Leserfoto:
Visualisierung der Aufwärtsbewegung

Wirkfaktoren der Architekturfotografie, aber auch Aspekte der nötigen Schöpfungshöhe wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Ausgangsbild

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Unsere Leserin Petra Lubitz aus Leipzig hat uns das obige Bild unter dem Titel „Vulkanisch!” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Dieses Foto entstand im Vulkania-Museum am Fuße des Puy-de-Dome in der Nähe von Clermont Ferrand Anfang August 2013. Dieses Museumsgelände ist aus meiner Sicht weder architektonisch noch fotografisch ein wirklich lohnendes Motiv. Jedoch, wenn man die Mitte des Hauptgebäudes betritt, wird man geradezu überwältigt von diesem stilisierten Vulkankrater. Ich MUSSTE versuchen, diesem Meisterwerk der Architektur ein fotografisches daneben zu stellen. Ist es mir gelungen? Ein kurzes Wort zu meiner Person: ich habe vor knapp einem Jahr aufgehört zu knipsen und versuche seither zu fotografieren. Dabei ist mir fokussiert.com eine sehr große Hilfe. Technik: Nikon D7000, Tamron 18-270mm; hier 18mm, Blende 9, 1/500sec., ISO 200, kein Stativ”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Petra bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von 27 mm bei einem Formatfaktor von 1.5.

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Es freut uns sehr, daß wir mit unseren Tutorials und Bildbesprechungen ein Stückweit zur Entwicklung des fotografischen Sehens beitragen können. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Ich habe mir zunächst die Freiheit herausgenommen, das Bild horizontal zu spiegeln (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) – Petra mag es mir hoffentlich nachsehen. Die mächtige Aufwärtsbewegung läßt sich so noch eindrücklicher visualisieren, wie ich im Folgenden darlegen möchte.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder): Alle Hauptstrukturen streben in diesem Bild im bogigen Verlauf nach oben, zu einem außerhalb des Bildes gelegenen Fluchtpunkt (rotes Kreuz ebd.). Die einzelnen Streben sind dabei horizontal wie in Treppenstufen unterteilt. Von besonderer Bedeutung ist insbesondere jene im linken unteren Bildeck beginnende und nach oben ziehende Strebe. Diese zieht den Blick auf sich und mit ins Bild. Die weiteren, links und vor allem rechts davon verlaufenden Streben habe ich nach ihrer Bedeutung für die Blickführung mit unerschiedlichen Stärken eingezeichnet (rote Linien ebd.).

Tonwerte: Das Histogramm zeigt sich etwas linksschief bei einem Mittelwert von etwa 70. Vereinzelte Tonwertabbrüche im Bereich der Schatten und Lichter stören den harmonischen Bildeindruck nicht.

Farben: Bronze- bzw. Goldtöne dominieren das Bild.

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Zusammenfassung: Petras Bild weiß die mächtige Aufwärtsbewegung dieses Ensembles eindrucksvoll zu visualisieren. Ihrem Ziel, dem Betrachter einen Eindruck der Situation vor Ort und der dortigen Stimmung zu vermitteln, ist sie somit sehr nahegekommen. Meinen Vorschlag, die Hauptstrebe an die Blickführung von links unten nach rechts oben anzupassen, habe ich oben dargelegt.

Es kann Probleme geben, wenn man von anderen Personen bedeutungsvoll Geschaffenes abfotografiert und sich deren Ideen durch die Publikation der Aufnahmen ein Stückweit zu eigen macht. Auf der sicheren Seite ist man dann, wenn das eigene Bild eine ausreichende ‚Schöpfungshöhe‘ erreicht. Dies alles klingt (und ist auch) komplizert, wie der einschlägige Wikipedia-Artikel dazu nahelegt. Noch komplizierter wird es dadurch, daß im Streitfall immer eine Einzelentscheidung erfolgt („vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand”).

Doch will ich hier nicht ‚den Teufel an die Wand malen‘. Sofern offensichtlich ist, daß die Abbildung eines solchen Werks nicht nur dokumentarischen Zwecken dient, sondern eine Interpretation des Gesehenen (wie in diesem Bild) darstellt, wird man in der Regel auf der sicheren Seite sein.

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Komposition: Spiegelung

Komposition: Grundelemente

Komposition: Fluchtpunkt

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

3 Antworten
  1. Petra Lubitz says:

    Neben den Ausführungen zur Bildgestaltung fand ich den urheberrechtlichen Aspekt – Stichwort Schöpfungshöhe – sehr interessant. Noch einschlägiger erscheint mir das Thema ‚Panoramafreiheit‘. Wenn ich den Wiki-Artikel dazu richtig verstanden habe, verstößt Jeder, der den nächtlich erleuchteten Eifelturm fotografiert und auf irgendeiner Community veröffentlicht gegen das (franz.) Urheberrecht.
    Also nochmals: Danke für den Hinweis, auch wenn er mich mehr verunsichert als klüger macht ;-)
    Petra

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Liebe Petra, es lag mir fern, Dich zu verunsichern. Zum Thema Schöpfungshöhe und Panoramafreiheit bereite ich ein Tutorial vor, doch möchte ich an dieser Stelle schon einige Hinweise und Erfahrungswerte mitteilen …

      In Deutschland gilt eine großzügige Panoramafreiheit einschließlich der Nutzung von Privatgelände, welches eindeutigen Passagecharakter hat. Gleichwohl kann ich nicht mehr zählen, wie oft ich von Wachleuten und sonstigen Freizeitsheriffs bei meinen nächtlichen und architektonischen Exkursionen im öffentlichen Raum schon blöde angequatscht wurde.

      In Frankreich gibt es keine vergleichbare Panoramafreiheit, doch erlebte ich dort ähnliche Widrigkeiten nie. Im französischen Wesen (ich kenne Land und Leute ein wenig) gibt es einen wohltuend anarchischen Zug, obrigkeitliche Verbote als nett gemeinte, gleichwohl völlig unverbindliche Hinweise zu behandeln. Die ‚Eiffelturm-Geschichte‘ ist noch etwas anderes, da sollte ein Exempel statuiert werden.

      Thomas

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