Leserfoto:
Ein architektonisches Fabelwesen

Eine interessante, zugleich ungewöhnliche und fast ein Eigenleben entwickelnde Architekturaufnahme wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Ausgangsbild

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Unser Leser Armin Dietz aus Hannover hat uns das obige Bild unter dem Titel „Bahnhof Hannover-Nordstadt 23:22” in der Kategorie ‚Abstraktion‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Der Bahnhof hat für mich nachts eine etwas unheimliche Atmosphäre, die ich versucht habe mit dem Bild einzufangen. Mich würde interessieren, ob es gelungen ist, mit der Aufnahme auf dem Kopf eine verwirrende Spannung zu erzeugen. Das Bild ist mit einer analogen Nikon F3 aufgenommen, 24mm, ISO 200. Blende vermutlich F8 mit entsprechend langer Belichtungszeit vom Stativ.”

Über Ausrüstung (die gute, alte Nikon F3, produziert von 1980 bis 2001) und Aufnahmedaten hatte Armin bereits berichtet. Die abgelesene entspricht hier natürlich der kleinbildäquivalenten Brennweite.

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Bei dieser ‚absichtsvoll umgedrehten Aufnahme‘ kam mir einer meiner früheren Dozenten in den Sinn. Dieser hatte die Angewohnheit, alle Bilder auf den Kopf zu stellen und uns solchermaßen zur Betrachtung anheimzustellen. Er nutzte diesen entfremdenden Kunstgriff, um unsere Fähigkeit zur abstrakten Sichtweise der kompositorischen Grundelemente zu schulen und uns anzuregen, über die jeweils unterschiedliche Bildwirkung nachzudenken. Ich fand das damals sehr lehrreich und verwende diese Methode noch heute.

Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Man merkt der Aufnahme an, daß sich Armin Zeit gelassen hat. Der Lohn hierfür war eine perfekte Ausrichtung und Symmetrie (siehe türkisfarbene Linien ebd.), wie es sich für eine anspruchsvolle Architekturfotografie (getreu dem Motto „ganz oder gar nicht schief”) gehört.

Die Komposition ist komplex, die Vielzahl der Fluchtlinien tragen mitsamt der erschwerten Wiedererkennbarkeit der auf dem Kopf stehenden Elemente zur ‚erwünschten Verwirrung‘ bei.

Wenn wir zunächst die von oben hineinragenden Diagonalen (blaue Linien ebd.) betrachten, so weisen diese auf den etwa im Goldenen Schnitt von oben liegenden Fluchtpunkt hin, der zugleich das Motivzentrum darstellt. Die von unten hineinragenden Diagonalen (rote Linien ebd.) vereinigen sich hingegen knapp oberhalb des Bildes und führen den Blick so aus dem Bild heraus. Nicht unwichtig sind schließlich noch die seitlich erscheindenen Fluchtlinien (gelbe Linien ebd.), die uns einen Eindruck der Raumtiefe vermitteln.

Wichtig für die Bildwirkung sind auch die über das ganze Bild verteilten, jeweils kleinflächig unterteilten Glasflächen, die mich an Facettenaugen von Insekten erinnerten.

Tonwerte:

Man beachte die Lichterzeichnung – gewiß brennen die Lampen aus, doch bleibt der Effekt auf diese beschränkt. Jenes aus der Digitalfotografie ebenso bekannte wie unrühmliche ‚Blooming‚, also die Überstrahlung benachbarter Bereiche, zeigt sich bei dieser Analogaufnahme nicht.

Farben: Gedämpfte Braun-, Rot- und Blautöne herrschen im Bild vor.

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Zusammenfassung:

Ich kann Armin zu dieser reifen Arbeit nur gratulieren – zum einen wegen der perfekten Bildanlage, zum anderen wegen der einen entfremdenden bzw. surrealistischen Eindruck hinterlassenden Spiegelung.

Meine Phantasie, hier einem Fabelwesen bzw. Insekt gegenüberzustehen, hatte ich bereits geäußert. Vergleicht das Ausgangsbild doch ruhig einmal mit dem Ursprungsbild (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) und überprüft für Euch selbst die unterschiedliche Wirkung. Ich behaupte, daß das Ursprungsbild durch die rasche Wiederkennbarkeit des Treppenaufgangs an Profanität gewinnt und an Bildwirkung verliert.

Ich hatte noch überlegt, ob ein Beschnitt von oben (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) die Bildwirkung noch verstärken könnte. Zwar ist dadurch die Treppe verkürzt und noch weniger erkennbar. Doch meine ich zugleich, daß die Ausgewogenheit des Bildes daran Schaden nimmt: es strebt dann zu sehr nach oben.

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Komposition

Ursprungsbild

Beschnitt

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. DWL says:

    Ich stimme der Bildbesprechung voll zu…
    Allerdings hätte ich sogar aus dem „Auf den Kopf gestellten“ Bild noch das einzige und daher umso stärker profan wirkende Element noch stärker beschnitten als Thomas Brotzler:

    Eine radikale Beschneidung in Höhe des Treppenabsatzes würde dem Bild zwar einiges an Tiefe nehmen, dafür jedoch noch stärker verwirren und die wunderschönen rechteckigen Elemente besser in Szene setzen.

    Denn nicht die paar zusätzlichen schrägen Streben und die sofort als solche erkennbaren Treppenstufen, sondern eben die anderen Elemente mit der interessanten Beleuchtung und verwirrenden räumlichen Anordnung sind reizvoll.

    Antworten

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