Leserfoto:
Über Bildwirkungen II …

In der heutigen Bildbesprechung diskutieren wir Vergleiche zwischen zwei Kinderporträts.

Ausgangsbild

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Unsere Leserin Kerstin Pinnen aus dem nordrhein-westfälischen Bad Honnef hat uns das obige Bild unter dem Titel „Erwischt” in der Kategorie ‚Porträt‘ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Ich habe mir vor ca. einem Jahr meine DSLR angeschafft. Leider komme ich erst seit ein paar monaten dazu, mich richtig intensiv damit auseinander zu setzen und nicht nur im Automatikprogramm ein paar Schnappschüsse zu machen. Je mehr ich übe desto besser weden die Bilder aber desto kritischer wird auch mein blick. Biilder, die ich ganz am Anfang gemacht habe und total toll fand, überzeugen mich nun kaum noch und ich habe tausend Dinge auszusetzen. Von diesem Bild bin ich selber total begeitsert. Ich habe die Kleine Nachmittags fotografiert. Danach habe ich mit ihr etwas an der Schaukel gespielt und wollte schon meine Kamera wegpacken als das Licht nicht mehr ausreichend vorhanden war. Dieser unbeobachtete Moment schrie dann doch danach eingefangen zu werden und ich bin total stolz auf das Bild. Jetzt bin ich mir leider sehr unsicher, ob das wirklich ein fotografisch gutes Bild ist oder ob ich in ein paar Monaten wieder unzählige Fehler und Veresserungswürdige Punkte entdecken werde .Ich wäre super glücklich, mal eine fachliche Meinung dazu zu bekommen.”

Zur Aufnahme wurde die 2011 eingeführte APS-C-Kamera Nikon D5100 mit einem Festbrennweitenobjektiv (vermutlich Nikon AF-S Nikkor 50 mm 1:1.8 G) verwendet. Die Brennweite betrug 75 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5, die Belichtungsdaten waren 1/800 Sekunde bei Blende f/2.8 und ISO 800.

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Vergleichsbild (Quelle: Tatjana Senz)Zweifel und Begeisterung mischen sich in Kerstins Erläuterung, und dies muß uns angesichts der oft hochemotional besetzten Kinderfotografie (unserem starken Bezug zum Abgebildeten also) nicht wundern. Ich möchte gerne auch einige Vergleiche zu einer ähnlichen Arbeit von Tatjana Senz aus Berlin (siehe nebenstehendes Bild) ziehen und unsere Leser bitten, sich die Bildbesprechung zu „available light portrait” nochmals vor Augen zu führen. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Bild zeigt ein sogenanntes Schulterstück in Frontalansicht mit leicht abgewandtem Blick. Als Motivzentrum fungieren eindeutig die vertikal etwa im oberen Bilddrittel platzieren Augen, deren Blick so sprechend und einnehmend ist. Wir meinen darin Neugier und auch ein wenig Bange zu lesen, der dem Kleinkind so eigenen und dieses so motivierenden ‚Angstlust‘ entsprechend, von der wir Erwachsene meist nur noch eine vage Ahnung haben.

Die Augen sowie der Mund und das Kinn bilden jenes in der Porträtfotografie so bekannte, auf dem Kopf stehende Dreieck, welches als sekundäres Motivzentrum aufzufassen ist (rote Linien ebd.) und metrisch nicht ganz (oranges Kreuz ebd.), aber optisch doch soweit in der Bildmitte angesiedelt ist. Dieses entscheidende Element wird von der Gesichtskontur (gelbe Linien ebd.) umrahmt und vom engelsgleichen Haar (grüne Linien ebd.) umspielt. Enige Hintergrundstrukturen im Sinne der Arme und des Ausschnitts vervollständigen das Bild (blaue Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder): Das Histogramm zeigt sich normalverteilt bei einem Mittelwert von 110. Ansehnlich spreizen sich im Gesichtsbereich die Tonwerte in die Zonen IV bis IX und moduileren dieses gut. Davon dunkler abgestuft sind das Haar in den Zonen IV bis VI und die Arme in den Zonen II bzw. III. Kummer bereiten die flächigen Tonwertabbrüche im Schattenbereich, insbesondere im Hintergrund, aber auch in den Augen und als Posterisierungsartefakt im Mund.

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Zusammenfassung: In technischer Hinsicht hat Kerstins Arbeit ihre Vorzüge gegenüber Tatjanas Bild – (1) die maximale Schärfe liegt auf den Augen, wo sie hingehört, (2) die Schwarzweißkonvertierung vermeidet das ‚ausblutende Rot‘ vollständig und die Posterisierungsartefakte weitgehend und (3) das Bokeh wirkt weicher, weniger schartig und mit weniger Kantendoppelungen.

In inhaltlicher Hinsicht fällt Kerstins Arbeit gegenüber Tatjanas Bild jedoch ab – (1) die Bildanlage ist zu mittig, zu statisch, zu spannungsarm, (2) wir sehen die Augen und sonst nichts, unser Blick wird nicht durch das Bild geführt und (3) das Kindchenschema wird zum soundsovielten Mal zitiert, was den Laien vielleicht begeistert, den Experten aber ermüdet (weiteres dazu in der erwähnten Vergleichsbesprechung).

Wie ich schon bei früheren Bildbesprechungen anklingen ließ, scheinen wir Fotografen die Bildkomposition und -dramaturgie ‚gerne zu meiden wie der Leibhaftige das Weihwasser‘. Es sei doch schon alles da, meinen wir gerne und übersehen, daß wir im Sinne einer bewußten Bildgestaltung auswählen und platzieren, kurzum Spannungsbögen einbauen müssen.

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Komposition

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Tonwerte: Schattenbeschnitt

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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