Leserfoto:
Auf Elliott Erwitts Spuren

Auch in der Urlaubsfotografie darf das Skurrile und Allzumenschliche Erwähnung finden. Sonnenuntergänge und Sehenswürdigkeiten gibt es schon zur Genüge.

Ausgangsbild

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Unser Leser Steffen Maier aus dem oberschwäbischen Schemmerhofen hat uns das obige Bild unter dem Titel „Point-of-View” in der Kategorie ‚Schnappschuss‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Ich bin ein Fan der Bildkritik auf ‚fokussiert‘! Ich fotografiere gerne, bin aber wenig talentiert. Da helfen eure Tipps sehr, mich zu verbessern! Trotzdem habe ich auf meiner Irlandreise nur viele schöne Urlaubsbilder gemacht, aber wenig gute Fotos. Auf eines bin ich aber doch stolz, und daher würde ich gerne wissen ob es auch dem Urteil eines Profis standhält. Das Foto habe ich an den ‚Cliffs of Moher‘ aufgenommen, einer Steilküste im Westen Irlands. Ein Tourist hat versucht die Höhe der Klippen einzufangen, und ich habe ihn eingefangen. Mir gefällt daß die Anordnung von Himmel/Meer und dem Boden für den Betrachter eher ungewohnt erscheint. Daß der Herr in dem Moment in dieser Körperhaltung auch versucht hat diese Sehenswürdigkeit festzuhalten, war mein Glücksfall. Das Bild ist, bis auf das Geradestellen des Horizonts und der Bildverkleinerung, unbearbeitet.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 600D mit Kitobjektiv EF-S 18-135mm f/3.5-5.6 IS verwendet. Die Brennweite betrug 24 mm (entsprechend gut 38 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/500 Sekunde bei Blende f/7.1 und ISO 100.

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Steffen hat das schon geschickt eingefädelt: erst überhäuft er uns mit Lob, bis wir nicht mehr klar denken können, dann spielt er noch gnadenlos den Mitleidsjoker („wenig talentiert”) aus. Auch ich fristete meine Jugend in dieser Region (ein sehr seltsames Land voller wirklich seltsamer Typen, sage ich Euch), konnte im Gegensatz zu ihm aber entkommen. Um den Eindruck von Parteilichkeit zu vermeiden, bliebe mir eigentlich nur der Totalverriß :o) …

Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Übersichtlich präsentiert sich das Bild, was nicht vor vornherein verkehrt ist.

Ein jüngerer Mann (rote Linien ebd.) steht in seltsam vornübergebeugter Haltung (‚Manneken Pis‘ läßt grüßen) seltsam nahe vor einem Abgrund. Ein Felsplateau wird erkennbar (blaue Linien ebd.), darunter in spürbarer Ferne das Meer mit einem mittig angelegten Horizont (nochmals blaue Linien ebd.) – die ‚Cliffs of Moher‘ fallen 120 bis über 200 Meter senkrecht ab; ein kleiner Windstoß und: ‚live hard, die young‘ … ich dachte eigentlich, daß dieser Weg am Abgrund mittlerweile gesperrt ist.

Einige Wellenbrecher sind in der Ferne noch erkennbar, die sich mit dem Schatten der Person zu einer das ganze Bild durchquerenden Waagrechten verlängern lassen (gelbe Linien ebd.). Die Blickrichtung des Mannes geht nach links unten, sie stellt sich somit gegen die konventionelle Leserichtung des Betrachters (grüne Linie ebd.).

Tonwerte:

Das Histogramm ist etwas rechtsschief bei einem Mittelwert von gut 150. Tonwertabrüche im Schatten oder Lichterbereich liegen nicht vor. Der Mann ist in recht dunklen Tönen gezeichnet. Deutlich heller abgesetzt ist das Meer. Die hellsten Bildpartien finden sich im Himmel und auf dem Felsplateau.

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Zusammenfassung:

Elliott Erwitt, den ‚Meister der augenzwinkernden Fotografie‘, hatte ich im Titel bereits erwähnt. Und ich finde, daß Steffens Arbeit durchaus das Potential hat, einen würdigen Platz in diesem Genre einzunehmen. Doch will ich nachstehend noch beschreiben, wo mir besagtes Potential noch nicht wirklich ausgeschöpft erscheint.

Zum einen irritierte mich die oben bereits beschriebene Gegenbewegung aus Leserichtung des Betrachters und Blickrichtung des Abgebildeten – siehe dazu ggf. auch mein Tutorial ‚Blickwege bei der Bildbetrachtung‘.

Sofern wir das Bild horizontal spiegeln, wird es meines Erachtens besser – der Mann erwartet uns nahe des klassischen Blickeinstiegs links unten, wir können uns also mit ihm identifizieren bzw. an seine Stelle treten; und wir folgen seinem Blick, der nun nach rechts unten schweift, vornehmlich zum nahe am Körper gehaltenen Fotoapparat, aber natürlich auch in den Abgrund hinab.

Zum anderen fand ich die farbige Darstellung hier zu naturalistisch, zu lieblich, also zu wenig die Skurrilität der Körperhaltung und auch die latente Bedrohung durch die Abgrundnähe zur Geltung bringend.

In einer Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) habe ich nach der horizontalen Spiegelung mittels Schwarzweißkonvertierung alle warmen und kühlen Farbtöne ‚auf Null gesetzt‘, so daß hier nichts mehr vom Geschehen ablenkt. Das Rot- und Blaukanal wurde angehoben, so daß die Person nun insgesamt akzentuierter wirkt und vor dem insgesamt helleren Hintergrund auch besser hervortritt. Eine dunkle Vignette lenkt den Blick schließlich weiter auf die eigentliche Bildgeschichte.

Ich möchte abschließend auf das schon im Lead erwähnte ‚Skurrile und Allzumenschliche‘ zurückkommen. Mir kam bei dieser Bildbesprechung meine Norwegenreise 2009 in den Sinn. Ich stand hoch über dem Geirangerfjord und hatte eine richtiggehende ‚Auslösehemmung‘ gegenüber dem ‚Standardblick hinunter in die Schlucht‘. Da kam mir jener junge Mann zu Hilfe, der sich gerade etwas beweisen mußte (siehe untenstehenden Bild ‚Vergleicharbeit‘).

Überlegt Euch doch bitte, ob Ihr in Eurem Urlaubsportfolio einmal die unvermeidlichen Sehenswürdigkeiten und Sonnenuntergänge auf ein Mindestmaß beschränken und es in solcher Weise auch ‚menscheln lassen‘ könntet. Seid versichert, daß Euch beim nächsten ‚Diaabend unter Freunden‘ (oder dem heutigen, digitalen Pendant) deutlich weniger wegschnarchen …

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Komposition

Überarbeitung

Vergleichsbild 'Mutprobe am Geirangerfjord'

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

7 Antworten
  1. Christine Frick says:

    Hallo in die Runde,
    die S/W Variante von Thomas gefällt mir wesentlich besser und das liegt wohl daran, dass ich fast alle meine Bilder in S/W umwandle. Die Person ist sehr gut ausgearbeitet worden und wirkt detailreicher, als in der farbigen Version, die natürlich eine andere Wirkung hat.
    Liebe Grüße
    Christine

    Antworten
  2. DWL says:

    Ein gelungener Schnappschuss, der in der Tat an Elliott erinnert.

    Aber nur deswegen muss man es nicht in S/W umwandeln….

    Die Farbe funktioniert für mich hier sehr gut, mir gefällt es so besser.

    Zunächst, in der Übersicht, dachte ich, der spielt dort Luftgitarre; erst bei Vergrößerung sieht man das Objektiv der kleinen Kamera aus den Händen hervorlugen…

    Auch die Spiegelung finde ich bei dem Bild eher kontraproduktiv:

    Für MICH rennt rein grafisch gesehen das Meer auf den Felsen zu, der sich ihm mit zunehmender Höhe entgegenstellt. Und die Körperhaltung ( die ja nicht nach vorne, sondern stark nach hinten gebeugt ist) wirkt so, als ob sich der Mann dem entgegen stellt, aber der Oberkörper gewissermaßen von den zu imaginären Fluten nach hinten mitgerissen wird. Jedenfalls ist diese Körperhaltung typisch für Menschen, die sich Brandung oder Sturm entgegen stellen und dann plötzlich die Kontrolle über ihre Stabilität verlieren.

    Eine S/W Umsetzung ebenso wie die Spiegelung lassen das Meer also eher in seiner (meiner persönlichen Interpretation nach) gegenüber der Person kontrapunktiven Rolle und bildlichen Spannung eher verblassen und eher weniger spannend erscheinen.

    Interessant, wie selbst solche Motive sehr unterschiedlich interpretiert und bearbeitet werden können…

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Danke für Deine differenzierte Betrachtung. Ich kann hier großteils zustimmen und möchte ergänzen, daß …

          … es beim Ausgangsbild eher um das Meer, bei der Neuinterpretation hingegen mehr um den Menschen geht. Es sind, wenn man so will, zwei verschiedene Bilder.
          … die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten nicht nur auf Betrachtungs-, sondern auf Ausarbeitungsebene viel vom Reiz der Fotografie ausmachen. Aufgrund der ‚Befreiung vom realistischen Abbildungsfluch‘ bietet hierbei die Schwarzweißfotografie besondere Möglichkeiten.
  3. Thomas Brotzler says:

    Zitat: „Dafür hätte ich die Vignette weggelassen, die für mich immer etwas künstlich wirkt.

    Mit Deinem Hinweis auf meinen ‚Vignettierungswahn‘ hast Du mich erwischt. Tatsächlich komme ich auch bei den eigenen Bildern solange nicht zur Ruhe, bis auch die Ergebnisse meiner wertigsten Optiken wirken, wie wenn sie mit Objektiven des 19. Jahrhunderts gemacht wurden :o) …

    Aber ‚Ernst beiseite‘: künstlich hinzugefügte Vignettierungen müssen nicht, können aber die Blickführung unterstützen, das Wahrnehmungsfeld des Betrachters konstruktiv einengen. Natürlich sollte es subtil erfolgen bzw. nicht allzu offensichtlich sein.

    Bei diesem Bild habe ich absichtlich ‚dick aufgetragen‘, um den ‚wohltuend skurillen Charakter der Szene‘ noch herauszustellen. Auch das ‚artefaktverdächtige Abwedeln rund um den Protagonisten‘ ist Dir vielleicht aufgefallen, es dient der gleichen Absicht …

    Antworten
    • Marcus Leusch says:

      Das „dick aufgetragen“ und „wohltuend skurril“ passt hier natürlich zusammen wie Butter und Marmelade. Beim vorliegenden Foto ist das wahrscheinlich eine reine Geschmacksfrage, die nicht wirklich wesentlich an der Bildaussagekraft rüttelt (Wer Augen hat, der sehe!)
      Ich finde aber eine solche gezielte Blickführung eher in den Bereichen Landschaft und gelegentlich auch Portrait sinnvoll. 
Insofern kann ich auch Deinen „Vignettierungswahn“ (wohl vor allem bei Landschaftsaufnahmen?) nachvollziehen. Warum sollte man nicht das fotografisch hervorragende 19. Jahrhundert in dieser Beziehung zitieren dürfen, schließlich fügen wir ja auch unseren Fotos manchmal Filmkorn hinzu, und das gehört in der letzten Zeit bei einigen Aufnahmen zu meinenem speziellen Lieblingswahn …

  4. Marcus Leusch says:

    Glückwunsch zu diesem besonderen Schnappschuss, der mir sehr gefällt, weil der Blick sich hier so schön auf das Wesentliche konzentriert, ohne unnötig störendes Beiwerk. Ja, so „einfach“ kann Fotografie auch sein. Ich dachte zuerst an Jimmy Hendrix mit der Kamera, auf der man ja vielleicht auch etwas am Rande des Abgrunds spielen kann – „Hey Joe“ oder so ;-) 
Spiegelung und s/w-Konvertierung machen das Bild dank Thomas‘ Bearbeitung deutlich aussagekräftiger und wesentlich klarer, befreit vom – ja gewiss – allzu naturalistischen Color (blauer Himmel, blaues Meer). Dafür hätte ich die Vignette weggelassen, die für mich immer etwas künstlich wirkt. Warum sollten wir einer solchen Bildaussage auf die Sprünge helfen müssen? Es geht auch ohne, wie bei Elliott Erwitt ja sehr eindrucksvoll immer wieder zu sehen ist. 



    Herzliche Grüße in die Runde
    Marcus


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  1. […] Zitat von einem Blog, den ich schon lange abonniert habe. Merkwürdig, wie sich ein solches Bekenntnis in meinen Augen […]

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