Leserfoto:
Architektur und Struktur

Strukturbilder wie das heute besprochene leben von einer wohlbedachter Abwechslung zwischen Wiederholung und Unterbrechung der einzelnen Elemente.

Ausgangsbild

***

Unser Leser Tilman Jochems aus dem nordrhein-westfälischen Kreuztal hat uns das obige Bild unter dem Titel „Fachwerk” in der Kategorie ‚Schnappschuss‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Alles falsch gemacht :-> Ein Motiv mit ‚gellender Warnhupe‘: Freudenberg im Siegerland. Ein Besuch lohnt sich trotzdem… Ich habe versucht, einen Ausschnitt zu fotografieren (200mm Zoom), um möglichst die Schönheit der Fachwerkhäuser einzufangen. Dabei schwirrten mir soviel rote und gelbe Linien in meinem Kopf herum, dass ich vollkommen das Einstellen eines korrekten ISO Wertes vergaß. Das Bild habe ich mit Gimp bearbeitet: ich habe den Kontrast geändert, einen leichten Sepia Ton hinzu gemischt, die Schärfe erhöht und ein Dach nachgedunkelt (die Reflexion der Sonne war zu hoch). Ich würde mich über eine Kritik des Resultats freuen (ruhig mit bunten Linien :->).Mit freundlichen Grüßen,Tilman”

Zur Aufnahme wurde die Bridgekamera Fujifilm FinePix HS10 HS11 mit eingebautem optischem 30-fach-Zoom (Hallo?! Für mein eigenes Brennweitenspektrum von kleinbildäquivalenten 17 bis 400 mm schleppe ich bandscheibenschädigende 15 Kilo mit mir herum …) verwendet. Die Brennweite betrug 35.4 mm (entsprechend etwa 200 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von gut 5.7), die Belichtungsdaten waren etwa 1/3000 Sekunde bei Blende f/8.0 und ISO 1600.

***

Auf die ‚hochinteressante Kombination von 1/3000 Sekunde und und ISO 1600‘ hatte Tilman schon hingewiesen. Allen Lesern sei hiermit kundgetan, daß daran natürlich einzig ich schuld bin, weil ich ‚dem armen Kerl mit farbenfrohen Kompositionszeichnungen unsinnige Flausen in den Kopf setze‘ :o) … ‚ausgelutscht‘ empfinde ich dieses Motiv übrigens nicht, insofern sollte Tilman da weder die ‚gellende Warnhupe‘ noch der ‚freundliche Niedervoltschlag‘ ereilt haben. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Heute habe ich mir eine neue Gemeinheit ausgedacht, um Tilman eins auszuwischen: die rechte Bildhälfte erachte ich schlichtweg als freundlich gemeintes, aber zu wenig strukturhaltiges und damit entbehrliches Beiwerk, und so bespreche ich nur das halbe Bild, nämlich die linke Bildhälfte …

Hier zeigt sich Erstaunliches. Das ‚Strickmuster‘ aus diagonal getroffenen Dächern (gelbe Linien ebd.) stellt sozusagen die ‚Matrix des Bildes‘ dar. Würde sich das Bild darauf beschränken (wie ich es in besagter rechter Bildhälfte zu erkennen meine), ergäbe sich keine übergelagerte Ebene, welche den Betrachter anzuziehen und zu fesseln vermag.

Doch im Rumpfbild finden wir eine schöne Hauptflucht über die Schornsteine am unteren Bildrand, das darüber liegende Dachfenster und die gestaffelten Dachgauben am oberen Bildrand. Gedoppelt und gekontert wird das Ganze noch durch eine Nebenflucht im rechten oberen Bildteil (rote Linien ebd.).

***

Zusammenfassung:

Tilmans Bild ist zugleich ein Architektur- und ein Strukturbild. Wie oben ausgeführt, kommt dabei aus meiner Sicht den Unterbrechungen des Rhythmus‘ eine entscheidende Bedeutung bei. Gelingt es, wie in besagtem Rumpfbild, eine ‚zweite Ebene der Blickführung‘ im Bild zu etablieren, kann Gutes entstehen.

***

Komposition: Beschnitt und Grundelemente

***

Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


***

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

9 Antworten
  1. Dirk Wenzel says:

    ein hab da noch … :-)

    mit der gewählten „VögelchenPerspektive“ und den Spitzen nach oben… HäuserDächer … und dem aufsteigendes VerlaufMuster … ein … Breitbild zu erarbeiten … Hut ab …

    werde mal bei Ebbe gegen die Flut ansteuern … wird bestimmt spannend …

    alles ist gut … BGr Dirk

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Mir ist gerade aufgefallen, daß man auch in allerbester Absicht nicht feststellen kann, daß der andere das letzte Wort hatte, ohne selbst das letzte Wort zu haben :o) …

  2. Tilman says:

    Hallo,

    Erst einmal vielen Dank für Deine Besprechung, Thomas!

    “einzig ich schuld bin” Selbstverständlich, aber das ist ja auch eine Anerkennung Deiner Arbeit. Als ich das Foto gemacht habe, konnte ich mir nicht so richtig vorstellen, wie ich die Linien anordnen kann. Das hat mich interessiert.

    Dein Vorschlag ist sehr gut, Thomas. Das macht für mich zwar das Fotografieren nicht einfacher… , aber es ist eine tolle Idee, durch eine zweite Ebene das Bild fesselnder zu machen. Dein Beschnitt überzeugt mich jedoch nicht so richtig, das Bild wirkt für mich zu eingeengt. Werde wohl noch einmal an den Ort des Geschehens zurückkehren müssen, um die neuen Erkenntnis anzuwenden…

    Als ich das Foto gemacht habe, fand ich von dem gewählten Standpunkt das Linienmuster interessant. Das Fachwerk mit einem horizontalen/vertikalen Muster, durch die Dächer und die Anordnung der Häuser die diagonalen Komponenten. Sozusagen, die Aufnahme einer Textur, ohne dass dem Betrachter eine Blickführung geboten wird. Marcus hat es mit „auf die Probe stellen“ und mit „Verrätselung ohne Hintertreppe“ sehr treffend beschrieben. Vielleicht hätte ich das Foto quadratisch machen sollen, um es noch extremer zu gestalten.

    Deine Variante, Marcus, ist längst nicht so verwirrend. Die Diagonalen, und vor allem die nach rechts geneigten Linien, verlieren an Bedeutung. Der Beschnitt gefällt mir, vor allem weil der Ausschnitt noch kleiner und konzentrierter ist.

    Danke auch für Deinen Kommentar, Dirk. Ich empfinde das schwarze Dreieck nicht als richtungsweisend oder als Blickfang. Vielleicht aber auch, weil für mich der Schiefer das schöne Fachwerk überdeckt und damit den Gesamteindruck des Ortsbilds schmälert.

    Hier noch ein Bild des gesamten Alten Fleckens [http://sdrv.ms/1e550sH]

    Viele Grüße,
    Tilman

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      @ Tilman

      Ich habe Deinen Link zum naturalistischen Bild aktiviert, so daß dieses direkt aufgerufen werden kann.

      @ Alle

      Auch auf die Gefahr hin, daß es etwas abgedroschen klingt: „der Weg ist das Ziel“ – der Sinn einer solch angeregten Diskussion wie hier besteht gewiß nicht darin, ‚das einzig richtige Bild bzw. die einzig richtige Interpretation‘ zu küren, sondern darin, sich mit anderen Standpunkten und Sichtweisen auseinander zu setzen. Dies, so meine Prophezeiung, ist mit die beste Sehschule …

      In diesem Sinn wünsche ich Euch frohe Weihnachten … ankündigen darf ich noch mein Tutorial zur Waldfotografie ab 29.12.2013 – mithin ein Thema, an dem mein Herz besonders hängt. Weitere Bildbesprechungen folgen freilich auch …

  3. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin vom Krabbenkutter …

    SchnittMuster die gefallen und doch hebt sich für mich eines im Sinne ab …

    ich bevorzuge Thomas Schnittvariante …

    warum :
    1. das vordergründige dunkle Dreieck strebt mit der Spitze im Bild nach oben …

    … das fehlt mir bei Marcus´Überarbeitung…
    … es ist ohne Wirkung zu klein und zu weit
    unten

    im Bild… find …

    2. ein ganzes Dreieck wird in Thomas Zeige präsentiert … was bei so vielen angedeuteten Dreiecken Quadraten und Rechtecken und Schieflagen … „Ordnung und Struktur und einen „kompletten“ Bilckpunkt bietet…

    … der dann in seiner Funktion als
    aufstrebendes Etwas…

    … das Angedeutete und das Wiederholende
    Formenmuster in den weiteren Häuser als
    Ganzes ( Dreiecke ) nicht mehr braucht …

    … bei Marcus bleibt mir alles „angedeutet“ im
    Formenspiel der Altstadt …

    … da fehlt mit etwas aufstrebendes
    und klares… … hatten ich schon …

    … ein schiefes DachRechteckQuadrat reicht
    mir für eine Blickführung nicht …

    … rechts oder links … bei einer Dreieckspitze
    nach oben … autsch

    … bestimmt steht da noch in jedem Häusle ein
    Weihnachtsbäumle und Lichter und so…
    für eine stimmungsvolle Zeit ..

    die ich ALLEN…

    vom Krabbenkutter mit der
    Lichterkette …

    wünsche BGr Dirk

    Antworten
    • Marcus Leusch says:

      Moin Moin zum Krabbenkutter …

      Deinen Einwand, Dirk, kann ich durchaus nachvollziehen. Bei dem Querformat wird‘s eher zu einem geometrischen Verwirrspiel, eine Verrätselung ohne Hintertreppe (Flucht nach oben) und ohne eindeutigen Haltepunkt, was mich mal experimentell gereizt hat. – Das ergibt natürlich ein ganz anderes Bild, mit einer anderen Intention.
      Ja, das vordergründige dunkle Dreieck ist in der Tat etwas störend, mir wäre an dieser Stelle ein Fachwerk auch lieber gewesen …

      

Herzliche Weihnachtsgrüße 

      vom Flachländer an die Waterkant
      Marcus


  4. Marcus Leusch says:

    Hallo in die vorweihnachtliche Runde,

    die Faszination für‘s Fachwerk und traditionell geprägte Innenstädte teile ich durchaus – das ist, wie Thomas zu Recht sagt, mitnichten ausgelutscht. Insofern gefällt mir auch der Ansatz von Tilman sehr. Für mich gibt es hier im Foto einen gewissen Reiz, die mein (laut Stabsärztin der Bundeswehr doch „sehr eingeschränktes“) räumliches Sehvermögen auf die Probe stellt – ja, die vielen „roten und gelben Linien“!
    Die „Gemeinheit“ mit der rechten Bildhälfte, weil hier „wenig strukturhaltiges“ zu sehen sei, hat mich aber in‘s Grübeln gebracht. Ich schlage deshalb mal einen anderen Bildausschnitt im ungewöhnlichen Format 16:10 vor, in dem vielleicht jene in der Besprechung unterschlagene Hälfte wieder teilweise zu ihrem Recht kommt. Aber mit meiner „Interpretation“ bin ich mir nicht unbedingt sicher. Für mich ist das jedenfalls eine Ehrenrettung der „anderen Seite“ … (das entsprechende Bild habe ich mal via Lightroom auf die Schnelle angefertigt, weiß aber nicht, wie ich das hier einbringen kann – vielleicht hat Thomas einen gangbaren Weg?!)

    Beste Grüße 

    Marcus

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Am einfachsten schickst Du mir Deine Überarbeitung per Mail, dann lade ich es hoch. Die Adresse hast Du doch?

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *