Leserfoto:
Inspiration und Technik in der Bildgestaltung

Die nötige Begeisterung über ein Motiv sollte uns nicht verleiten, wichtige technische und kompositorische Aspekte zu vernachlässigen.

Ausgangsbild

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Unsere Leserin Carolin Groß aus Nürnberg hat uns das obige Bild unter dem Titel „Gardinenmalerei” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Verlassene Häuser haben oft einen ganz eigenen Charme. Dieses Bild finde ich aufgrund des Surrealen interessant. (wahrscheinlich einmal wertvolle) Gardine vs. Verfall und Scherben. Es hat mich inspiriert, darüber nachzudenken, was für Geschichten sich dort wohl einmal abgespielt haben. Ich bin gespannt auf eure Meinung!”

Zur Aufnahme wurde die APS-C-Kamera Canon EOS 600D mit Kitobjektiv Canon EF-S 18-55mm f/3.5-5.6 IS II verwendet. Die Brennweite betrug 23.0 mm (entsprechend knapp 37 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/100 Sekunde bei Blende f/3.5 und ISO 100.

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Vielleicht hatte sich Carolin durch mein vierteiliges Tutorial ‚Die bildnerische Erarbeitung von Industrieruinen‘ zu einer eigenen Bildvorstellung ermuntert gefühlt, was unsererseits ja sehr willkommen ist.

„Gute Inspiration, gutes Konzept, doch einige technische und kompositorische Probleme”, dachte ich spontan. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Überarbeitung (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder): In der Architekturfotografie gilt „ganz oder gar nicht schief”. Hier fallen die stürzenden Linien unangenehm auf, sie geben dem Bild einen vermeidbar amateuerhaften Anstrich. So entschloß ich mich in einem ersten Schritt, die stürzenden Linien und die leicht kissenförmigen Verzeichnung mit dem Photoshop-Werkzeug ‚Filter: Objektivkorrektur‘ zu beseitigen.

Ganz überzeugt war ich noch nicht, die im Bild durchaus vorhandenen Spannungsbögen im Mittelbereich schienen mir zu sehr gegenüber den relativ leeren Flächen an beiden Seiten zurückzutreten. Deswegen entschloß ich mich in einem zweiten Schritt zu einem Beschnitt ins Hochformat.

Struktur: Bereits im Ausgangsbild wirkte die Detailzeichnung und Schärfeanmutung der Vordergrundstrukturen eingeschränkt, was auch mit der geringen Abbildungsleistung des verwendeten Einfachobjektivs zu tun hat. Durch den Beschnitt, der ja (wie sich leicht nachrechnen läßt) gut 55 Prozent der Bildinformationen kostete, verschärfte sich dieses Problem natürlich noch, was wir im Sinne der vorrangig kompositorischen Überlegungen jedoch beiseite lassen wollen.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): In der überarbeiteten Version (die ja auch Bestandteil des Ausgangsbildes ist) zeichnet sich ein statisches und einrahmendes Muster vertikaler und horizontaler Linien ab (gelbe Linien ebd.).

Demgegenüber, als dynamischer Kontrapunkt quasi, folgen wir im Sinne einer fallenden Diagonale zunächst dem teils sichtbaren teils hinter dem Fensterrahmen erahnbaren Schwung der Gardine. Auf der Höhe des Fensterbretts wechselt die Blickführung kurz nach oben, die zerborstenen Fenster im Hintergrund erheischen Aufmerksamkeit. Von dort aus führt und endet die Blickführung in der sich rechs abzeichnenden Tür (rote Linien ebd.).

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Zusammenfassung: Ich darf nochmals auf meine Eingangsbemerkung zurückkommen. Ganz gewiß kann es kein ‚zuviel an Gefühl oder Inspiration‘ geben. Doch wird das Bildresultat demgegenüber zurückfallen und das darin verwobene Empfinden sich nicht entsprechend transportieren lassen, wenn technische und kompositorische Überlegungen vor lauter Begeisterung über das Motiv (der stete Fluch der Amateurfotografie) zu kurz geraten.

Als Vergleichsbild (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) möchte ich noch eine Aufnahme aus meinem Architekturportfolio, aus der Serie ‚Was vom Werke übrig blieb‘ zeigen. Gewiß inspirierte mich die Szene stark, doch ließ ich mich nicht zu einer raschen Aufnahme verleiten. Ich schaute mir das Ganze eine Weile an, stellte mit dem Stativ verschiedene Blickwinkel ein und prüfte die Komposition im Sinne der Anordnung der einzelnen Bildelemente. Es brauchte also durchaus Muße und Zeit (vielleicht zehn Minuten), bis ich wirklich den Eindruck gewann, daß dieses Bild das ausdrücken könnte, was ich vor Ort sah und empfand.

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Überarbeitung 1: Beseitigung der stürzenden Linien und kissenförmigen Verzeichnung

Überarbeitung 2: Beschnitt im Sinne einer kompositorischen Verdichtung

Komposition

Vergleichsbild

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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