Tutorial:
Blickwege bei der Bildbetrachtung (3)

Das vorliegende Tutorial knüpft an dasjenige zur Gestaltpsychologie an. Ging es dort vornehmlich um die Mustererkennung und innere Verarbeitung des Gesehenen, so stehen hier die Blickbewegungen und die verschiedenen Arten des Bildauslesens im Vordergrund.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Grundlagen des menschlichen Sehsystems
3. Blickwege aus Sicht kultureller Bedingung
4. Blickwege aus Sicht der Gestaltpsychologie
5. Blickwege aus Sicht der Eye-Tracking-Forschung
6. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

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5. Blickwege aus Sicht der Eye-Tracking-Forschung

5.1. Begriffsklärung

Emile JavalDie ersten bekannten Erfassungen von Augenbewegungen erfolgten im 19. Jahrhundert durch den französischen Arzt Emile Javal (1839 bis 1907). Dieser beschrieb insbesondere die Augenbewegungen beim Lesen.

Weiteren Auftrieb erhielt die Forschungsrichtung Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Erfindung der Filmkamera, wodurch eine direkte Aufzeichnung und nachträgliche Analyse der Augenbewegungen ermöglicht wurde.

 
Alfred L. YarbusWeithin als Pionier der systematischen Blickregistrierung gilt jedoch der russische Psychologe Alfred Lukyanovich Yarbus (1914 bis 1986), der sich insbesondere mit den Blickbewegungen beim Betrachten von Bildern beschäftigte. Er hat uns ein wunderschönes Experiment hinterlassen, welches ich im nächsten Unterabschnitt skizzieren möchte.

 

 
In heutiger Zeit werden Blickbewegungen durch mobile (sogenannte Head-mounted Eye Tracker) oder externe Systeme (sogenannte Remote Eye Tracker) aufgezeichnet. Bedeutung hat die Analyse der Blickbewegung in den Neurowissenschaften, in der Wahrnehmungs-, Kognitions- und Werbepsychologie, in der kognitiven bzw. klinischen Linguistik, im Produktdesign, in der Leseforschung und gelegentlich auch in der Verhaltensbiologie.

5.2. Ergebnisse

Nun zum angekündigten Experiment von Yarbus, dessen Aufbau und Ergebnisse 1967 unter dem Titel ‚Eye Movements and Vision‘ bei Plenum Press publiziert wurden.

Er verwendete das untenstehende, 1884 von Ilja Jefimowitsch Repin gemalte Bild ‚Rückkehr eines politischen Sträflings aus der Verbannung‘ (auch bekannt als ‚Der unerwartete Besucher‘), stellte den Probanten verschiedene Fragen bzw. Aufgaben und zeichnete die Blickbewegungen bei der Antwortsuche auf.

Yarbus' Experiment zu den Blickbewegungen unter Fragebedingung

Auffällig ist, wie stark die Blickbewegungsmuster von der gestellte Frage bzw. Aufgabe abhingen.

Eine verhältnismäßig breite Streuung der Blickbewegungen zeigt sich etwa bei der freien Betrachtung ohne Frage bzw. Aufgabe (1), der Hinterfragung der materiellen Verhältnisse der Familie (2), der Erwägung der Beschäftigung der Familie vor dem Eintreffen des Besuchers (4) und der Einprägung der Platzierung der Personen und weiteren Gegenstände im Bild (6). Ein völlig anderes, auf die Gesichter und Leiber beschränktes Betrachtungsmuster ergibt sich hingegen bei der Abschätzung des Alters der Abgebildeten (3) und beim Einprägen der getragenen Kleidung (5). Nochmals anders, auf ein Pendeln zwischen dem Besucher und dessen mutmaßlicher Mutter beschränkt zeigt sich die Abschätzung der Abwesenheitsdauer des Besuchers (7).

Wir lernen aus dieser Versuchsanordnung und deren Ergebnissen, daß die zugrundeliegende Absicht bzw. das ebensolche Interesse die Betrachtung steuert – ein Phänomen, welches als ‚intentionales Sehens‘ Einzug in die wissenschaftliche Begriffswelt gefunden hat.

Neben dem intentionalen bzw. absichtsvollen Sehen existiert offensichtlich auch noch ein anderes, eher reflexhaftes Sehen. Auch hierzu gibt es ein schönes Experiment, wiederum auf der Grundlage von Yarbus‘ Arbeiten, jedoch fortgeführt von David Noton und Lawrence Stark und unter dem Titel ‚Eye Movements and Visual Perception‘ 1971 im Scientific American puibliziert.

Notons und Starks Experiment zur Blickbewegung

Auffällig ist, daß die Blickbewegungen sich auf die Ecken und Winkel, auf die Konturen und maßgeblichen Binnenstrukturen konzentrieren, so daß wir bereits über die Betrachtungsmuster eine recht gute Vorstellung des Ausgangsbildes bekommen.

Wir können schlußfolgern, daß auffällige gemometrische Strukturen, aber auch Bereiche maximalen Bildkontrasts die Aufmerksamkeit des Betrachters in besonderer Weise anziehen.

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Soweit für heute zum dritten Teil zur ‚Eye-Tracking-Forschung‘. Im nächstwöchig erscheinenden, vierten Teil möchte ich die verschiedenen ‚Blickwege‘ nochmals zusammenfassen und in Beziehung setzen.

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2 Antworten
  1. Michael Dorwarth says:

    Hallo Hr. Brotzler,
    der Link zum 4. Teil-Blickbewegungen-Zusammenfassung funktioniert bei mir leider nicht, die anderen schon.
    Läßt sich das beheben? Ich würde mich freuen,
    Herzlichen Gruß,
    M. Dorwarth

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Danke für den Hinweis. Die internen Links zwischen den Artikelteilen wurden vervollständigt …

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