Leserfoto:
Regenmelancholie in Farbe

Ein subtiles ‚Spiel mit der Erwartung des Betrachters‘ zeigt das heute besprochene Bild.

Ausgangsbild

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Unser Leser Marcus Leusch aus Mainz hat uns das obige Bild unter dem Titel „Passantin im Regen” in der Kategorie ‚Street‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Mainz/Ludwigstraße: Bei dem ungemütlichen Dezemberwetter vor drei Jahren versuchten die Händler hier ihre Marktstände mit durchsichtigen Platikplanen vor dem Schneeregen zu schützen. Die an ihnen abperlenden Wassertropfen und die Durchsicht auf die vorübereilenden Fußgänger mit ihren Schirmen ergaben für mich ein interessantes Fotomotiv. Dabei ist eine kleine Serie mit Aufnahmen wie dieser entstanden, die dem Treiben an diesem nasskalten, trüb-melancholischen Tag einen fast malerischen Charakter verliehen haben. Hinzu kamen die leichten Randverzeichnungen des Weitwinkels, die durch die unregelmäßig gewellte Kunststofffolie verstärkt wurden und so einen zusätzlich verfremdenden Effekt bewirkt haben … Aufnahmedaten: Nikon D700, 17-35 mm-Objektiv (bei 30 mm), ISO 400, Belichtungszeit 1/100, Blende 5.6, Kontraste wurden in Photoshop leicht angehoben”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Marcus bereits berichtet. Zu ergänzen ist, daß die abgelesene Brennweite der kleinbildäquivalenten entspricht.

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Ich mußte schon zweimal hinschauen – die Farbaufnahme stammt tatsächlich von Marcus, von dem wir schon einige sehr ansehnliche und lehrreiche Streetfotografien in Schwarzweiß vorgestellt hatten. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Blickfang ist jene dunkel gekleidete und hinter rotem Schirm sowie ebensolcher Tasche versteckte Dame rechts unten mit erkennbarer Laufrichtung nach links (rote Linien ebd.).

Dieses Bewegungsmoment wird durch die zum linksseitig und weit außerhalb des Bildes befindlichen Fluchtpunkt verlaufenden Linien aufgegriffen und verdeutlicht (gelbe Linien ebd.).

Ein leuchtend gelbes Objekt, etwa im Goldenen Schnitt links oben liegend, fungiert als Kontrapunkt bzw. ausgleichendes Gegengewicht zur besagten Person (blaue Linien ebd.).

Die nach oben etwas auseinanderlaufenden Senkrechten der Häuser im Hintergrund lassen den vertieften Aufnahmestandpunkt mit Kamerarichtung nach oben erkennen. Sie stören hier nicht, sondern unterstreichen die unwirklich anmutende Atmosphäre des Bildes.

Tonwerte:

Das Histogramm zeigt sich etwas rechtsversetzt bei einem Mittelwert von gut 145. Der Mantel der Person verfällt teilweise in den strukturlos geschlossenen Schatten von Zone 0, wobei auch dies nicht störend wirkt. Wesentliche Tonwertabbrüche liegen ansonsten nicht vor.

Farben:

Eine Vielzahl von primärfarbigen Farbtupfern dominiert das Bild.

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Zusammenfassung:

Das Bild lebt vom subtilen ‚Spiel mit der Erwartung des Betrachters‘ – der Regenschirm und die Tropfen auf der Plane lassen uns ein ‚düsteres Regengrau‘ erwarten, tatsächlich sehen wir aber ‚fröhliche Farbigkeit‘; diese wiederum mag uns ganz unwirklich vorkommen, denn es herrscht ja gerade nicht die ‚Heiterkeit eines Frühlings oder Sommers‘ vor.

Ich meine, daß Marcus hier ‚korrekterweise die Farben zitiert‘ hat. Ein einfaches Schwarzweißbild könnte jenen ‚Spannungsbogen zwischen bunt und grau‘ nicht abbilden.

Einen wichtigen Aspekt möchte ich noch erwähnen: die Bewegungsrichtung der Person und die konventionelle Leserichtung des Betrachters sind hier gegenläufig. Um ‚gut oder schlecht‘ geht es hier nicht, sondern um die daraus resultierenden, ganz unterschiedlichen Bildwirkungen.

Besagte Gegenläufigkeit weist eine Tendenz zur Irritation und Sperrigkeit auf. Wir werden als Betrachter nicht ‚in das Bild hineingezogen‘, sondern mit dessen Inhalt konfrontiert. Ganz anders ist die Wirkung nach einer Spiegelung, wie es die Neuinterpretation (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) aufzeigt. Nun stimmen Bewegungs- und Leserichtung überein. Die Dame steht nun am Anfang des Geschehens, sie bietet sich als Einstiegs- und Identifikationspunkt an und nimmt uns mit in die noch bevorstehende, von links nach rechts verlaufende Bildgeschichte.

Des weiteren habe ich in besagter Neuinterpretation eine Schwarzweißkonvertierung vorgenommen und das Ergebnis mit 50% des Ausgangsbild im Ebenenmodus ‚Farbe‘ überlagert. Die sich daraus ergebenden Unterschiede der Bilddramatik können wir vielleicht in der Diskussion aufgreifen.

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Komposition

Neuinterpretation

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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9 Antworten
  1. Satyam says:

    Hallo,
    und danke für eine so umfangreiche Bildbetrachtung und Interpretion.
    Für mich lebt die Besonderheit des Bildes darin, dass die Fokusebene auf der Plane mit den Regentropfen liegt und eben dadurch auch den „surrealen“ Charakter ausmacht. Für mich als Betrachter dieses Fotos schafft es eine Distanz zur Situation der Person, die sich in einem Umfeld bewegt – ähnlich von Bildern, die man so kennt, die nachträglich mit Strukturen überlagert wurden. Dies erst macht deutlich, dass es sich um eine Abbildung handelt und nicht beansprucht, den Betrachter in eine zeit-räumliche Dimension ziehen zu wollen…Es bleibt ein Abstand zum Geschehen.Das baut ein Spannungsfeld auf.
    Die Bewegungsrichtung und Neuinterpretation, die dann durchgeführt wurde ist zwar interessant und überraschend, aber für mich nicht wesentlich wichtig für die Aussage des Bildes.

    Dank und Grüße,
    Satyam

    Antworten
  2. Marcus Leusch says:

    Fühle mich durch die regen Diskussionen zu meinem Bild in aller Bescheidenheit geehrt. Ja, und unter Thomas‘ Argusauge kommt 
selbst Farbe zu ihrem Recht! …. Mir ist‘s eine Ermunterung für 
Weiteres in dieser Richtung …

    @ Dirk, Moin Moin … Bin immer wieder recht erstaunt über Deine 
genaue Beobachtungsgabe (auch an anderen Orten auf diesen Seiten),
    chapeau und Dank … Das mit den Bildebenen, die sich zu einer Gesamtaussage einfinden ist sehr gut erkannt und benannt … Das mit den unterstützenden „Linien“ ist bedenkenswert, mir aber fallen auch oftmals die Linien auseinander und lassen sich nicht mehr zusammenfinden. Am liebsten wäre mir dann der fotografisch freie Fall mit möglichst wenigen Hilfsangeboten und viel mehr Irritationen! Mich interessiert das „Dazwischen“, auch das Untergründige oder Abgründige … daran arbeite ich lernend also demnächst noch etwas intensiver …

    Grüße in die Runde
    Marcus

    Antworten
  3. Thomas Brotzler says:

    Zitat: „ein Street in Farbe hurra

    Und das unter den gestrengen Augen eines bildbesprechenden Schwarzweißfotografen :o) …

    Antworten
  4. Tilman says:

    Hallo,

    @Thomas Als ich das Bild zum ersten Mal betrachtet habe – und das ist für mich ein entscheidender Moment: hier bin ich immer noch ganz unvoreingenommen – da sind mir als erstes die Verzerrungen aufgefallen. Und ich bin dran hängengeblieben. Aber das wird dem Bild, so denke ich, nicht gerecht. Es handelt sich hier doch eher um Beiwerk. Was die Blickrichtung angeht: wenn ich die Frau mit dem rotem Schirm fotografieren wollte, so wäre Dein Ansatz gut. Ich finde in der Tat, dass sich in Deinem Vorschlag die Frau sehr gut in die Szene integriert. Aber für mich ist ja gerade die Irritation so gut. Der Kontrast zwischen dem Wetter, den knalligen Farben, dem Regenschirm. Diese Konfrontation ist für mich der Kern des Bildes.

    @Marcus Zu dick aufgetragen, das passiert mir oft. Manchmal vergleiche ich Nachbearbeiten von Fotos mit Kochen. Am Ende würzt man, und es gibt diesen Punkt der richtigen Schärfe und des vollmundigen Geschmacks, ohne dass man jedoch das einzelne Gewürz herausschmeckt. Ein bisschen mehr, und man kann das Mahl unter ständigen Rühren in den Abfluss kippen… Dass der Ausdruck anders wirkt, wundert mich nicht. Die Bilder hier haben ja eine geringere Auflösung, darunter leidet dann auch die Schärfe. Und wir wissen natürlich auch nicht, ob das Fotolabor nicht auch Algorithmen zur „Bildverbesserung“ einsetzt.

    @Dirk „ein Street in Farbe hurra“ :->

    Viele Grüße,
    Tilman

    Antworten
  5. Dirk Wenzel says:

    … noch eine Meinung vom Krabbenkutter :-)

    Moin Moin …

    1. ein Street in „Farbe“ hurra und dann noch so ein spektakuläres …

    2. die Bildebenen gefallen

    3. die Tropfenwand in der ersten Reihe der Ebenen sind ein „klarer“ Hinweis … auf Wetter Regen …

    4 der Schirm schon in der Unschärfe zweite Ebene … verbindet… Tropfen und Schirm zu Regen in den Straßen …

    wie nennt es sich, wenn zwei Elemente zu einer Gesamtbotschaft für den die BetrachterInn werden ???

    5. zur Spiegelung find :

    Grundsätzlich find … die Spiegelung von Bildern können die Botschaft für den Betrachter deutlich verändern …

    und verweise dazu auf Thomas Ausführungen im Tutorial …

    doch bei diesem Bild ist mir bei der ersten Betrachtung etwas aufgefallen jaja … :-)

    zwei Fluchtpunkte außerhalb des Bildes

    besonders durch die Fassaden im Hintergrund …

    damit öffnet sich das Bild für mich zu beiden Seiten .. die Dame unterstützt meine Blickrichtung nach links aus dem Bild …

    der Fluchtpunkt rechts … „entspannt“ die Dynamik nach links im Bild find … und somit erreicht eine Spiegelung bei mir… eine dezenten BildWirkung so wegen von links nach rechts und so …

    bei nur einem Fluchtpunkt könnte die Wirkung viel deutlicher werden denk …

    aber auf jeden Fall ein Versuch wert find …

    noch ein letzter Gedanke an den Fotograf …

    bei so vielen Linien kann es eine gute Unterstützung sein … eine Linie an eine markante Körperstelle zu setzten … so wie hier vielleicht der Kopf z.B Augenhöhe … dabei die Kamera etwas höher oder tiefer halten wie es gewünscht und kleine platzierte Hilfslinien unterstützen noch mehr …

    bei diesem Bild drückt der Schirm nach unten und der Kopf ist find nicht frei genug dafür …

    aber ein brauchbares so für weitere …

    heute Nacht fährt der Krabbenkutter nach den Sternen am Himmel und so … wegen Orientierung und Fluchtpunkte für ein weiters Ziel… wie die Seehundbank

    BGr Dirk

    Antworten
  6. Marcus Leusch says:

    Lieber Tilman,

    1000 Dank erstmal für die interessanten und lobenden Worte … und die Mühen bei Deiner Bildinterpretation.
    Ja, der V-Effekt (ich nenne es hier mal Versuch einer Annäherung an die Malerei) war mir sehr wichtig, dazu gehören auch die schon fast unnatürliche Farbigkeit, Unschärfe etc.. Dies wird in Deiner Neuinterpretation noch einen Kick weiter gedreht, sodass letztlich die Gesamtanmutung vollends eher in Richtung Irrealis kippt. Das wäre übrigens ein Bild, in dem ich selbst mit meiner Farbenblindheit die Farbqualität und Intensität auch deutlich sehen und differenzieren kann. Aber ich habe da immer so meine Bedenken, ob hier nicht doch zu dick aufgetragen wird: Kontrast und Farbdynamik hochgeschraubt und fertig … Das selbe Erlebnis hatte ich beim Hochpassfilter in Photoshop, den ich natürlich auch nutze. In der Bildschirmdarstellung Deines Versuchs rücken die Wassertropfen noch deutlicher in den Fokus – was ja so auch meinem eigenen Blick durchs Objektiv entsprach – die vorbeieilende Person erhält mit der Schärfe der Wassertopfen erst ihr „Eigenleben“, ohne sie gäbe es nur einen vorbeihuschenden Schatten mit farbigen Tupfen. Ich habe hier allerdings auch einen Ausdruck (A3) meiner Version vorliegen, in der genau dieser Effekt (Schärfe/Unschärfe) sehr deutlich zutage tritt, was mich wieder sehr beruhigt.

    Vielleicht liegt der Kasus Knacktus in der Mitte, denn gerade ein dezenter Einsatz der Mittel lässt mich zwischen den Erwartungen eines grauen Tages und der hier sichtbaren fröhlichen Farbigkeit hin und her gleiten … ? Diese schwebenden „Zwischenwelten“ sind übrigens in vielen meiner Fotos ein zentrales Thema.

    Durch die Spiegelung + besondere Ebenentechnik (SW/Color) in Thomas‘ Version entdecke ich in dem Foto, wie Du richtig sagst, eine ganz andere Bildaussage. Das wäre mal eine Frage für kommende Experimente, aber dann würde ich mich ja schon in Richtung Bildkunst bewegen, die mit der Erfahrungswirklichkeit zu spielen beginnt … und diese letztlich überschreitet.

    Letztlich bin ich in der Farbfotografie aber immer noch ein suchender Anfänger ;-))

    Herzliche Grüße
    Marcus

    Antworten
  7. Tilman says:

    Hallo,

    gut gesehen und klasse fotografiert. Die Farben des gelben Postkastens, der roten Tasche und Schirms sind durch Deine Kontrasterhöhung, Marcus, noch einmal intensiver geworden. Das gefällt mir und bewirkt auch den verfremdenden Effekt. Leider geht das in Thomas Version verloren. Und damit auch die Hauptelemente, die die Komposition bestimmen. Ich hätte diesen Effekt sogar noch verstärkt.

    Die Randverzerrung des Weitwinkels stören mich, das sieht schon sehr unwirklich aus und lenkt von dem eigentlichen Thema ab. Ich hätte das korrigiert.

    Interessant finde ich auch, dass Du den Fokus auf die Plane eingestellt hast. So ist eigentlich das ganze Bild unscharf. Diesen Kontrast hätte ich mit einem Hochpassfilter noch herausgearbeitet, so dass die Regentropfen und die Struktur der Plane noch mehr ins Auge fallen.

    Mal abgesehen vom „Druckfehler“, ich halt die Spiegelung nicht für gut. Das Foto soll ja nicht die Frau und deren Bewegungsrichtung zeigen, sondern den Kontrast zwischen Regenwetter und Farbe.

    Hier meine Version : http://sdrv.ms/1d473Am

    Herzlichen Glückwunsch noch einmal zu diesem fantastischen Bild, Marcus!

    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Ein Bild, zwei Kommentatoren, drei Meinungen :o) …

      Aber im Ernst: was mir an Deinem Ansatz gefällt, lieber Tilman, ist jene ‚durchgängige und überzeugende Linie aus Konzeption, Argumentation und Umsetzung‘ – dies macht, davon bin ich zutiefst überzeugt, einen Gutteil dessen aus, was man ‚das fotografische Sehen‘ nennt …

      Im Gegensatz zu meiner Strukturbetonung setzt Du weiter auf die kontrastvolle Verstärkung der Tonwerte und Farben. Auch Du schaffst damit einen ‚Verfremdungs- und Übersetzungseffekt‘, über dessen Bedeutung für dieses Bild wir uns insofern einig zu sein scheinen.

      Ganz folgen kann ich Dir dann darin allerdings nicht, wenn Du die Verzerrung korrigierst, die nach meinem Dafürhalten sehr zur ’nötigerweise surrealistischen Anmutung des Bildes‘ beiträgt, und so eine ‚Normalisierung erzwingst‘. Auch den von Dir angeführten Widerspruch zwischen ‚mitnehmender Blickrichtung‘ und Kontrastwirkung vermag ich nicht in solcher Weise zu erkennen.

  8. Marcus Leusch says:

    Hallo Thomas,

    ja, ich musste auch zweimal hinschauen, gar nicht so einfach, farbig zu „sehen“, aber bei diesem Bild hat es einfach so sein müssen, das lässt sich in Graustufen nicht – oder nur mit einem kleinen aber feinen Trick (Deine Bearbeitung werde ich mir merken!) übersetzen. Interessant fand ich unter anderem die Regentropfen auf der Plane, die der Gestalt der Passantin eine „innere Textur“ aufprägen – ansonsten wäre sie eine dunkle (respektive graue) Maus mit rotem Regenschirm und Tasche geblieben. Sie verleihen dem Bild also, neben den „fröhlichen“ Farbtupfern (das „gelbe Objekt“ ist übrigens ein Briefkasten) zusätzlich eine gewisse Lebendigkeit. 
Das „Spiel mit den Erwartungen“ kommt dem nahe, was mich hier zur Aufnahme bewegt hat, dazu gehören auch die deformierten Fassaden im Hintergrund – insgesamt eine recht unwirkliche Gesamtanmutung, obendrein wird außer den Regentropfen nichts wirklich scharf abgebildet. Je weiter ich mich von der Wirklichkeit entferne, desto näher komme ich ihr, dachte ich. 
Gerade weil wir das Graue an diesem grauen Tag kaum „sehen“ können, kommt es uns in den Sinn. Auch das Abwesende ist wahrscheinlich immer präsent, wenn wir unsere Alltagserfahrungen befragen. 
Als die Aufnahme entstand, hatte ich mich gerade mit dem Piktoralismus in der Fotografie auseinander gesetzt. DIE Entdeckung zu jener Zeit war allerdings der Fotograf Saul Leiter, dessen Farbfotos ich einfach nicht aus dem Kopf bekommen konnte. Insofern hat er mich zur Farbfotografie geradezu genötigt, auch wenn ich da noch ein Übender bin.

    Deine Bearbeitung finde ich sehr interessant. Das wirkt auf mich wie eine alte, nachträglich kolorierte S/W-Aufnahme oder eine verblasste in Color. Hier wird‘s dann auch wieder eher regentypischer, aber es wird auch noch etwas abstrakter, was mir positiv nahe geht. Auch die Laufrichtung ist natürlich nicht so Widerständig wie in meinem Original. Das verleiht dem Bild einen anderen Lesefluss und somit auch eine ganz andere Dynamik – der rasche Schritt der vorübereilenden Person wird geradezu spürbar, das Bild vermittelt mir sogar eine gewisse Hektik im trüben Regentreiben.
Nun, in Stuttgart oder München könnte ich das gespiegelte Foto durchaus so präsentieren, hier in Mainz würden das viele für einen Druckfehler halten, denn die Szene spielt auf einer der prominentesten Straßen dieser Stadt.
    Überhaupt halte ich es bei Straßenszenen eher mit der Wirklichkeit vor Ort. Was in der Landschaftsfotografie oder etwa beim Stillleben durchaus möglich ist, stößt aus gründen der Wahrhaftigkeit bei der Streetfotografie doch rasch an Grenzen. Gerne lasse ich mich da aber eines Besseren belehren :-)

    Mit herzlichem Dank 
für diese wiederum sehr anregende Kritik

    Marcus

    Antworten

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