Leserfoto:
Über die Mühe der fotografischen Abstraktion

Die Bedeutung von Bildkomposition und -dramaturgie für unser fotografisches Schaffen diskutieren wir in der heutigen Bildbesprechung.

Ausgangsbild

***

Unser Leser Matthias Jütte aus Berlin hat uns das obige Bild unter dem Titel „Dry Under” in der Kategorie ‚Abstraktion‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hallo zusammen! Vor einiger Zeit bin ich auf eure Bildkritik gestoßen und würde mich nach intensivem Studium vergangener Kritiken nun gerne über Meinungen zu meinen Werken freuen. Meine erste Einreichung ist – wie ein Großteil meiner Bilder – eine Nahaufnahme. In diesem Fall die des ausgetrockneten Bodens am Pink Lake in South Australia, den ich auf meinem Weg von Adelaide nach Melbourne passierte. Die Farbe des Bodens hat in diesem Fall nicht viel mit der des Sees (zumindest dem Namen nach zu tun). Mich faszinierte aber vor allem auch die Struktur, die ich in diesem Bild festhielt und in der Nachbearbeitung durch eine Verdunkelung und Verstärkung der Kontraste noch weiter versucht habe herauszuarbeiten. Beim eigenen Blick auf’s Bild fühle ich mich immer wieder verleitet, die Konturen von Kontinenten der Südhalbkugel auszumachen – dies in vertrockneter Erde zu tun erscheint seltsam natürlich. Die Aufnahme wurde mit einer D80 und dem Nikkor 18-200 (3,5-5,6) gemacht, die Nachbearbeitung erfolgte in Lightroom. Ich bin gespannt! Matthias”

Über die verwendete Ausrüstung hatte Matthias bereits berichtet. Die Brennweite betrug 70.0 mm (entsprechend 105.0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 1/400 Sekunde bei Blende f/5.1 und ISO 100 .

***

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Für die Darstellung der Bildelemente habe ich das Bild ‚posterisiert‘. So zeichnen sich die dunkleren Furchen und die helleren Flächen klarer voneinander ab. Das Geflecht dieser Strukturen weist keine Ordnung auf, wirkt stattdessen wie zufällig verteilt. Der Betrachter findet ‚keinen oder alle möglichen Blickeinstiege und -durchgänge‘, er wird somit nicht durch das Bild geführt.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm zeigt sich deutlich linksschief bei einem Mittelwert von etwa 65. Die tiefen Furchen sind in Zone I, die ausgetrockneten Flächen in die Zonen III bis IV (mit einigen helleren Einschlüssen in Zone VIII) gelegt.

***

Zusammenfassung: Ich muß Matthias zunächst um Nachsicht bitten, daß ich sein Bild recht streng anfasse, zumal er darin sehr inspiriert wirkte. Es geht mir ganz gewiß nicht darum, sein Bemühen herabzuwürdigen oder mich an diesem Bild in irgendeiner Weise abreagieren zu müssen. Ich möchte ihn vielmehr auf die ‚Sackgasse einer kompositionsfreien Zone‘ hinweisen. Andere Betrachter, Kritiker oder Experten mögen über dieses Bild vielleicht anders urteilen, vielleicht entdeckt jemand darin die fotografische Entsprechung von Jackson Pollocks ‚Action Painting‘ – all dies ist legitim und Matthias könnte dann aus den kontroversen Meinungen das für ihn Richtige herausholen.

Mit der Bildkomposition und -dramaturgie tun wir Fotografen uns oft sehr schwer. Hier fehlt uns die grundsätzliche Erfahrung der malenden und zeichnenden Kollegen, ‚e vacuo‘ eine leere Leinwand bzw. ein weißes Blatt Papier konstruktiv füllen müssen. „Wir haben doch alles schon vor Augen”, werfen wir Fotografen hier gerne ein und übersehen dabei leider, daß wir in der Auswahl und Anordnung der Bildelemente selbst eine gute Portion jenes konstruktivistischen Aspekts des Malens und Zeichnens bräuchten. Dies gilt meines Erachtens für jene fotografischen Vorstösse in die Abstraktion ganz besonders.

Einen guten Einstieg in eine für Fotografen adaptierte Kompositionslehre bietet nach meinem Dafürhalten das Buch ‚Der fotografische Blick‘ von Michael Freeman (vergriffen, aber antiquarisch erhältlich).

***

Komposition

Tonwerte

***

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


1 Antwort
  1. Sabine Münch says:

    Hallo zusammen,

    ein großartiges Buch über Komposition, das sich sowohl an Fotografen, als auch an bildende Künstler sämtlicher Genres wendet, ist das Buch „Komposition – Die Kunst der Bildgestaltung – Eine Sehschule nicht nur für Fotografen“ von Albrecht Rissler. Albrecht Rissler fotografiert selbst seit seiner Kindheit, ist Grafiker, Zeichner und unterrichtet als Professor an der Fachhochschule Mainz Zeichnen und Illustration und hält Kurse zum Thema Bildgestaltung.

    Als Grundlage zum Thema Bildkomposition gefällt mir das Buch von Albrecht Rissler sehr gut und eher besser als das erwähnte Werk von Michael Freeman. Dieses ist inzwischen in einer Neuauflage erschienen.

    Danke für den interessanten Beitrag! Ich bin ein Fan abstrakter Kunst und finde den Ansatz bei dem eingereichten Foto gut, den Gedanken. An der Umsetzung hat der Fotograf vielleicht seitdem erfolgreich gearbeitet. Das Ergebnis würde ich gern sehen.

    Viele Grüße, Sabine

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *