Leserfoto:
An der Grenze zur Malerei

Eine bewußt mit Unschärfe und starker Farbigkeit arbeitende, fast impressionistisch wirkende Arbeit möchte ich Euch in der heutigen Bildbesprechung vorstellen.

Ausgangsbild

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Unser Leser Dirk Wenzel aus dem sachsen-anhaltinischen Mansfeld hat uns das obige Bild unter dem Titel „Körpersprache” in der Kategorie ‚Digitale Kunst‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Körpersprache … und den Rest denke ich mir…”

Über Ausrüstungsdetails und Aufnahmedaten liegen keine Informationen vor.

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Von einigen Bildbesprechungen her ist uns Dirk mit anmutigen Street- und Porträtbildern (oft schwarzweiß, bisweilen mit sparsamer Farbgebung) bekannt. Hier beschreitet er mit Unschärfe und geradezu überschäumender Farbigkeit ganz neue, experimentelle Wege. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Vage bzw. nur Angedeutete macht den Reiz dieses Bildes aus, es gilt für den Betrachter somit manches zu entdecken. Relativ deutlich sind sogleich die beiden Baumsilhouetten in der Nähe der Bildränder (gelbe Linien ebd.). Schemenhaft erkennen wir dann das in einer Unterhaltung begriffene Paar, beide mit verschränkten Armen, er links frei stehend, sie rechts an den Baum lehnend (rote Linien ebd.). Ein sich andeutendes Geländer strukturiert schließlich noch etwas den Raum (grüne Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Deutlich rechtsschief und mit markanten Tonwertabbrüche im Lichterbereich zeigt sich das Histogramm, passend zum Eindruck eines ausgebrannt wirkenden Himmels bzw. einer allgemeinen Lichtüberflutung.

Farben: Kräftige, gleichwohl auch pastellene Farbtöne im Bereich von Blau, Grün und Gelb dominieren das Bild.

Struktur: Die schon erwähnte Unschärfe hat hier Methode, sie verleiht dem Bild gemeinsam mit der starken Farbigkeit eine malerische Qualität.

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Zusammenfassung: Dirk mag sich ‚den Rest denken‘ – ich täte es ihm gleich und würde bei diesem so impressionistisch wirkenden Bild womöglich ins Schwärmen geraten, wenn ich für diese Besprechung nicht auch einige Worte finden müßte …

Was mich enorm anspricht, ist gerade das Vage und Schemenhafte dieses Bildes. Die Grenzen der abbildungstreuen Fotografie werden hier verlassen und der Bereich der Malerei fast schon erreicht. Die Geschichte ist wohl deutlich genug, doch entzieht sie sich auch einer raschen Betrachtung und möchte erst entdeckt werden. Dem Betrachter öffnen sich auf diese Weise große Interpretationsräume. Für mich persönlich klang in der Betrachtung ein wenig die ‚Geschichte des Suchens und Findens, des Werdens und Vergehens‘ an …

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Komposition

Tonwerte

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


16 Antworten
  1. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin Thomas …

    das war ein guter „Landgang“ … vielen Dank !

    Es geht doch nichts über ein klassisches „Fischbrötchen mit nem Pott Kaffee“ …

    … vielleicht trifft man sich ja mal an der Fischbude … wo der frisch gefischte Fisch in der Zeitung … von letzter Woche … gerollt… seine Reise zur Verköstigung antritt…

    … bin gespannt, wie es weiter geht…

    vielen DANK Dirk

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „vielleicht trifft man sich ja mal an der Fischbude“

      Wenn bei Euch da oben nach dem Orkan noch was steht :o) …

  2. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin …

    Lieben Dank Erica … für die Worte zur späten Stund …

    Frage an Thomas … Moin Moin erst … :-)

    Die manuelle Einstellung technischer Parameter an der Kamera wie z.B. Weißabgleich oder Schärfe oder Farbraum usw. schafft ein Bildergebnis welches ohne weitere Bildbearbeitung ein interessantes anderes technisches Ergebnis zeigt wie z.B. schreib mal …. Grundeinstellung mit Automatik für den Weißabgleich ….

    Anderes Beispiel … die Umwandlung in Graustufen basierend auf den Farbwerten RGB plus Luminanz und Sättigung verarbeitet die Kamere bei gewünschter Einstellung Monochrom glaub … technisch selber und zeigt es in der Vorschau an …

    Was ich meine … Oh ha starker Wellengang an der Seehundbank … Nutze ich alle Möglichkeiten der technischen Veränderung an der Kamera …. Verlasse ich dann die Fotografie ???

    Deine Bilder sind SW … Dafür nutzt doch bestimmt auch die Technik der Kamera und Nachbearbeitung …

    Was hab ich da nicht verstanden … ?

    Teure Objektive oder weiteres Zubehör kann ich nicht nutzen … geht alles in den Krabbenkutter …. :-) …

    Endet somit die Kreativität am und im Bild als Foto … ?

    Ich setze jetzt nen Seegel am Krabbenkutter … Sieht komisch aus … Wind ist da … auf gehts …

    BGr vom Krabbenkutter Dirk … Klick klick

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Dirk,

      unsere Diskussion handelt ja davon, wie sich Fotografien erschaffen lassen, welche die Grenzen einer rein naturalistischen Darstellung überwinden. Und hier greift aus meiner Sicht das Paradoxon, daß wir natürlich die Möglichkeiten der Kamera und Bildbearbeitung nutzen müssen, um das Ergebnis dann eben nicht mehr wie eine Fotografie im klassischen Sinn wirken zu lassen.

      Einige Ansätze und Möglichkeiten dazu hatte ich ja bereits in meinem Tutorial ‚Möglichkeiten der Bildverfremdung in der klassischen Fotografie‚ aufgezeigt.

      Ich will es noch anders ausdrücken: ein kreativer Prozeß definiert sich für mich darin, das vor Ort Gesehene verdichten und übersetzen zu wollen und in diesem Zuge auch das ‚innerlich Gesehene und Empfundene‘ mit einfließen zu lassen.

      Die ‚Farbauflösung‚ der Schwarzweißfotografie ist für mich ein (bzw. das wichtigste) Instrument hierfür. Niemand erwartet, daß ein monochromes Bild das Gesehene realistisch abbildet, so daß sich Interpretationsräume öffnen. Das Lensbaby oder Euer Beispiel defokussierter Aufnahmen bringt die ‚Strukturauflösung‚ als weiteres Instrument ins Spiel.

      Michael Kenna sagte einmal sinngemäß, daß er Ausrüstung und Technik einfach halten wolle, um dem kreativen Prozeß möglichst viel Raum zu geben. Das meinte ich, als ich vom ‚lästigen Gefrickel am Lensbaby‘ sprach, welches ein ‚intuitives Arbeiten nahe an den eigenen Vorstellungen und Empfindungen‘ beeinträchtigen kann – gerade ist man noch schweißgebadet mit den dortigen Eigentümlichkeiten des Scharfstellens und Verkippen befaßt, schon sind das inspirierende Motiv und der kreative Einfall ums nächste Eck verschwunden …

      Thomas

  3. Erica says:

    Moin, moin, auch wenn es 23.51h ist.
    o.k. du forderst mich heraus Geheimnisse zu verraten. Du erwartest Tipps? Sagen wir so, es sind Experimente, bei denen man lernt, mit der Kamera zu spielen: Es bedarf keiner Bildbearbeitung, es ist das Spiel (der Pinsel) mit der Kamera: Diese Art fotografischer Malerei, bei der du angelangt bist, ist eine Vemischung von Malerei bzw. des Handwerkzeugs: Pinsel und Kamera: Beides sind Hilfsmittel und deine Intuitioon und Fantasie nutzen sie: du benutzt eigentlich die Kamera wie einen Pinsel. Abstraktion in der Malerei ist Andeutung, frei für jede Interpretation. Die Kamera ist genau wie der Pinsel nur ….Hier kann man keine technischen Details verifizieren. Da kann man auch keine Tips geben, weil jeweils das was man fotografieren will seine Licht/Schatten-und Unschärfethemen hat. Tipp 1 wenn du in dieser Richtung arbeiten möchtest:
    Objektiv; Da gibt es keine Fokus-oder Schärfeausrichtungen, du siehst etwas,du siehst ein Bild, du möchtest eine Impression in eine Expression bringen; nun konkret: deine Einstellung bringst du in dien Unschäfebereich, obwohl fokussiert, u.Umständen auch bewegst du deine Kamera in dieser Unschärfe: klar, das entspricht keiner Norm der Fotografie!!!!
    du selbst entschheidest immer selber, wann du den Auslöser drückst. Ganz bewußt im Prinzip, weil dir der Moment das Entrücktsein deiner Impression zusagt. Dafür gibt es keine technnischen Parameter. Aber bei solchen Experimenten machst du viele „Klicks“ um dann dich für das beste Bild zu entscheiden, Licht, Bewegung, Du bist wie im Film der Regiseur. Dein Interesse finde ich gut, ich sehe du willst in dieser Richtung
    weiterarbeiten. Dirk, ich bin der Meinung, jeder Fortschritt entschritt durch Experimente, viel Glück! Erica

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Das klingt ziemlich interessant, was Ihr beiden da besprecht. Und auch auf Beispiele bin ich gespannt, wobei eine Remininszenz an die Fotografie wünschenswert wäre – denn Fokussiert ist ja ein Fotografieblog …

      Neben der klassischen Schwarzweißfotografie reizen auch mich Ansätze in Richtung einer ‚partiellen Strukturauflösung‘. Einige Arbeiten dazu hatte ich im zweiten Teil meines Lensbaby-Tutorials vorgestellt. Mit diesem Objektiv intuitiv zu arbeiten, ist allerdings nicht ganz einfach, denn es benötigt zunächst eine ‚höllische (manuelle) Anwendungssicherheit‘ …

  4. Dirk Wenzel says:

    Moin Erica … wo liegen die „Veränderungen“ an dem Objektive mit welchem Effekt … magst kurz beschreiben ?

    … find spannend … an einem von meinen Objektiven hab den Focus fixiert und schaue was sich aus dem Standpunkt ergibt … auch freihandklick gibt interessante Bilder …

    Krabbenkuttergrüße Dirk

    Antworten
  5. Erica says:

    Ja gerne, mal sehen, vielleicht mache ich ein Bild für euch in dieser Art. Ich kam eigentlich aufgrund eines kaputten Objektives auf diese Art Fotos zu machen und nicht über die digitale Bildbearbeitung.
    Die Entdeckung eine echte Fotografie zu haben, bei der die Abstraktion noch immer deutbare Informationen zuläßt, hat mich begeistert, allerdings ist das auch ein Spiel mit Licht und Schatten und Bewegung, freue mich weitere Besprechungsbeispiele zu sehen. Erica

    Antworten
  6. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin vom Krabbenkutter…

    einen lieben Dank Thomas für die Besprechung…

    Auch Dir Erica für die positiven Worte zu dem Bild…

    Die Geschichte der Unschärfe im Bild kommt meines Wissens aus der Malerei und hat seine auffordernde Bedeutung im Foto gerade in der Werbung seinen Platz gefunden… ein find spannende Arbeit mit schmalen Grad das Foto klassisch zu verlassen und doch eine Botschaft zu integrieren …

    Freut … Thomas … Die Grenze noch nicht überschritten zu haben … ein Beispiel für mich für weitere Versuche…

    Grüße vom Krabbenkutter an der Seehundbank Dirk

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Doch meine ich aber schon auch, daß die Fotografie in ihrer Abstraktionsfähigkeit irgendwann an eine methodische Grenze stößt und dann gegenüber den schier unendlichen Möglichkeiten der abstrakten Malerei, die ja „ex vacuo“ erschafft, ins Hintertreffen gerät.

      Ich fände es spannend, mit Euch diese Diskussion zu Möglichkeiten und Grenzen einer abstrakten bzw. sich vom Abbildungskontext lösenden Fotografie bei weiteren Besprechungen fortzuführen.

  7. Thomas Brotzler says:

    Zitat: „danke für den Mut diesen Stil der Fotografie zu diskutieren“

    Ich unterliege als freier Redakteur ja keiner direkten Zensur bei der Auswahl der zu besprechenden Bilder. Wohl gab es in früheren Zeiten eine etwas verstärkte Abgrenzung gegenüber der ‚Digital Art‘, doch war diese Grenze nie eine starre, vor allem wenn der fotografische Bezug noch deutlich war.

    Zitat: „ich bin teils auch in der Malerei zu Hause“

    Wie Du vielleicht weißt, komme ich ursprünglich von der Malerei und wechselte erst später zur (Schwarzweiß-)Fotografie. Und ich weise immer wieder gerne darauf hin, daß die dort unverzichtbaren Grundlagen der Komposition und Dramaturgie eigentlich auch für die Fotografie von hoher Bedeutung wären.

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  8. Erica says:

    Thomas, danke für den Mut diesen Stil der Fotografie zu diskutieren. Ich sah das Bild, und konvertierte es auch schon gedanklich in das unten konvertierte Grau. Ich mag beide, in Farbe und in Grau. Eine gute Aufteilung der Szene, rechts abgerückt wie um aus dem öffentlichen Raum zu entschwinden, geheimnisvoll und privat. Es läßt in der Körperhaltung einige Interpretierungen zu; die abwartende Haltung der Körper, verschränkte Arme. Es ist kalt, die Farbe gibt Wärme, in Grau kommt Tristesse auf. Gratulation beiden für den Mut der Veröffentlichung und Besprechung. Da ich schon sehr lange Bilder solchen Stils mache, Fotografie malen mit Licht betrachte, ich bin teils auch in der Malerei zu Hause, einfach Chapeau.

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  1. […] Ein weiteres Bild dieser sehr interessanten Serie findet sich nebenstehend, wir hatten es hier im November 2013 besprochen und lebhaft diskutiert. […]

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