Tutorial:
Blickwege bei der Bildbetrachtung (4)

Das vorliegende Tutorial knüpft an dasjenige zur Gestaltpsychologie an. Ging es dort vornehmlich um die Mustererkennung und innere Verarbeitung des Gesehenen, so stehen hier die Blickbewegungen und die verschiedenen Arten des Bildauslesens im Vordergrund.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Grundlagen des menschlichen Sehsystems
3. Blickwege aus Sicht kultureller Bedingung
4. Blickwege aus Sicht der Gestaltpsychologie
5. Blickwege aus Sicht der Eye-Tracking-Forschung
6. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

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6. Zusammenfassung und Schlußbemerkung

Drei verschiedene Methoden, das menschliche Sehverhalten zu beschreiben, hatte ich Euch in den vorangehenden Teilen des Tutorials vorgestellt.

Zwei dieser Ansätze (diejenigen der Gestaltpsychologie und der Eye-Tracking-Forschung) kann man zweifellos als wissenschaftlich fundiert bezeichnen.

Für den dritten Ansatz (denjenigen des kulturell gebundenen Sehens) fand ich zwar entsprechende Belege zur zwei- bzw. (vermeintlich) dreidimensionalen Bildbetrachtung, nicht jedoch zum ‚Gleichklang der Text- und Bildleserichtung‘. Jener Gleichklang mag uns zwar natürlich erscheinen und wird populärwissenschaftlich (in Lehrbüchern und Tutorials) auch immer wieder gerne angeführt, doch konnte ich hierfür (seltsamerweise) keine fundierten Untersuchungen auftreiben.

„Und wer hat jetzt Recht?”

Nun: „Wahrscheinlich alle ein bißchen”, denken wir vielleicht spontan, ohne daß uns diese Antwort wirklich erschöpfend vorkommen muß. Hier scheint etwas doch arg widersprüchlich bzw. in der Schwebe zu bleiben. Es ist, wie wenn all diese Ansätze jeweils einen Ausschnitt in vertiefter Weise abbilden, ohne für sich allein das Gesamtgeschehen erklären zu können.

Ernst A. Weber hat dieses Dilemma und einen Lösungsansatz in seinem (nach Ersterscheinung 1990 schon etwas in die Jahre gekommenen, aber immer noch lesenswerten und übrigens antiquarisch erhältlichen) Buch ‚Sehen, Gestalten und Fotografieren‘ nach meinen Dafürhalten sehr schön auf den Punkt gebracht.

Er schreibt: „Der Widerspruch löst sich aber auf, wenn man die Gestalttheorie auf einfache, ständig wahrgenommene, im Gedächtnis wohlverankerte, visuelle Elemente beschränkt, die analysierende Abtastmethode aber für kompliziertere, weniger bekannte visuelle Elemente gelten läßt. Die beiden Theorien widersprechen sich dann nicht, sondern ergänzen sich.”

So fügen sich die Einzelteile nun allmählich zusammen – wir haben das menschliche Sehsystem zunächst als einen topographisch und funktionell hochkomplexen ‚Apparat vom Auge bis zur Sehrinde‘ kennengelernt.

Doch es geht noch weiter – vielfältige, rückkoppelnde Verbindungen bestehen auch in Richtung der unwillkürlichen Blickbewegungssteuerung (Eye Tracking, ‚analysierende Abtastmethode‘), der Mustererkennung (Gestaltpsychologie, strukturelles Gedächtnis), aber auch der Seherwartung, die sich im Rahmen der Vorsatzbildung und der Gestimmtheit, aber auch der Kulturprägung (intentionales, aufgabengesteuertes und pseudoräumliches Sehen, motivisches Gedächtnis) formt.

„Und was bringt uns Fotografen das jetzt?”

Eine ganze Menge, will ich meinen:

  • Ist denn die Fotografie nicht die ‚Essenz des zunächst eigenen und dann in Bildform zum Betrachter gebrachten Sehens‘?
  • Ergibt sich nicht dadurch schon eine ‚Brücke zwischen uns Fotografen und dem späteren Betrachter unserer Bilder‘, wenn wir die Szene vor Ort quasi vorwegnehmend und stellvertretend analysieren?
  • Schiene es uns dann nicht angemessen, uns Klarheit über unsere eigene, vielschichtige Betrachtungsweise mit ihren Rückgriffen auf Prozeßhaftes, Erinnerungen und Gefühle zu verschaffen?
  • Und könnten wir nicht hoffen, kraft einer solchen Bewußtmachung unserer eigenen, vielschichtigen Sichtweise Bilder zu schaffen, die den Betrachter entsprechend berühren?

Ich will mit einer Analogie schließen: wenn wir ein Musikinstrument lernen, werden wir auch notgedrungen auch Tonleitern und Akkordzerlegungen üben. Das mag lästig erscheinen, doch lernen wir dadurch (neben der besseren Geläufigkeit) auch den Tonumfang und den Ausdrucksreichtum unseres Instruments besser kennen.

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Das war es nun von meiner Seite zum Thema der ‚Blickwege‘. Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit.

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Bisherige Tutorials des Autors (chronologisch, verlinkt)
1. Nachtfotografie mit digitaler Ausrüstung (3 Teile)
2. Digitale Filmkornsimulation (2 Teile)
3. Abwedeln und Nachbelichten in der Digitalfotografie (2 Teile, mit Aktionsset)
4. Vier W-Fragen bei der digitalen Bildschärfung (3 Teile)
5. Das Zonensystem (3 Teile)
6. Festbrennweiten vs. Zoomobjektive – Ein praxisnaher Vergleich bei 35 mm Brennweite
(3 Teile)
7. Schärfung, lokaler und globaler Kontrast – eine Begriffsklärung mit Anwendungsbeispielen
(2 Teile)
8. Lensbaby-Objektive (2 Teile)
9. Lensbaby-Look (2 Teile)
10. Die bildnerische Erarbeitung von Industrieruinen (4 Teile)
11. Möglichkeiten der Bildverfremdung in der klassischen Fotografie (4 Teile)
12. Porträtfotografie (4 Teile)
13. Das Werkzeug ‘Tiefen/Lichter’ (4 Teile)
14. Gestaltpsychologie (4 Teile)

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