Leserfoto:
Nächtliches Stimmungsbild

In der heutigen Bildbesprechung wollen wir eine insgesamt gelungene Aufnahme mit kleineren Schwächen diskutieren.

Ausgangsbild

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Unser Leser Benno Köglmaier aus dem niederbayerischen Ruhstorf hat uns das obige Bild unter dem Titel „München” in der Kategorie ‚Street‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „am 28.07.2013 in München auf der Hackerbrücke gemacht. Hab mich zuerst geärgert, dass die beiden Jungs hochgeklettert sind obwohl ich die Kamera aufgebaut hab fand das aber dann ganz in Ordnung.”

Zur Aufnahme wurde nach Exif-Daten eine Nikon D800 mit Zoomobjektiv Nikon AF-S Zoom-Nikkor 24-70mm 1:2,8G ED verwendet. Die Brennweite betrug 24 mm (entsprechend Kleinbildäquivalent), die Belichtungsdaten waren 15 Sekunden bei Blende f/5.6 und ISO 100.

Die Nikon D800 hatte ja wegen ihrer enormen Auslösung von 36,2 Millionen Pixel und der dreifach höheren Pixeldichte gegenüber ihrer Vorgängerin D700 für einigen Gesprächsstoff gesorgt. Benno verwendete hier die Version mit klassischem bzw. einfachem Tiefpaßfilter.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Vorarbeiten (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

In der Architekturfotografie gilt noch heute ‚ganz oder gar nicht schief‘, während ‚ein bißchen schief‘ unambitioniert wirkt und wirklich nicht sein muß.

In diesem Sinn galt es zunächst die senkrechte Strebe am rechten Bildrand aufzurichten. Am einfachsten gelingt dies mit der Doppelung der Hintergrund- in eine Arbeitsebene mittels Strg-J, gefolgt vom Aufruf der Transformierung mittels Strg-T. So läßt das Bild rechts oben ‚anfassen‘ und etwas nach rechts ziehen.

Das Ergebnis ist dann notgedrungen etwas gestaucht, so daß das Bild zum Ausgleich auch noch etwas in der Höhe gestreckt werden sollte. Hier muß man entscheiden, ob dies nach oben oder nach unten erfolgen soll. Ich entschied mich für Letzteres, weil so die von links unten hereinziehende Brüstung zum Eckläufer wird, auch wenn der Ansatz der vertikalen Strebe rechts unten dann nicht mehr viel Luft hat.

Schließlich habe ich den Mitteltonkontrast noch um zehn Einheiten erhöht, was das Bild brillanter wirken läßt.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

In vielschichtiger Weise stellen sich die kompositorischen Grundelemente des Bildes dar.

Den linken unteren Bereich des Bildes dominieren die in den Hintergrund führenden Fluchtlinien der Fußgängerpassage (siehe ‚Grundelemente‘, gelbe Linien ebd.). Mächtig spannt sich im mittleren und oberen Bildbereich der Brückenbogen auf, der gemeinsam mit den Umrissen der Häuser im Hintergrund und der Strebe am rechten Rand den Rahmen des Bildes absteckt (blaue Linien ebd.). Die Fachung der Brücke fällt noch auf, in ihrer Staffelung visualisiert sie (neben den Fluchtlinien) die Raumtiefe (orange Linien ebd.). Von Bedeutung sind schließlich noch jener sekundäre Brückenbogen sowie die horizontale Strebe (grüne Linien ebd.), welche die beiden jungen, etwa im Goldenen Schnitt rechts unten platzierten Männer einrahmen bzw. schneiden (rote Linien ebd.).

Von Seiten der Blickführung (siehe ‚Blickführung ‚, gelbe Linien ebd.) gelingt der Einstieg links unten, der Fußgängerpassage folgend, um nach dem Fluchtpunkt zu drehen und einerseits dem äußeren Brückenbogen nach rechts oben, andererseits dem inneren Brückbogen und von dort der horizontalen Strebe zurück bis zu den beiden jungen Männern zu folgen.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich linksschief bei einem Mittelwert von gut 65. Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich finden sich entsprechend dem hohen Dynamikumfang der verwendeten Ausrüstung nur in geringem und nicht weiter störendem Umfang.

Farben:

Vorherrschend sind gedämpfte Grüntöne am Brückenboden und der Fachung, Blautöne im Himmel und Rottöne im Bereich der Brückenbögen und der beiden jungen Männer.

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Die Abbildungsleistung der verwendeten Ausrüstung ist exzellent. Die beiden jungen Männer, insbesondere das Gesicht des von uns aus linken, fallen aufgrund des gewählten Aufnahmesetups (mehr dazu unten) der Bewegungsunschärfe anheim.

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Zusammenfassung:

Das gewählte Aufnahmesetup mit 15 Sekunden bei ISO 100 ist mir nicht eingängig. Die verwendete Kamera hätte gewiß eine Empfindlichkeit von ISO 800 vertragen, so daß sich die Belichtungszeit auf etwa zwei Sekunden hätte verkürzen lassen können. Die beiden jungen Männer sind ja, wie ich es mit den Kompositionsskizzen zu verdeutlichen versuchte, nicht nur dekoratives Beiwerk, sondern wichtiger Bestandteil der Blickführung, so daß deren Bewegungsunschärfe umso schmerzlicher ins Gewicht fällt.

Der kompositorische Aufbau, die Meisterung der schwierigen nächtlichen Lichtsituation, das feine Farbenspiel und die atmosphärische Gesamtanmutung des Bildes sind ansonsten zu loben.

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Vorarbeiten: Ausrichtung der stürzenden Linien und Erhöhung des Mitteltonkontrastes

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Tonwerte: Histogramm

Struktur: Detailausschnitt

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Antworten
  1. DWL says:

    Hallo,

    Auch ich habe sofort daran gedacht, eine gespiegelte Version zu bevorzugen. Denn in der Originalversion prallt das Auge in Leserichtung förmlich gegen die mächtige Brückenkonstruktion, während man bei der gespiegelten Version gewissermaßen zusammen mit den Jungs die Gegend anschaut.

    Mit der Zeit habe ich auf der Strasse meine Scheu, fremde Leute anzusprechen, zunehmend abgelegt und sehr gute Erfahrungen damit gemacht.

    Dass diese Jungs sich ja quasi bewusst in Szene gesetzt haben, ist ein toller Glücksfall.

    Ich hätte sie sofort angesprochen und zur Mitarbeit gebeten, also bspw etwas die Köpfe weiter aus der Konstruktion herausbewegen, um sie klarer zu positionieren und eine Variante gemacht, wo Einer dem Anderen mit ausgestrecktem Arm scheinbar etwas ausserhalb des Bildes gelegenes zeigt u.ä.m.

    Vor allem hätte ich denen erklärt, dass sie (Wie in en Anfangstagen der Fotografie) gaaaaaaannz ruhig und reglos bleiben müssen, solange die Belichtung läuft und ihnen das Ergebnis vielleicht vor Ort gezeigt bzw. sogar als Belohnung/Motivation zugeschickt…

    Die gelben Aufkleber auf den Schutzscheiben am Geländer würde ich entfernen oder zumindest farblich an den Rest angleichen, das stört unnötig.

    Die beiden sind ein toller Knaller in einem gut gemachten, aber doch häufigen Standardmotiv.

    Das Foto lebt ganz entscheidend von den Beiden…

    Antworten
  2. Thomas Brotzler says:

    Zitat: „Habe das mal probiert … und dann noch einen Trick des hier schreibenden Experten angewandt

    Die gespiegelte Version mit den Eckenläufern ist gut! Bin ich selbst aber irgendwie nicht drauf gekommen …

    Antworten
  3. Tilman says:

    Hallo Benno,

    dem Lob von Thomas stimme ich 100%ig zu. Tolle Farben und Kontrast, ein beeindruckendes Foto. Die Besprechung ist klasse, besonders die praktischen Tipps finde ich sehr nützlich.

    „gelingt der Einstieg links unten, um nach dem Fluchtpunkt zu drehen“

    Das ist mir nicht gelungen… die Drehung. Mein Blick ist vielmehr nach links zu dem hell erleuchten Gebäude abgedriftet, die Beine habe ich auch erst viel später gesehen. Irgendwie finde ich das Bild überladen, zu viel lenkt von der Brücke ab…

    Vielleicht wäre es interessant gewesen, die Kamera etwas nach rechts zu drehen, so dass die Brücke mehr im Mittelpunkt steht. Habe das mal probiert http://sdrv.ms/19XLxdG …und dann noch einen Trick des hier schreibenden Experten angewandt (den ich vermutlich falsch verstanden habe :->).

    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

    PS : interessanter Ausschnitt auch auf Deiner Internet Seite, Benno! Wie unterschiedlich man doch ein Motiv fotografieren kann…

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