Leserfoto:
Ein lebendiger Augenblick II

Die Bedeutung des ‚entscheidenden Moments‘ für eine gelungene Aufnahme im dynamischen Umfeld wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Ausgangsbild

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Unser Leser Sven Gernand aus Göttingen hat uns das obige Bild unter dem Titel „Rasta” in der Kategorie ‚Schnappschuss‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Dieses Bild fing gute Laune ein. Es ist nicht gestellt und musste sehr spontan gefangen werden. Interessant finde ich das Lichtspiel und den hellen Bildmittelpunkt. Aufgenommen habe ich das Bild mit einer Canon EOS (1100D) und einem 50mm Objektiv mit Festbrennweite. Ein großartiges Objektiv!! Die Belichtungszeit betrug 1/60 Sek. bei ISO 2500. Das Bild wurde nachträglich entsättigt und einen Weißabgleich habe ich gemacht.”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Sven bereits berichtet. Bei erwähnten Objektiv handelt es sich um das günstig erhältliche Canon EF 50mm 1:1.8 II. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von 80 mm bei einem Formatfaktor von 1.6 und die (in der schwierigen Lichtsituation nachvollziehbare) Verwendung der maximalen Offenblende von f/1.8.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Die Bildgeschichte rankt sich um die drei Gesichter (rote Linien ebd.) – dunkler und im Vordergrund die junge Frau und der junge Mann, sich sichtbar zugetan; heller und im Hintergrund die junge Frau, in gewogener Betrachtung dieses stillen und fröhlichen Dialogs. Die Blicke der drei Personen sind begeistert, voller Energie und führen uns Betrachter sogleich ins Bild (gelbe Linien ebd.). Einige bogige, vertikale und diagonale Strukturen vervollständigne und stützen jenes Dreieck der Personen und Blicke noch (blaue Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder): Das Histogramm zeigt sich gleichmäßig verteilt und etwas nach links versetzt bei einem Mittelwert von etwa 94. Sowohl im Schatten- wie auch im Lichterbereich sind flächige Tonwertabbrüche zu verzeichnen.

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Zusammenfassung: Die spannungsvolle Platzierung und das kontrastreiche Nebeneinander der Bildelemente in Verbindung mit dem ‚Gewitter der Blicke‘ sind als Stärken dieser Arbeit anzuführen. Es ist Sven sehr gut gelungen, hier den ‚entscheidenden Moment‘ abzupassen. Der Dynamikumfang der Szene ist eigentlich zu groß für die verwendete Ausrüstung, wie die flächigen Tonwertabbrüche aufzeigen, doch ist jener überborderende Kontrastumfang als zulässiges Stilmittel zur Symbolisierung der lebendigen Szenerie hinnehmbar.

Ganz vermag ich Svens doppelt ausgerufene Begeisterung für jenes erschwingliche Festbrennweitenojektiv nicht zu teilen – auf dessen Schwächen, etwa im Sinne eines potentiell unruhigen, schartigen und mit Doppelkonturen bzw. Posterisierungsartefakten einhergehenden Bokehs (die in dieser Aufnahme allerdings weniger zum Tragen kommen), hatte ich bei der Besprechung des Bildes „available light portrait” schon hingewiesen.

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Komposition

Tonwerte: Lichterbeschnitt

Tonwerte: Schattenbeschnitt

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. dWL says:

    Irgendwie funktioniert dieses Bild bei MIR nicht…

    Der Blick wird massiv auf die stark überbelichtete Frau in der Mitte gelenkt, die beiden Personen, die eigentlich die Hauptakteure sein sollten, wirken in den ersten Sekunden (zumindest in der Verkleinerung) ehe als Vignettierung unwichtigen Vordergrundes.

    Kann ein Bild, welches so in der Verkleinerung wirkt, gut sein?

    Eher nicht, finde ich.

    Insbesondere das profil des „Rastamannes“ blieb mir zunächst als solches Verborgen und ich fragte mich (als m.E.n. keineswegs unaufmerksamen Betrachter) mehrere Sekunden lang, woher der Bildtitel wohl kommt.

    Selbst nachdem man der recht wenig ins auge springenden Rastalocken gewahr wird, fragt man sich, ob man den Titel schlecht gewählt hat („Begegnung“ wäre besser gewesen) oder das Thema verfehlt ( weil kaum Rastalocken zu sehen sind – jedenfalls nicht als Bildthema in den Sinn kommen) .

    Auch die Beleuchtungssituation ist kontraproduktiv, weil das Auge des Betrachters immerwieder von den vermeintlichen Hauptakteuren WEG und stets wieder zur zentralen, gnadenlos überbelichteten und unscharfen Frau im Hintergrund gelenkt wird.

    Das Bild funktioniert einfach nicht.

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