Leserfoto:
Die Betrachtung der Betrachtung

Auch mit einfacher Technik lassen sich interessante Bildgeschichten erzählen, wie das heutige Beispiel aufzeigt.

Ausgangsbild

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Unsere Leserin Lisa Napoletano aus dem mittelfränkischen Bad Windsheim hat uns das obige Bild unter dem Titel „Dame” zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Das Bild wird in die Kategorie ‚Stillleben‘ eingeordnet, da die schon etwas betagtere Dame für eine Weile völlig regungslos einfach nur auf ihrem Stuhl saß, den sie mit an den Strand gebracht hat. Das Foto wurde diesen Sommer in Italien aufgenommen. Dieses Land ist bekannt für die ‚Tradition‘, sich abends mit seinen Nachbarn außen auf der Straße mit Stühlen zusammen zu setzen. Diesen Brauch überträgt die Dame auf eine andere Tageszeit und einen anderen Ort. Speziell an dem Foto ist die Ruhe und Zufriedenheit, die die Dame ausstrahlt. Leider konnte ich das Bild nur mit der Handykamera einfangen … f: 2,6 ISO: 50”

Zur Aufnahme wurde die eingebaute Schnappschußkamera des Samsung Galaxy S3 mini GT-I8190 verwendet. Zu ergänzen wäre noch die Brennweite von 35.4 mm, wobei ich zum Kleinbildäquivalent mangels Kenntnis des Formatfaktors nichts sagen kann – die szenische Verdichtung und geringe Räumlichkeit läßt jedoch auf eine längere Brennweite im Bereich von vielleicht 200 mm schließen. Die Belichtungsdaten waren etwa 1/2000 Sekunde bei Blende f/2.6.

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Ganz konnte ich Lisa in der Kategorisierung ihres Bildes nicht folgen. Ein Stilleben mag man als eine ‚Porträtierung des Unbelebten‘ bezeichnen, wie ich in meinem Tutorial zur Porträtfotografie bereits darlegte. Dieses Bild hier ist aber zweifelsohne ein Porträt, denn trotz ihrer Unbewegtheit ist die Abgebildeten ja keine Statue. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Bild ist insofern außergewöhnlich, weil es die heute üblichen Bahnen des ‚3:2- bzw. 4:3-Formats‘ verläßt. Faktisch ist es ein Querformat mit einer Abmessung von etwa 7:6. Durch die Verkürzung der Breite wird der Aspekt der Weite (hier der Blick über den Strand) eingeschränkt und die Szene auf die Dame und deren unmittelbare Betrachtung reduziert.

In der Gesamtbetrachtung sehen wir eine ‚Halbtotale mit profil perdu‘. Zu den verschiedenen Porträtarten darf bei Interesse nochmals auf das Tutorial zur Porträtfotografie verwiesen werden. Eine solche ‚Rückenansicht mit Ausblick‘ ist ein starker Identifikationsanreiz für den Betrachter, sich in Gedanken an Stelle der abgebildeten Person zu versetzen und wie diese die Szene zu betrachten.

Spannend stellt sich auch der Bildaufbau dar. Wir finden im Bild zwei kompositorische Dreiecke – ein aufrechtes, welches sich aus dem Hut und der Tasche der Dame sowie dem linken unteren Bildeck konstruieren läßt (gelbe Linien ebd.); ein auf dem Kopf stehendes, welches sich aus dem Hut und der Tasche der Dame sowie den in Horizontnähe Badenden ergibt (grüne Linien ebd.).

Die ‚Essenz der Bildgeschichte‘ ist an jenem Blick der Abgebildeten zu den Badenden festzumachen (blaue Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder): Hier zeigt sich die Schwäche der verwendeten Abbildung. Das Histogramm zeigt deutliche Auffaserungen, zudem liegen deutliche Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich vor.

Struktur: Auch hier muß auf die geringe Abbildungsleistung der verwendeten Ausrüstung hingewiesen werden. Das resultierende Bild mag für eine kleinformatige Monitordarstellung gerade noch angehen, ein Ausdruck kommt hier jedoch nicht in Frage.

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Zusammenfassung: Über die Widrigkeiten der Technik hatte ich schon oben schon berichtet, deswegen will ich mir hier auf die Stärken des Bildes konzentrieren: die Anordnung der Bildelemente und der verdichtende Beschnitt weiß zu gefallen. Lisa hat hier einen ‚guten Blick für die Dramatik der Szene‘ bewiesen und die hierin verwobene Bildgeschichte schön festgehalten. Wieder einmal zeigt sich, daß das ‚fotografische Sehen‘ nicht von der verwendeten Technik abhängt.

Mit der Zuschreibung von Gefühlen auf die abgebildete Person („die Ruhe und Zufriedenheit, die die Dame ausstrahlt”) sollten wir vielleicht etwas zurückhaltend sein, da es sich in der Regel um die Projektion unserer eigenen Empfindungen handeln wird und insofern jeder Betrachter hierzu eine eigene Geschichte finden wird. Das ist ja nicht schlimm, im Gegenteil kann ein verschieden interpretierbares Bild ja auch mehr Aufsehen erregen. Ich für meinen Teil sah hier auch die ‚Geschichte einer älteren, einsamen Frau, die dem Leben nur noch zuschauen, daran aber nicht mehr teilnehmen kann‘.

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Komposition

Tonwerte: Histogramm

Tonwerte: Lichterbeschnitt

Tonwerte: Schattenbeschnitt

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Antworten
  1. DWL says:

    Hier meine Gedanken zum Bild:

    Sofort fasziniert mich der starke inhaltliche und formale Kontrast zwischen der still und diszipliniert/bewegungsunfähig sitzenden Dame und der fast unerreichbar fernen, sich fröhlich und wild amüsierenden Gruppe viel jüngerer Menschen im Wasser. Der Betrachter wird also sofort in das Bild gesogen.

    So ziemlich alle mit diesen beiden Akteurentypen zu assoziierenden Eigenschaften sind diametral entgegengesetzt.

    Diese inhaltliche und durch die Kameraposition mit ihrer Perspektive gut in szene gesetzte, unwiderstehliche Aufforderung, das eigene Kopfkino unmittelbar in gang zu setzen, zeigt, daß das Foto “ sehr gut funktioniert“ .

    Auch ich habe anfangs eher die durch das Alter an der spontanen Teilnahme an den Aktivitäten behindernden Aspekte eher melancholischer Art in mein Kopfkino einfliessen lassen.
    ( grob vereinfachend: “ Alte Dame sieht sehnsüchtig und ausgeschlossen dem Treiben der Nachfolgegenerationen zu und denkt an lang vergangene fröhliche tage“)

    Bei genauerer Betrachtung sieht man aber auch viel sinnvoll geplantes Vorgehen, welches ein souveränes und aktives Leben im Alter nahelegen:

    Immerhin scheint die Dame den Stuhl und ihre Sachen ganz alleine dorthin. Getragen zu haben, was auf Autonomie ( auch physisch) schliessen lässt. Denn man sieht keine weiteren Utensilien Dritter.
    Zudem hat sie den Stuhl beim Eintreffen vermutlich genau zur Sonne hin positioniert.
    Beim zweiten Hinsehen sieht es also gar nicht soooo eindeutig danach aus, dass sie die Sichtachse zu den Badenden suchte, sondern die Sonne. Der Schattenverlauf lässt sogar auf die Dauer des Aufenthaltes schliessen (inzwischen ist die Mittagssonne ein wenig weitergewandert) .
    Zudem steht der Stuhl ganz nahe am Wasser, wo der Sand noch feucht ist, der Weg zum Wasser ist also kurz, was mögliche körperliche Beschwerden beim Gang im Sand zum Wasser minimiert. Es ist für alte Menschen einfaher, sich eine Ruheposition im Sitzen zu suchen als sich hinzulegen ( und vor allem, danach vom Boden wieder aufzustehen) .

    Nach diesem “ Kopfkino-Drehbuch“ habe ich einen interessanten eigenen Film gesehen mit überraschenden Wendungen der eigenen Erwartungen an die Handlung.

    Ein Foto, welches das bewirkt, kann ich nur als sehr gelungen empfinden.

    Angesichts dessen interessiert mich der von Pixelpeepern gefundene (MINIMAL) schiefe Horizont nicht die Bohne, denn ohne das Handy wäre die einzige Alternative nur “ KEIN FOTO“ gewesen, was bedauerlich gewesen wäre.

    Zweifellos sind technische Hinweise wichtig – aber ziemlich sinnlos, wenn der/die Bildautor/in bereits eingangs darauf hinweist, dass keine Ausrüstung zur Verfügungstand, die das Wort rechtfertigen würde.

    Allen ein guten Rutsch ins Neue Jahr!

    Dirk

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  2. Erica says:

    Thomas Brotzler: Die Bemerkung „Zitat: ch für meinen Teil sah hier auch die ‘Geschichte einer älteren, einsamen Frau, die dem Leben nur noch zuschauen, daran aber nicht mehr teilnehmen kann’. „klingt mir zu pschologisch interpretiert. Es ist eine Annahme, denn die Handhaltung, ist eher kräftig, zum Aufstehen bereit um eine Aktion durchzuführen. (Gestik!!)
    Es ist richtig, jede Interpretation wird vom Sehenden aus – von seinen Bildern der Lebenserfahrung gemacht; ich halte Bild-bezw. Besprechungen immer für die Spiegelungen des eigenen Ichs. Bilder sagen mir etwas, so wie ich sie sehe über mein eigenes ich, werden zu meinen Bildern. Das ist auch für den Verkauf wichtig. Wenn ein Bild zum eigenen wird, möchte man es besitzen. Mir sind die technischen Betrachtungen wichtiger, um zu lernen. Schöne Weihnachten allen!

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  3. Thomas Brotzler says:

    @ Laderio

    Du hast Recht mit dem Horizont, insofern Dank für die Ergänzung. Ich hätte es erwähnen können, doch entschied ich mich dafür, es nicht erwähnen zu müssen: „deswegen will ich mir hier auf die Stärken des Bildes konzentrieren”. Okay?

    @ Dirk

    Dein ‚erklärtes Bildauslesen‘ – wie sich also aus Platzierung und Stellung der Abgebildeten Hypothesen zur Gestimmtheit formulieren lassen – finde ich außerordentlich anschaulich und lehrreich.

    Im Rückgriff auf meinen anderen Beruf (den eines Psychotherapeuten, wie in meinem Profil auch dargestellt) möchte ich kurz jenes psychologische Konzept zitieren, nach dem wir Menschen schon innerhalb der ersten drei Sekunden ein erstes, ziemlich bündiges Konzept des Gegenübers formulieren. Dies kann in der ersten 30 Sekunden noch teilweise variiert werden, danach kaum mehr – der andere ist dann ‚in der Schublade‘. All dies läuft unwillkürlich, dem Bewußtsein somit weitgehend entzogen ab.

    Dieses archaische Muster rührt vermutlich aus ganz alten Tagen, in denen wir ‚vor der Umgebung mächtig auf der Hut‘ sein mußten. Der Nachteil ist freilich, daß wir heute (gesetzt den Fall, daß wir nicht ständig ‚kämpfen oder flüchten‘ müssen) vergleichsweise wenig Chance haben, das Gegenüber auch bewußt als das wahrzunehmen, was es ist (und nicht nur unsere Vorstellung von ihm) und wie es sich einbringen will.

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  4. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin vom Krabbenkutter …

    drei Gedanken zu diesem gelungenen Moment des Seins…

    1. Mir viel sofort der Fluchtpunkt im Bild in Verlängerung der Blickachse auf..

    alles bleibt im Bild(e) …

    2. Die offene gerade Sitzhaltung mit dem ausgestreckten Arm und der Hand auf dem Knie …
    zeigt mir eine Offenheit der Dame in diesem Moment – in Verbindung zu den möglichen Interpretationen … Lebenserfahren mit klarer offener Haltung nach vorn gerichtet mit dem Geschehen am Wasserrand in „Kontakt“

    … zulassen des Momentes …

    … vielleicht mit Erinnerung …

    3. die gute sortierte Kleidung am Stuhlbein…
    … strukturiert und dem Wetter angepasst mit heller Oberbekleidung und einem hellen Sonnenhut … auf das im Bild ersichtliche … nötigste reduziert …

    fein fein find … Grüße vom Krabbenkutter …

    … auf der Seehundbank liegt eine SeehundDame und schaut mir bei jeder Vorbeifahrt gelassen zu … glaub …

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