Leserfoto:
Naturnahes Stilleben

Das Motiv des ‚Totholzes im langzeitbelichteten Wasser‘ ist eine schier unerschöpfliche Quelle interessanter Bilder. Was dabei noch zu beachten ist, wollen wir heute besprechen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Alexander Dewor aus dem thurgauischen Weinfelden hat uns das obige Bild unter dem Titel „Abendliche Stille am See” in der Kategorie ‚Abstraktion‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hallo Thomas … Während einer Paddeltour am Bodensee habe ich diese, ins Wasser ragende Baumstämme am Ufer entdeckt. Während der Paddeltour entstand schliesslich die Idee, mit einer Langzeitbelichtung die abendliche Stille am See zu verdeutlichen. Abends vor Ort ist es dann tatsächlich absolut ruhig und entspannend gewesen. Die Idee stand, allerdings musste ich recht lange verschiedene Brennweiten, verschiedene Standpunkte und auch Perspektiven testen, bis ich mit dem Bildausschnitt bzw. der Komposition zufrieden gewesen bin (sicher bin ich mir allerdings nicht). Rückblickend hätte ich ein wenig früher vor Ort sein sollen – die Zeit bzw. das Licht wurde doch recht schnell knapp. Das Bild wurde mit Lightroom und anschliessend noch mit Color Efex bearbeitet. Mit der Kategorie bin ich mir nicht so sicher, da das Wasser allerdings doch recht abstrakt abgebildet ist habe ich mich letztendlich für die Kategorie ‚Abstrakt‘ entschieden. Vielen Dank schon mal für deine konstruktive Kritik … Liebe Grüsse Alex.”

Zur Aufnahme wurde die spiegellose Systemkamera Fujifilm X-Pro1 mit dem Festbrennweitenobjektiv Fujifilm Fujinon XF 35mm F1,4 R verwendet. Die Brennweite betrug kleinbildäquivalente 52.5 mm bei einem Formatfaktor von 1.5, die Belichtungsdaten waren 90 Sekunden bei Blende f/16.0 und ISO 200.

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Alexander Dewor: 'Am Riedsee'Manchem von Euch wird Alexander mit seinem sehr atmosphärischen Dämmerungsbild einer Seelandschaft, welches wir Anfang Juli besprochen hatten, in guter Erinnerung geblieben sein. Er scheint am Wasser seine Inspiration zu finden und zeigt uns heute ein naturnahes Stilleben.

Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Hinsichtlich der Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) zeigt sich das Histogramm etwas rechtsschief mit einem Mittelwert von gut 135. Die Tonwerte schöpfen das gesamte Spektrum aus, wobei auch die lichten Partien noch Struktur aufweisen, so daß keine Tonwertabbrüche zu verzeichnen sind.

Der von links hineinragende Baumstamm liegt in den Zonen I bis IV, der von unten hineinragende setzt sich demgegenüber etwas heller in den Zonen II bis VI ab. Markant dunkel sind die zwei kleineren, aus dem Wasser ragenden Äste in den Zonen 0 bis I. Die Wasseroberfläche erreicht in der Mitte die Zonen VIII bis IX, um in den Randbereichen bis in die Zonen V bis VI zurückzufallen.

Sehr reizvoll und fein abgestuft gehen die Farben vom stark gedämpften Grün links unten in ein fast reines Türkis rechts oben über.

Einen genaueren Blick verdient die Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild). Die von links und unten hineinragenden Baumstämme dominieren schon durch ihre Stärke das Bild. Deutlich verstärkt wird dieser Effekt noch durch die Nähe und die Paralleität zum oberen bzw. rechten Bildrand (gelbe Linien ebd.).

Nun sind beide Stämme auch wichtige Determinanten der Blickführung, sie lenken also den Blick auf jene beiden, aus dem Wasser ragenden Äste (rote Linien ebd.). Diese geraten aber durch ihre Kleinheit ziemlich ins Hintertreffen, was ich durch unterschiedliche Stärke der gelben und roten Linien zu veranschaulichen versucht habe.

Was bleibt, ist eine etwa die Hälfte des Bildes von unten und etwa zwei Drittel von links einnehmende, also weitläufig strukturlose Fläche. Der Blick scheint sich so ’nach rechts oben zu verrennen‘, er haftet in der dortigen Ecke und findet nicht mehr ins Bild zurück.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Über die Schönheit der Tonwerte und Farben hatte ich geschrieben, aber auch über die aus meiner Sicht unausgewogene Komposition, welche das Bild nach raschem Blickdurchgang auf das rechte obere Eck reduziert.

Ich hätte die Tendenz, die beiden mächtigen, blickführenden Stämme etwas einzudämmen, wie ich es in den beiden Beschnittvorschlägen (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder) einmal versucht habe. Mir scheint das eigentliche Ziel (jene beiden kleineren Äste) nun nicht mehr ganz so fragil und besser zur Geltung zu kommen.

Das Motiv als solches (Totholz im langzeitbelichteten Wasser) ist außerordentlich reizvoll und verdient weitere Beschäftigung – man kann hier ‚alle möglichen Fabelwesen zum Leben erwecken‘ oder auch ganz naturnahe arbeiten.

Mein Appell geht aber in die Richtung, bei aller angemessenen Begeisterung bzw. Verzauberung nicht die Gesamtkomposition aus dem Auge zu verlieren – wir sind ja für das ganze Bild und nicht nur für einen Ausschnitt verantwortlich. Abschließend zeige ich noch eine Vergleichsarbeit aus meinem eigenen Portfolio, in welchem ich Wolken- und Gegenuferspiegelung kompositorisch als Kontrapunkt zu den Hauptstrukturen und als oberen Bildabschluß eingebunden habe.

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Bildteil:

Tonwerte

Komposition

Beschnittvorschlag 1

Beschnittvorschlag 2

Vergleichsarbeit: Links Schwarzweiß, mittig Farbe, rechts Kompositionsskizze (25 Sekunden bei Blende f/14, 28 mm Brennweite, ISO 400)

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Alex says:

    Vielen Dank für diese sehr konstruktive Besprechung Thomas. Die beiden Beschnittvorschläge finde ich sehr gelungen (v.a. Variante 1) und man erkennt deutlich dass sich hierdurch die Gesamtkomposition verbessert. Für einen so starken Beschnitt hätte mir allerdings auch der Mut gefehlt, wenn ich denn von selbst darauf gekommen wäre :-)

    LG Alex

    Antworten

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