Leserfoto:
Melancholie des Nebelwaldes

Ergänzend zum einschlägigen Tutorial wollen wir die kompositorischen und belichtungstechnischen Herausforderungen der Waldfotografie anhand eines konkreten Bildbeispiels diskutieren.

Ausgangsbild

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Unser Leser Matthias Binder aus aus dem sachsen-anhaltinischen Zeitz hat uns das obige Bild unter dem Titel „Herbstanfang” in der Kategorie ‚Natur/Tier‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Die Aufnahme habe ich heute Früh (Anmerkung des Autors: das Bild entstand am 05.09.2013) bei der Morgenrunde mit dem Hund gemacht. Eigentlich nichts besonderes. Aber diese Szene weckte bei mir Interesse, weil ich kurz zuvor im Radio hörte, dass heute ein schöner Sommertag ist. Der Anblick des Baumes in der Auenlandschaft der Weißen Elster in Zeitz wollte mir allerdings etwas anderes sagen, nämlich, dass der Herbst gekommen ist. Kamera: Olympus PEN 1, Objektiv: Pencake 17mm 2.8, Belichtung: 1/100, Blende: 3.2, ISO: 400”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Matthias bereits berichtet. Kurz ergänzt sei noch die kleinbildäquivalente Brennweite von 34 mm bei einem Formatfaktor von 2.0.

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Mancher von Euch wird sich an Matthias‘ wunderschönes Stilleben einer Industriebrache erinnern, welches wir im Mai besprochen hatten. Nun wollen wir schauen, wie er sich ‚auf dem Gebiet der Waldfotografie schlägt‘. Betrachten wir dazu zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Nach der konventionellen Leserichtung erkennen wir im Bild eine abfallende Diagonale als Hauptlinie (rote Linie ebd.), eingerahmt von einigen gleichsam abfallenden Nebenlinien (gelbe Linien ebd.). Der Blick wird somit von links oben nach unten geführt.

Motivgebend und fast bildfüllend ist der Baumstamm im Vordergrund, dahinter wird schemenhaft eine Wasserfläche mit Spiegelungen und Uferstrukturen erkennbar.

Tonwerte (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Der Baumstamm liegt in den Zonen I bis IV, das darunter befindliche Gebüsch in den Zonen I bis II, so daß daraus keine sonderliche Freistellung resultiert.

Deutlicher abgegrenzt im Sinne von ‚Figur und Grund‘ ist der Baum von den Hintergrundstrukturen in Zone VII. Von diesen aus ist es nochmals ein beträchtlicher Tonwertsprung zum strukturlos ausgebrannten Himmel der Zone X, der somit als markanter Lichterbeschnitt in Erscheinung tritt.

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Zusammenfassung:

Ich möchte an dieser Stelle gerne die ‚drei klassischen Problembereiche der Waldfotografie‘ anführen:

  • Komposition: Oft genug sehen wir ‚den Wald vor lauter Bäume nicht‘ – vor Ort sind wir von der Atmosphäre des Waldes eingenommen und begeistert, ohne diese im späteren Bild eines ’strukturarmen Baumgestangels‘ wiederzufinden. Matthias hat dieses Problem durch geschickte Inszenierung des Baumes als raumfüllenden Protagonisten vermieden.
  • Belichtung: Oftmals entspricht die Waldfotografie derjenigen von dunklen Innenräumen mit hell beschienenen Fenstern – ein Ding der schieren Unmöglichkeit also, diesen überbordenden Dynamikumfang mit einfachen Aufnahmen unserer heutigen Digitalkameras einzufangen. Erschwerend kommt hinzu, daß HDR kein Allheilmittel ist, weil durch den bei der Rückrechnung in den Normalkontrastraum auftretenden Vergrauungseffekt der Räumlichkeitseindruck schnell verloren geht. Das Belichtungsdilemma können wir in Matthias‘ Aufnahme anhand des ausbrennenden Himmels gut nachvollziehen.
  • Figur-Grund-Differenzierung: Eine mittelbare Folge der kompositorischen und belichtungstechnischen Schwierigkeiten ist oft eine geringe Freistellung der verschiedenen Motivgruppen im Bild. In Matthias‘ Aufnahme sind wie beschrieben Baumstamm und darunterliegendes Gebüsch tonal kaum mehr differenziert.

Das Thema scheint doch wichtig, weswegen ich dazu ein eigenes Tutorial verfaßt habe. An diesem Bild möchte ich einige Lösungsansätze (siehe dazu untenstehendes Bild ‚Überarbeitung‘) aufzeigen:

  • Ich habe mir die Freiheit einer horizontalen Spiegelung herausgenommen. Die vielfach abfallenden Diagonalen des Ausgangsbildes veranschaulichen freilich die Tristesse der Herbststimmung, aber ich finde das doch ‚etwas zu deprimäßig‘. Hier möchte ich einige aufsteigende Diagonalen entgegensetzen, welche die melancholische Stimmung nicht grundsätzlich aufheben, aber unseren Blick doch etwas ‚in erhabene Höhen heben‘ und nicht ‚im Waldboden rechts unten versinken‘ lassen.
  • Bei der Schwarzweißkonvertierung verbinde ich eine massive Anhebung des Gelb- und Grünkanals mit einer vorsichtigen Absenkung des Blaukanals (nicht übertreiben, sonst gibt es böse Artefakte im Himmel), um ein Auseinanderdriften der Tonwertbereiche zu vermindern. Da mir hier die Farbaufnahme nicht vorliegt, kann ich dieses Manöver nur behelfsmäßig am Histogramm simulieren. Ihr erkennt in den untenstehenden Abbildung eine Absenkung der Lichter und eine Anhebung der Mitten.
  • Es resultiert daraus die untenstehende Überarbeitung. Die Vordergrundstrukturen von Baumstamm und Gebüsch sind so besser differenziert, das Auseinanderklaffen von Hintergrund und Himmel ist hingegen vermindert, wie auch in der dargestellten Zonenverschiebung deutlich wird.

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Ausgangsbild: Komposition

Ausgangsbild: Tonwerte, Zonenverteilung

Ausgangsbild: Tonwerte, Lichterbeschnitt

Überarbeitung: Histogramm-Manöver

Überarbeitung

Überarbeitung: Komposition

Überarbeitung: Tonwerte, Zonenverteilung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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