und doch ist es ohne Zweifel eine starkes und beeindruckendes Menschenbild. Wir sehen eine junge Frau, außerordentlich beweglich und trainiert, im Augenblick höchster Konzentration – und auch willentlicher Spannung, denn hier handelt es sich offensichtlich um eine Dehnungsübung.

Die Aufsicht auf den Kopf präsentiert sich durch die mittige Platzierung und dunklen Tonwerte als Motivschwerpunkt und Blickfang (blaue Linien ebd.). Sehr spannend gruppieren sich darum ein aufrechtes Dreieck aus Schulterpartie und Armen und ein auf dem Kopf stehendes, teilweise verdecktes Dreieck aus den Beinen (rote Linien ebd.).

Auch der Hintergrund umspielt wunderbar die Person mit seinen hinführenden Linien (gelbe Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Bild weist eine High-Key-Anmutung auf, entsprechend zeigt sich das Histogramm rechtsgeneigt und mit einem Median von gut 180, ohne daß aber nennenswerte Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich zu verzeichnen sind.

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Zusammenfassung: Ich kann Martina zu dieser reifen Arbeit nur beglückwünschen. Ihr Bild visualisiert die Konzentration und Stärke der jungen Frau vortrefflich. Die mittige Platzierung und statische Anlage ist hierfür ein sehr geeignetes Gestaltungsmittel. Der tiefe Aufnahmestandpunkt und die geschickte Einbindung des Hintergrundes trägt darüber hinaus zur eindrucksvollen Bildwirkung bei. Ich schätze dieses Bild als ausstellungs- und wettbewerbsgeeignet ein.

Einzig könnte man noch eine kleine Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) im Sinne eines behutsamen Beschnitts von rechts unten her erwägen. Dies brächte den Kopf noch etwas mehr in die Mitte, wiewohl eine ganz exakte Zentrierung aufgrund einer leichten Achsenverkippung von Kopf, Schulterpartie und Hintergrund unmöglich ist.

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Komposition

Tonwerte

Überarbeitung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


8 Antworten
  1. Hoffmeister says:

    Ich bin gerade auf diese Website gestossen. Ich fotografiere gerne und viel, habe aber noch nie Bilder veröffentlicht.
    Mich interessieren die guten und konstruktiven Kritiken.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Mich interessieren die guten und konstruktiven Kritiken.

      Herzlichen Dank für die freundliche Rückmeldung. Das ist uns Ansporn …

  2. Jens says:

    Mir gefällt das Bild auch sehr gut, keine Frage. Ein Beschnitt würde hier nicht viel bringen. Ich sehe das Problem eher darin, dass die Linien nicht fluchten.

    Antworten
  3. Thomas Brotzler says:

    Im Zuge der Veröffentlichung dieser Bildbesprechung (mit zwei anderen) auf Spiegel Online ist die Diskussion nochmals ‚aufgeflammt‘, was Martina sicher freuen wird – uns von Fokussiert natürlich auch. Ich will auf die Sichtweisen und Argumente nachfolgend kurz eingehen …

    @ Joachim Lehmann

    Gemeint ist das vom Betrachter gesehen rechte Knie der Ballerina (aus ihrer eigenen Sicht wäre es das linke). Tatsächlich scheint die Tonwerte der Haut und der Wand schier ineinander zu fließen. So hätte ich dort (in einer gestalpsychologischen Betrachtung, siehe auch mein Tutorial dazu) eher von einer ‚geringen Figur-Grund-Differenzierung‘ gesprochen. Der Begriff ‚Überstrahlung‘ ist hier weniger angezeigt, dies wäre (nach Zonensystem, siehe auch mein Tutorial dazu) eher der Zone X ohne Detailzeichung und Tonwertmodulation angemessen. Im Bild liegt das besagte Knie in Zone IX, wie sich mit der Pipette des Histogramms leicht nachmessen läßt.

    Interessanterweise liegt hier auch ein gewisses ‚trompe l’oeil‘ vor, denn am linken und rechten Knie tauschen Haut und Wand die Zonen, wie die nachfolgende Illustration verdeutlichen soll.

    @ (Lippold) von Steimker

    Gewiß ist die asymmetrische Platzierung ein ‚Königsweg zum bildwichtigen Spannungsbogen‘, auch läßt sich eine ‚dosierte Irritation‘ in diesem Sinn konstruktiv einsetzen. Doch solche Planmäßigkeit meine ich in der Intention der Fotografin nicht feststellen zu können. In seiner relativen Strukturarmut hat der Raum für mich auch keinen eigenständigen Elementcharakter, sondern dient eher der Einrahmung des Hauptmotivs. Davon (im Beschnitt) etwas abzutragen schiene mir insofern dem Bild nichts Entscheidendes wegzunehmen. In diese Richtung geht aus meiner Sicht auch, daß es sich eher um ein Nah- denn ein Umgebungsporträt handelt (siehe dazu auch mein Tutorial ‚Porträtfotografie‘), so daß ich trotz der unbezweifelten Geschlossenheit des Hauptmotiv keine distanzschaffende Absicht der Fotografin erkennen kann.

    Bei Fragen eines anstehenden Beschnitts (wie eben hier) kann es sich auch empfehlen, beide Versionen (mit und ohne Beschnitt) einmal auszudrucken, nebeneinander zu legen und immer wieder einmal anzuschauen.

    Tonwerte: Detail der beiden Kniee

    Antworten
  4. von Steimker says:

    Bitte nicht beschneiden:
    – die Asymetrie verleiht der Arbeit eine größere Spannung
    – in der beschnittenen Version wird die Distanz verringert, der Raum in seiner Bedeutung eingeschränkt, die Haltung der Person ist jedoch eine abgeschlossene,die nicht auf Nähe ausgelegt ist

    Antworten
  5. Joachim Lehmann says:

    Vom Bildaufbau wirklich super gelungen. Auch die Pose ist sehr schön. Was mich stört, ist die Überstrahlung des rechten Knies.

    Antworten
  6. Martina Müller says:

    Lieber Thomas,

    vielen Dank für diese überaus erfreuliche Kritik an meinem Bild. Deine Worte spornen mich an dieses Hobby noch weiter auszubauen. Ich freue mich besonders, dass die Message die ich mitteilen wollte angekommen ist. Das Bild ist wahrlich eins meiner „besten“ in 2013 umso mehr freue ich mich über deine Einstufung.
    Deinen Bearbeitungsvorschlag werde ich umsetzen, denn mir gefällt diese Variante ebenfalls sehr gut. Immer wieder einen neuen Blickwinkel entdecken, danke dafür!

    Liebe Grüße aus dem schönen Ravensburg.
    Martina

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