Leserfoto:
Blick in die Tiefe

In der heutigen Bildbesprechung wollen wir Fallstricke eines touristischen Standardmotivs besprechen.

Ausgangsbild

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Unser Leser Bernd Plumhof aus dem rheinland-pfälzischen Gutweiler hat uns das obige Bild unter dem Titel „Top of the Rock” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Aufgenommen im September 2011 in New York von der 2. Plattform im 70. Stock des ‚Top of the Rock‘. Wenn möglich, fotografiere ich immer gerne von oben, besonders in den Straßenschluchten New Yorks besteht der Wunsch das ganze mal von oben zu betrachten. Da solche Bilder oft langweilig und eintönig wirken, habe ich die Aussichtsplattform darunter ins Bild integriert. Dadurch entsteht mehr Tiefe und es ist besser möglich, Größenverhältnisse zu assoziieren und sich in das Bild hinein zu versetzen. Nikon D 700 mit Nikkor 1:4 24-120 mm; hier 24 mm Brennweite mit Blende 8 und 1/125 s; ISO 200”

Über Ausrüstung unnd Aufnahmedaten hatte Bernd bereits berichtet. Die abgelesene Brennweite entspricht dem Kleinbildäquivalent an der verwendeten Vollformatkamera.

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Bernd mag Recht haben mit seinem Hinweis, daß „solche Bilder oft langweilig und eintönig wirken”. Eine kurze Recherche mit der Firefox-Erweiterung ‚Search Google with this image‘ (sehr empfehlenswert für Vergleichszwecke, hier der Link zum Download bei Mozilla) fördert seitenweise ähnliche Bilder zutage – der ‚Blick vom Wolkenkratzer herunter‘ als touristisches Standardmotiv also. Wenn wir andererseits Andreas Feiningers Portfolio nach Straßenschluchten durchforschen, wird uns der kompositorische und dramaturgische Unterschied sogleich ins Auge stechen.

Entscheidend ist also (wieder einmal, wie so oft), was der Fotograf aus dem Motiv macht. Und so wollen wir schauen, welche Schöpfungshöhe Bernds Bild beanspruchen kann. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder): Wie eine Bühne und damit dem Betrachter eine wichtige Identifikationsmöglichkeit („wie wenn ich dort selber stünde”) anbietend ragt die Aussichtsplattform von unten in das Bild hinein (rote Linien ebd.).

Von dort aus mag der Blick zunächst in die Tiefe schweifen, den stürzenden Linien (gelbe Linien ebd.) bis zu jenem weit außerhalb des Bildes liegenden Fluchtpunkt der Tiefe folgend. Auf einer zweiten Achse, wenngleich weniger augenscheinlich, ergibt sich auch ein Blick in die Weite, wobei auch dieser Fluchtpunkt weit außerhalb des Bildes angesiedelt ist.

Nicht unwichtig im Sinne der Stabilisierung sind schließlich noch jene sich durch die Dächer formierenden Waagrechten quer zur Blickrichtung (blaue Linien ebd.).

Problembereiche (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Wie viele jener erschwinglichen Zoomobjektive verzeichnet auch das hier verwendete im weitwinkligen Endbereich deutlich tonnenförmig. Man kann es an der Bogigkeit der Bodenplatten erkennen (siehe 1 ebd.).

Des weiteren hat Bernd bei der Ausrichtung der Aussichtplattform bzw. deren plexiglasartigen Umrandung gegen das ‚Mantra der Architekturfotografie‘ im Sinne von „ganz oder gar nicht schief” verstossen. Die leichte Schiefstellung der Umrandung mindert den Bildeindruck deutlich (siehe 2 ebd.).

Der letzte Aspekt ist subtiler. Zwar heben sich die rötlich-warmen Töne der Aussichtsplattform gut gegen die weitläufig bläulich-kühlen Töne des Hintergrundes ab und schaffen so einen gewissen Räumlichkeitseindruck, dieser wird jedoch durch einige, wiederum rötlich-warm gezeichnete Gebäude gemindert. Robert Häussers Diktum der „zu geschwätzigen Farbe” paßt hierzu gut.

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Zusammenfassung: Bernd hatte mit der Einbindung der Aussichtsplattform die richtige Idee, um sein Bild aus dem touristischen Knipseinerlei herauszuheben. Doch ist er, wie die obige Aufzählung der Problembereiche veranschaulichen mag, ‚auf halbem Wege stehen geblieben‘ …

Ich habe mich noch an einer Neuinterpretation (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) versucht, die im Rahmen des nur verkleinert und komprimiert vorliegenden Bildes notgedrungen skizzenhaft bleiben muß.

Zur Anwendung kam dabei neben Geraderichtung, Verzeichnungskorrektur und Schwarzweißkonvertierung eine Anhebung des Mikrokontrastes im Bereich der Aussichtsplattform und eine Minderung desselben im Bereich des Hintergrundes, ferner eine dunkle Randvignette nebst Aufhellung der mittleren Bildpartien zur besseren Blicklenkung und Tiefensimulation unter Beibehaltung des Diesigkeitsaspekts.

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Komposition: Grundelemente

Komposition: Fluchtpunkte

Problembereiche

Neuinterpretation

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


1 Antwort
  1. DWL says:

    Als einfacher Betrachter sage ich Danke für die Kritik und die Neuinterpretation, die das Foto stark veredelt.

    Durch die S/W Umsetzung mit weitgehendem verschwinden der Plattform werden die Touristen stärker an die Wolkenkratze herangeführt und die Schatten der Leute wunderbar hervorgehoben.

    Dadurch entsteht ein höchst amüsanter Umstand: die Schatten der Touristen erscheinen wie ironisch so gewollt länger als die der Wolkenkratzer… Köstlich, dieser Effekt.

    Die in der Neuinterpretation stark reduzierte Abgrenzung der Touristen vom betrachteten Objekt ihrer Begierde gibt dem Bild wirklich viel mehr Ausdrucksstärke.

    Sehr lehrreich.

    Danke

    Gruss
    Dirk

    Antworten

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