Leserfoto:
Mädchen mit Luftballon

Fragen einer dramatisch-bildwirksamen Inszenierung stehen im Mittelpunkt unserer heutigen Bildbesprechung.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Richard Kreth aus Duisburg hat uns das obige Bild unter dem Titel „Beschützer” in der Kategorie ‚Schnappschuss‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „An einem trüben Regentag auf dem Marktplatz von Montreux am Ufer des Genfersees entstanden. Das Wesen im roten Regenponcho stellt meine damals dreijährige Nichte dar. Beschützt vor den Elementen, ein Ballon als fester Begleiter, so besteht man in dieser leicht entrückten Welt – so mein Eindruck von diesem Bild. Letztlich habe ich die leichte Unterbelichtung und das Schuhwerk der durch den Schatten angedeuteten Person oben im Bild beibehalten, weil es mir genau so gefällt und nur das Logo auf dem Ballon etwas retuschiert.”

Zur Aufnahme wurde die 2007 eingeführte APS-C-Kamera Nikon D40X mit Kitobjektiv Nikon 18.0-55.0 mm f/3.5-5.6 verwendet. Die Brennweite betrug 48 mm (entsprechend 72 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 1/80 Sekunde bei Blende f/5.6 und ISO 200.

***

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Einige Nebenlinien von beiden Armen und dem Leib treffen sich am Kopf des in der unteren Bildhälfte mittig platzierten Mädchens, um von dort aus als Hauptlinie in einer leicht nach rechts geneigten Aufwärtsbewegung zu den angeschnittenen Füßen mit Schatten zu führen (gelbe Linien ebd.). Den so skizzierten Linien entspricht auch die Blickführung.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich deutlich linksversetzt und gestaucht bei einem Mittelwert von gut 45. Das in die Zonen I bis III gelegte Mädchen hebt sich in tonaler Hinsicht nicht von der in den gleichen Zonen liegenden Umgebung ab. Ein kleiner Akzent wird immerhin durch die in den Zonen 0 bis I liegenden, angeschnittenen Füße mit Schatten am oberen Bildrand gesetzt.

Farben (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das etwas gebrochene Rot des Mädchens mit Luftballon kontrastiert stark mit der in reinen Grauabstufungen gehaltenen Umgebung.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

In der vorliegenden Form lebt Richards Bild vom reizvollen Kontrast zwischen den gedämpften Rottönen des Mädchens mit Luftballon und den Graustufenvarianten der Umgebung.

Richard gibt seiner Phantasie des ‚beschützenden Ponchos und haltgebenden Ballons‘ Ausdruck. Das mag man so sehen, doch empfand ich eher eine gewisse Verlassenheit des Mädchen sowie eine latente Bedrohung durch die angeschnittene Person.

Zugleich ist festzustellen, daß (1) die Mittigkeit der Hauptperson, (2) die in gerader Reihung angeordneten Bildelemente und (3) die im Rahmen des sehr gestauchten Tonwertumfangs weitgehend fehlende Figur-Grund-Abgrenzung jene für einen nachhaltigen Bildeindruck nötigen Spannungsbögen weitgehend vermissen lassen.

In der Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) habe ich (1) das Rot aufgefrischt, (2) den Tonwertumfang aufgespreizt, (3) das Mädchen mit Luftballon durch Beschnitt von links und unten etwas aus der Mitte herausgenommen und (4) jene als Kontrapunkt wichtigen Füsse mit Schatten nach rechts versetzt.

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Bildteil:

Komposition

Tonwerte

Überarbeitung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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12 Antworten
  1. Erica di Motta says:

    Thomas Brotzler, stimmt meine Bemerkung für diese Bildbearbeitung klingt -in der Eile verfaßt, etwas zynisch, was so nicht gemeint war. Der Fakt ist wirklich, dass übertrieben wurde mit der Bildbearbeitung. Über die Raw-Version von Photoshop kann man verschiedene Ebenen mit unterschiedlichen Belichtungen legen und zu einem Bild zusammenfügen, damit die Bildqualität der Beleuchtung heben. Fokussiert liegt wahrscheinlich nur ein jpg-Format vor. Hier kann man dann nur durch Ausblenden, Objekte einzelnen belichten.
    Allzeit allen gut‘ Licht.

    Antworten
  2. Erica says:

    Ja Thomas Brotzler, ich liebe schon mystische Bilder/dunkel, aber diese „Erhellung“ und Kontrasterhöhung gefällt mir sehr, es wirkt, als ob im Verborgenen ein Neonlicht leuchtet.
    Congratulations für diesen Vorschlag.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      @ Erica: Vielen Dank

      @ Tilman und Alex: Hättet Ihr Lust, mittels ‚Ebenentechnik‘ das alte und das neue Bild so zu modifizieren, daß es eher Euren Vorstellungen entspräche? Das Mädchen sitzt ja unverändert an gleicher Stelle, hier könnte die Farbauffrischung durch Ebenenüberlagerung und vorsichtiges Radieren graduell rückgängig gemacht werden.

    • Tilman says:

      Hallo,

      „Hättet Ihr Lust …, daß es eher Euren Vorstellungen entspräche?“

      Gerne! Eigentlich finde ich ja die Auffrischung des Rot eine gut Idee (habe nie das Gegenteil behauptet :->). Aber Erica hat genau den Punkt getroffen: „ein Neonlicht leuchtet“. Deine Bearbeitung, Thomas, mit seiner extremen Kontrasterhöhung ist meiner Meinung nach genau an der Grenze zwischen super und „verwürzt“.

      Ich habe mal eine neutralere Version gemacht http://sdrv.ms/1fIOIuG. Aber irgendwie gefällt mir die auch nicht 100%, sieht auch künstlich aus…

      Mit freundlichen Grüßen,
      Tilman

    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Aber irgendwie gefällt mir die auch nicht 100%, sieht auch künstlich aus…

      Ich finde Deine ‚Version mit einem milden Farbleuchten‘ durchaus gültig …

      Zitat: „an der Grenze zwischen super und ‚verwürzt‘

      So einer bin ich also, vielleicht sogar ein fotografischer ‚Dr. Jekyll und Mr. Hide‘? Nun, das gefällt mir sehr. Soll noch einer sagen, daß man als Bildkritiker nicht auch viel über sich selbst erfährt :o) …

    • Tilman says:

      Mein Antwort ist aus versehen zu weit nach oben gerutscht. Kann ich leider nicht selbst editieren :-<

  3. Alex says:

    Meinen Glückwünsch zu diesem ausgezeichneten Bild Richard. Über die Auffrischung des Rot kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Der Beschnitt, die Aufspreizung des Tonwertumfangs und das Versetzen des Schattens und der Füsse nach rechts machen aus diesem hervorragenden Bild ein „perfektes“ Bild. Ein wirklich gutes Beispiel für die Wichtigkeit der Komposition eines Bildes, wie auch Tillmann schon angemerkt hat. Das Mädchen erscheint jetzt differenzierter, man erkennt dass es Treppen hinunter geht, versetzt davon oben rechts die Füsse mit dem Schatten, noch ein paar Schritte der beiden Protagonisten und ihre Wege werden sich kreuzen….was dann passiert wird wohl jeder Betrachter für sich selbst entscheiden. Ein wirklich hervorragendes Bild das zum Nachdenken anregt.

    Mit freundlichen Grüssen,
    Alex

    Antworten
  4. Tilman says:

    Hallo,
    ein tolles Bild, Richard! Der Kontrast zwischen dem roten Kind, die regnerische Stimmung, der Schatten der Person, fast alles perfekt. Aber irgendwie, und ohne die Kritik von Thomas gelesen zu haben, störte mich etwas: war es das Schuhwerk? Oder der schwarze Fleck oben links?
    Und dann die Überarbeitung… Über die Auffrischung des Rot kann man vielleicht streiten, die düstere Stimmung geht verloren. Aber das Wichtigste: ich glaube, zum ersten Mal verstanden zu haben, warum die Komposition eines Fotos so wichtig ist. In Deiner Version integriert sich der Schatten mit Schuhwerk perfekt ins Bild! Danke, Thomas, für diesen sehr wertvollen Beitrag!
    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Danke für diese in jeder Hinsicht wertschätzende Rückmeldung. Du hast auch Recht darin, daß die Akzentuierung der Farb- und Tonwerte das Düstere bannt. Nun gibt es ja zwischen Originalbild und Überarbeitung immer unzählige Mischformen, aus denen der Fotograf bzw. Bildbearbeiter das nach seinem Bildkonzept Richtige wählen sollte. Ich selbst zielte vornehmlich auf die ´Figur-Grund-Differenzierung‘ ab …

    • Tilman says:

      Hallo Mr Hide :->,

      das ist ein Thema, für das es für mich leider keine Antwort gibt: ab wann ist ein Foto zu stark oder falsch bearbeitet? Da ich gerne Bildern nachbearbeite, ergibt sich das Problem ständig: habe ich übertrieben? Ich kann das leider nur aus so einer Art Bauchgefühl heraus entscheiden: sieht das Bild noch natürlich aus? Erkennt man sofort die Bearbeitung?

      Würde mich interessieren, was Dr. Jekyll darüber denkt! Gibt es da eigentlich objektive Kriterien? Oder ist „Nachbearbeitung letztendlich die Entscheidung desjenigen, der sie durchführt“? Ich träume von einem Tutorial, welches typische Fehler aufzeigt.

      Mit freundlichen Grüßen,
      Tilman

    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „ab wann ist ein Foto zu stark oder falsch bearbeitet? … Gibt es da eigentlich objektive Kriterien?

      Lieber Tilman,

      es mag Übereinstimmung herrschen, daß sich technische, kompositorische oder auch gestaltpsychologische Grundlagen schon in einen gewissen ‚objektiven‘ Rahmen bringen lassen, der den meisten darin Engagierten dann als Bezugssystem dienen kann.

      Was hingegen die Art, Richtung und Stärke der Bearbeitung angeht, sind wir nach meinem Dafürhalten in einem sehr subjektiven bzw. interpretativen Bereich.

      Auch ich ‚ringe oftmals mit meinen Arbeiten‘, und teilweise interpretiere ich die Bilder (im Zuge des in der Schwarzweißfotografie Möglichen, und das ist eine ganze Menge) nach einiger Zeit ganz anders – so etwa geschehen in meiner Serie ‚Kloster Maulbronn‘, die ich 2009 sehr düster ausarbeitete und Ende 2013, als Vorbereitung für meine diesjährige Werkschau ‚Sakralbauten‘ viel heller und heiterer interpretierte.

      Für mich ist diese subjektive bzw. interpretative Ebene zumeist kein Anlaß für Verlegenheit oder Verdruß. Wenn ich ’nicht mehr mit den Arbeiten ringen müßte‘, wäre für mich der kreative Aspekt auch ein gutes Stückweit verloren – getreu der Maxime: ‚Schön, wenn’s wehtut. Dann lebt man …‘

      Thomas

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