Leserfoto:
Architektonische Abstraktion

Kompositorische Aspekte der Architekturfotografie sind Gegenstand unserer heutigen Bildbesprechung.

Ausgangsbild

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Unser Leser Martin Dietrich aus dem hessischen Hofheim am Taunus hat uns das obige Bild unter dem Titel „Reflecting Surfaces” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Das hier eingesendete Foto ist Teil einer andauernden Serie mit dem Namen ‚Urbane Abstraktionen‘ oder ‚Urban Abstractions‘. Die Aufnahmen entstehen zum Großteil in Frankfurt am Main, wo ich beruflich viel unterwegs bin. In der Serie versuche ich die Architektur der Stadt so weit wie möglich zu entfremden um die Stadt aus bisher unbekannten Blickwinkeln zu zeigen und zu portraitieren. Der hier gezeigte sog. Silberturm am Jürgen-Ponto-Platz hat nicht nur eine bewegte Geschichte als frühere Zentrale der Dresdner Bank, er hat mich auch aufgrund seiner einzigartigen Architektur schon immer fasziniert. Ich kehre oft hierhin zurück um Aufnahmen zu machen und immer neue Motive an ihm zu entdecken. Das hier gezeigte Motiv soll die außergewöhnlichen Oberflächen und Ihre jeweils verschiedenen Arten der Reflektion aufzeigen. Ich hoffe, dass mir das gelungen ist. Leider kann ich dabei bisher noch nicht auf all zu professionelles Equipment zurückgreifen, versuche aber mit den mir gegebenen Mitteln das bestmögliche zu Erreichen. Gerade daher wäre ich um jedes Feedback dankbar um mich gerade auf der technischen Seite zu verbessern.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 450D mit Kitobjektiv Canon EF-S 18-55mm f/3.5-5.6 IS verwendet. Die Brennweite betrug 20 mm (entsprechend 32 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/40 Sekunde bei Blende f/22.0 und ISO 200.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild präsentiert sich zunächst als ein etwas über das gewohnte 3:2-Format hinaus gestrecktes Querformat. Unbenommen der reich differenzierten Oberflächen und Reflektionen müssen wir auch einen Blick auf die Platzierung der Bildelemente werfen.

Flucht- (gelbes Kreuz ebd.) und Mittelpunkt (rotes Kreuz ebd.) klaffen auseinander – nicht weit zwar, aber doch weit genug, um eine merkliche Irritation zu erzeugen. Sodann zeigen sich im Wesentlichen drei Fluchtlinien (grüne Linien ebd.), die den Raum markieren. Die vertikalen Streben verlaufen – nicht aus Gründen der Verzeichnung, sondern der zugrundeliegenen Architektur – bogig bzw. leicht diagonal (blaue Linien ebd.). Einige interessante Elemente – eine Art Bullauge mit doppelter Speigelung und eine zylinderförmig liegende Struktur sind weit in der rechten Bildhälfte platziert (orange Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Das Histogramm zeigt sich deutlich linksversetzt bei einem Mittelwert von knapp 90, zudem zweigifplig mit markanten Tonwertabbrüchen besonders im Lichterbereich, so daß der Himmel und dessen Spiegelung völlig ausgebrannt sind.

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Zusammenfassung:

Die recht schwierige, den Dynamikumfang unserer heutigen Digitalkamera sprengende Belichtungssituation hat Martin nicht ungeschickt gelöst, indem er auf die Schatten belichtete, die dortige Struktur rettete und dafür den Himmel ausbrennen ließ. Wir finden dieses Gestaltungselement auch häufiger in Robert Häussers Architekturarbeiten, der im Sinne wegfallender Ablenkung darin sogar weniger eine Not wie vielmehr eine Tugend sah.

Die reich differenzierten Oberflächen und Reflektionen hatte ich ebenfalls schon erwähnt. Diese stellen unzweifelhaft das Potential dieser Aufnahme dar, welches sich aber nach meinem Dafürhalten durch die kompositorischen Mängel (zu statischer Aufbau, zudem fehlende Exaktheit der Mittenausrichtung, zu viel Negativraum links, während interessante Elemente an den rechten Rand verbannt sind) leider nicht recht entfalten kann.

Ich zeige hier noch zwei Beschnittvorschläge (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder): Der erste rückt das Bullauge mit seinen Spiegelungen und die zylinderförmig liegende Struktur in das Zentrum des Geschehens, während der Raum durch die Flucht an den linken Bildrand nur angedeutet wird. Der zweite setzt den Fluchtpunkt in den Goldenen Schnitt von links, läßt die Fluchtlinien aus den linken Bildecken entsteigen und markiert die rechten Bildecken durch das Bullauge samt Spiegelung.

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Komposition

Tonwerte: Schattenbeschnitt

Tonwerte: Lichterbeschnitt

Beschnittvorschlag 1

Beschnittvorschlag 2

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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9 Antworten
  1. DWL says:

    Nachtrag:

    Sehe jetzt erst den Beschnittvorschlag 2 , der meinem sehr ähnlich ist.
    Dessen starke Mitten“symmetrie“ (Mittelachse als Trennung der beiden Strukturen) hat klar ihren Reiz, ich persönlich würde jedoch dem organischen Teil mehr optische Macht geben, der Eindruck einer wehend aufgeblähten, sich siegessicher und frech gegen vergängliche menschliche Konstruktionen wendenden, potentiell unendlich starken Naturkraft wie Wind und Regen würde so ein Thema geben, welches dem rein grafisch orientierten ( sehr schön ästhetischen, aber eben auch nur ästhetischen) Beschnittvorschlag 2 fehlt.

    Also mein Vorschlag: nur rechts, aber nicht links beschneiden.

    Gruß
    Dirk

    Antworten
  2. DWL says:

    Eine sehr spannungsgeladene Perspektive,die man so erst einmal sehen können muss…

    Die bereits erwähnte „Not, die eher eine Tugend ist“ , sehe auch ich als solche:

    Ein strukturierter Himmel anstelle reinem Weiß würde einen sofort auf die Perspektive hoch entlang der Gebäude stoßen und damit sofort den Reiz des „suchenden Einordnens durch den Betrachter“ zunichte machen.

    Manchmal,ist ja weniger auch mehr… In diesem Fall wird das aus meiner persönlichen Sicht überdeutlich:

    Es sind ZU VIELE Spiegelungen im Bild, die den Blick nicht führen, sondern hin- und her herumirren lassen.

    Das Schlimmste jedoch:
    Sie geben zu viele Hinweise auf die Lösung der Frage nach der Perspektive.

    Dies wiederum nimmt den Großteil des Reizes des enorm reizvollen grafischen Kontrastes zwischen der wunderbaren, bogigen, organisch anmutenden ( vermutlich bei Bauarbeiten die Passanten schützen sollenden) Bauplanen einerseits und der strengen Geometrie des rechten Gebäudes.

    Mein persönlicher Beschnittvorschlag:

    Konsequentes weglassen von allem, was rechts der Kante neben den “ Bullaugen“ ( also den Oberlichtern der überhängenden Gebäudepartie) befindlich ist.

    Dann hat man eine extrem puristische, aber viel spannendere Komposition zwischen dem geradezu planzlich- organisch anmutenden, bauchigen Planenteil, der sich frech der abweisend- kalten hellen Gebäudefront entgegenstreckt.

    Weniger ist eben of mehr.

    Vielleicht kann man ja meinen Beschnittvorschlag mal hier zeigen?

    danke

    Dirk

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Vielleicht kann man ja meinen Beschnittvorschlag mal hier zeigen?

      Kann man … einfach den Beschnitt mir zusenden, dann lade ich ihn zu den Kommentaren hoch.

  3. Erica says:

    Thomas Brotzler:
    der goldene Schnitt ist allerorten ein Thema, aber die künstlerische Freiheit bedeutet auch,
    ihn mal nicht einzuhalten, weil …

    Antworten
  4. Martin Dietrich says:

    Hallo und zuerst einmal vielen Dank für die Besprechung meines Bildes. Hatte gar nicht mehr damit gerechnet, eine schöne Überraschung kurz vor Weihnachten also :)

    Aus der Besprechung konnte ich so einiges mitnehmen. Auf einige (wenige) Dinge war ich selbst schon gekommen, vieles aber ist durchaus eine Überlegung Wert. Vor allem der Graustufenkeil war sehr nützlich, ich habe nämlich festgestellt, dass ich an meinem Monitor die letzten zwei Schwarztöne nicht mehr unterscheiden kann. Hier ist Handlungsbedarf gegeben, auf den ich so wahrscheinlich nicht oder erst nach einiger Zeit gekommen wäre. Vielen Dank.

    Eine Anmerkung darf ich mir dan aber noch erlauben. Es geht um die Frage des Fluchtpunktes und des Mittelpunktes. Also wenn ein Auge nicht wirklich seit Jahren täglich auf solche dinge geschult ist, dann wage ich sehr zu bezweifeln, dass man die Abweichung sofort mit dem bloßen Auge entdeckt, nach einigem Hinsehen denke ich auf jeden Fall, aber so, dass es eine merkliche Irritation nach sich zieht? Klar, jetzt wo die Punkte markiert sind sieht man es auf anhieb, aber auf den ersten Blick?

    Nochmals vielen lieben Dank für die Besprechung.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat „Es geht um die Frage des Fluchtpunktes und des Mittelpunktes. Also wenn ein Auge nicht wirklich seit Jahren täglich auf solche dinge geschult ist, dann wage ich sehr zu bezweifeln, dass man die Abweichung sofort mit dem bloßen Auge entdeckt, nach einigem Hinsehen denke ich auf jeden Fall, aber so, dass es eine merkliche Irritation nach sich zieht?

      Die Hoffnung bzw. den Anspruch, im Lauf der Zeit sein fotografisches Sehen zu verbessern und hierbei auch vermehrt auf die Nuancen zu achten, mag man aber schon hegen …

      Nun habe ich freilich kein Metermaß auf der Hornhaut eingraviert. Es war eben besagte Irritation („irgendetwas scheint hier nicht zu passen„), die mich zum Nachmessen veranlaßte.

      In alten Gemäuern, in denen ich mich fotografisch oft herumtriebe und es sowieso keine rechten Winkel gibt, spielen solche Feinheiten aus meiner Sicht auch nicht die Rolle wie bei moderner Architektur.

  5. Erica says:

    Guten Tag; das Bild hat seinen eigenen Reiz in der Abstraktion. Der Beschnittvorschlag 2 betont es noch mehr und ist gut. Gegenüber dem ursprünglichen Bild ist er mir aber zu eng.
    Gerade die Spiegelung im Original macht es interessant und die Weite gibt mehr Bildtiefe. ..aber da kann man wie immer geteilter Meinung sein. Mir sagt die Grautonung zu, denn der Blick in die Helle zieht magisch in die Tiefe, in die Ferne, in die Unendlichkeit des Horizonts. Ein schönes, abstraktes Foto von künstlerischen Wert.

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