Tutorial:
Blickwege bei der Bildbetrachtung (2)

Das vorliegende Tutorial knüpft an dasjenige zur Gestaltpsychologie an. Ging es dort vornehmlich um die Mustererkennung und innere Verarbeitung des Gesehenen, so stehen hier die Blickbewegungen und die verschiedenen Arten des Bildauslesens im Vordergrund.

Wechsel von Fixationen und Sakkaden beim Lesen (LROU)

Blickwege aus Sicht kultureller Bedingung

Das Wissen um bestimmte, kulturabhängige Lese- und Schreibrichtungen ist ein Gemeinplatz. Wir alle wissen um die bei uns gängige ‚Richtung von links nach rechts, nachfolgend von oben nach unten (LROU)‘. Und die meisten von uns wissen um die Gegenbeispiele wie etwa die im arabischen und hebräischen Raum verbreitete ‚Richtung von rechts nach links, nachfolgend von oben nach unten (RLOU)‘ oder die im japanischen und chinesischem Raum gebräuchliche ‚Richtung von oben nach unten, nachfolgend von rechts nach links (OURL)‘. Bei meiner Recherche stieß ich noch auf die Schrift der philipinischen Tagbanuwa mit der ‚Richtung von unten nach oben, nachfolgend von links nach rechts (UOLR)‘, womit nun fast alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

In einer auffälligen Vergleichssetzung zur Texterfassung wird nun in der Populärwissenschaft (in Lehrbüchern und Tutorials also) auch auf eine ‚übliche Richtung der Bilderfassung‘ hingewiesen, wobei diese als ‚von links unten nach rechts oben‘ charakterisiert wird.

Positionierung am Bildanfang (Quelle: Steffen Maier) Positionierung am Bildende (Quelle: eigene Arbeit)

Um ein Beispiel zu geben, werden sich die meisten von uns über den markanten Unterschied der beiden obenstehenden Abbildungen einig sein – im linken steht die Hauptperson am Bildanfang links unten, alles ist offen, die Handlung (hoffentlich kein Absturz aus luftiger Höhe) steht noch bevor; im rechten hingegen steht die Hauptperson am Bildende rechts oben, die Handlung (eine Mutprobe in luftiger Höhe) ist fast abgeschlossen.

Doch wirft diese scheinbare Schlichtheit bzw. eindeutige Zuordenbarkeit der im Bild eingeschlossenen Handlung auch Fragen auf: Müßten Betrachter aus anderen Kulturen, mit anderen Lese- und Schreibrichtungen also, diese Bilder nicht ganz anders auffassen? Ist die gängige populärwissenschaftliche Vergleichsetzung von Text- und Bilderfassung nicht allzu vereinfachend?

Ich fand darauf seltsamerweise keine rechte Antwort und auch keine einschlägigen Quellen in der wissenschaftlich-kulturvergleichenden Literatur – vielleicht ein ‚blinder Fleck‘ bei mir; wenn mir einer von Euch einschlägige Quellen nennen könnte, wäre ich dankbar dafür.

Fündig wurde ich hingegen hinsichtlich der kulturvergleichenden Erforschung eines zweidimensionalen versus eines vermeintlich dreidimensionalen Auslesens von Bildern. Nun ist ein Bild ’naturgemäß immer flach‘, doch sind wir in unserem Kulturkreis in solcher Weise erzogen und trainiert, daß wir aus dem Vorhandensein von Fluchtlinien, Größenunterschieden und Staffelungen die Illusion von Räumlichkeit abzuleiten geneigt sind.

Jan B. Deregowski, mittlerweile emeritierter Professor der Psychologischen Fakultät an der Universität Aberdeen, wies in seinem 1972 im Magazin ‚Scientific American‘ (227, 82-88) erschienenen Artikel ‚Pictorial perception and culture‘ nach, daß Naturvölker unbenommen des Alters- und Bildungsgrades zu einer zweidimensionalen Betrachtung neigten, wohingegen ihnen die Nachvollziehung einer dreidimensionalen Betrachtung ‚westlicher Art‘ größte Mühe bereitete.

Vergleich zwischen zwei- und dreidimensionaler Lesart (Quelle: Jan B. Deregowski)

Anhand der obenstehenden Abbildungen veranschaulichte Deregowski, daß Angehörige des Bantu-Stammes in Südafrika die aufgeklappte Draufsicht des Elefanten als wesentlich natürlich und angemessener empfanden wie die perspektivisch korrekte Draufsicht (jeweils linkes Bild). Im Gegenzug verwies er auf die stilisierte und kunstfertige Draufsicht eines Bären durch Angehörige des Tsimshian-Stammes in Britisch-Kolumbien, die uns westlichen Betrachtern rätselhaft erscheine (rechtes Bild).

Deregowskis Arbeit ist in methodischer Hinsicht nicht unwidersprochen geblieben (ein ‚Lieblingssport‘ der Wissenschaft gewissermaßen), doch hat die ‚Kernaussage kultureller Unterschiede ohne Rangfolge‘ nach meinem Eindruck weiterhin Gewicht.

4. Blickwege aus Sicht der Gestaltpsychologie

Zu den Einzelheiten darf auf das einschlägige Tutorial hingewiesen werden. Hier möchte ich mich auf die wesentlichen Ergebnisse beschränken.

Es geht bei der gestaltpsychologischen Betrachtung darum, daß das Sehen „ein ausgesprochen subjektiver Vorgang (ist), indem das naturalistisch Gesehene zunächst vorsortiert und geordnet und in solcher Weise ‚im Gehirn zur weiteren Interpretation herumgereicht‘ wird.”. Es geht hierbei also nicht um ‚kulturbedingte Leserichtungen‘ wie im vorherigen oder um ‚kontrastbetonte Detailerkennung‘ wie im nachfolgenden Abschnitt (Eye Tracking), sondern um ‚Mustererkennung‘.

Wenn man sich das menschliche Sehsystem als eine ‚gegliederte funktionelle Einheit‘ und als ein ‚Kontinuum von Auge bis zur Sehrinde‘ vorstellt, so wäre die gestaltpsychologische Betrachtungsebene am ehesten an der Schnittstelle von Sehrinde zum Gedächtnis anzusiedeln. Insofern handelt es sich um eine ‚interpretative Kulturtechnik‘: wo keine Erinnerung und Vorprägung herrscht, kann es auch keinen Musterabgleich zwischen innen und außen geben.

 

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