Leserfoto:
Bilder einer Ausstellung

Nicht selten entscheidet der Zweck bzw. das zugrundeliegende Konzept über das Gelingen einer Fotografie, wie wir anhand der heutigen Bildbesprechung diskutieren wollen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Tilman Jochems aus dem nordrhein-westfälischen Kreuztal hat uns das obige Bild unter dem Titel „Visa” in der Kategorie ‚Schnappschuss‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hallo, letzte Woche haben wir ‚Visa pour l’Image‘, ein internationales Festival des Fotojournalismus in Perpignan/Frankreich besucht. Mittelpunkt ist das ‚Couvent des Minimes‘, ein ehemaliges Kloster aus dem 16. Jahrhundert. Die Bilder werden beleuchtet, die Räume sind dunkel. In den ‚alten Mauern‘ sind dann die Fotos der oft grausamen Wirklichkeit dargestellt. Diese kontrastreiche Stimmung habe ich versucht einzufangen. Ist es gelungen? Was hätte ich besser machen können? Mit freundlichen Grüßen, Tilman”

Zur Aufnahme wurde eine Fujifilm FinePix HS10 HS11 als Bridgekamera mit integriertem 4.2–126.0mm-Zoomobjektiv verwendet. Die Brennweite betrug 4.8 mm (entsprechend 27.4 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 5.7), die Belichtungsdaten waren 1/20 Sekunde bei Blende f/5.6 und ISO 800.

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Anfahrt zur AusstellungNur die Wenigsten von uns können gleichzeitig an zwei Orten sein, auch ist das Beamen noch nicht ganz zuverlässig … insofern müßte uns Tilman nun wirklich einmal verraten, wie er es schaffte, die knapp 1300 km vom angegebenen Wohnort in Nordrhein-Westfalen bis zur Ausstellung ins süfranzösische Perpignan so locker wegzustecken :o) …

Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Vorarbeiten (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild wurde nach unten verkippt aufgenommen, so daß sich entsprechende Fluchtlinien ausbildeten. Diese habe ich korrigiert und darüber hinaus auch die Schatten noch etwas geöffnet.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Stark ins Auge fällt jene Flucht von gerahmten Fotografien, links fast die ganze Bildhöhe einnehmend, um dann nach rechts oben zur Grenze von mittlerem zu oberem Bilddrittel zu ziehen. Eine weitere Fluchtlinie in die Tiefe des Raums verläuft bodennahe (gelbe Linien ebd.).

So wird der Blick auf jene zwei kleinen Menschengruppen (rote Linien ebd.), die zwar zunächst etwas im Halbdunkel unterzugehen scheinen, aber als Vertreter unserer selbst bzw. Identifikationsobjekte von Bedeutung sind.

Abschluß und Halt findet das Bild auf der rechten Seite noch durch einige horizontal verlaufenden Linien (blaue Linien ebd.). Der beschriebene bauliche Hintergrund findet nur schemenhaft am Rand bzw. Hintergrund zitiert.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

„Was hätte ich besser machen können?” … Eine einfache Frage, auf die es wohl keine einfache Antwort gibt – Radio Eriwan läßt grüßen

Es kommt doch immer darauf an, welchen Zweck wir mit unseren Bildern verfolgen. Für Erinnerungs- oder Reportagezwecke finde ich das Bild in der vorliegenden Form sehr gelungen – nach meinem Eindruck fallen viele Zeitungsbilder im Vergleich deutlich ab.

Sofern Tilman auf die Unwirklichkeit der Szenerie abzielen wollte, die er mit dem ‚Kontrast zwischen grausamen Fotos und anheimelnden Bauwerken‘ andeutete, wäre mir von besagtem Gebäude allerdings zu wenig abgebildet.

Doch scheint mir Tilmans Konzept solcher ‚Gegenüberstellung von nicht zusammengehörigen Elementen‘ richtig und vielversprechend. In welche Richtung das gehen kann, möchte ich abschließend noch an zwei eigenen Arbeiten aufzeigen. Die erste aus meinem Lensbabystreet-Portfolio (‚Mädchen in Ausstellung‘), die zweite aus meinem Architektur-Portfolio (‚Warntafel im Kloster Maulbronn‘)

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Bildteil:

Vorarbeiten: Geraderichtung und Schattenöffnung

Komposition: Grundelemente und Fluchtlinien

Vergleichsarbeit 1: 'Mädchen in Ausstellung'

Vergleichsarbeit 2: 'Warntafel im Kloster Maulbronn'

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Antworten
  1. Tilman says:

    Lieber Thomas,

    vielen Dank für Deine Besprechung. Deine Korrekturen sind sehr gut. Das Ausrichten von Bildern habe ich erst vor kurzem gelernt :->, das dunkle Holzparkett sieht viel besser aus.

    Wichtig für mich sind Deine Gedanken über die „Unwirklichkeit der Szenerie“. Mein Sohn und ich waren mehrere Stunden in der Ausstellung http://tinyurl.com/o7s754y, die sich über die ganze Innenstadt von Perpignan verteilt . Es ist ein Festival des Fotojournalismus, die Bilder zeigen zum größten Teil Aspekte aus Krisengebieten und mit ihrer schockierenden Realität. So verbinde ich mit dem Foto viel mehr als eigentlich zu sehen ist. Darüber bin ich mir jetzt bewusst geworden…

    Deine Vergleichsarbeiten, und besonders das „Mädchen in der Ausstellung“, gefallen mir sehr gut.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

    – Mein Sohn hat übrigens intuitiv als erster den Standpunkt für das Foto entdeckt. Dar wir jedoch kein Stativ dabei hatten, sind seine Bilder leider nicht so gut geworden.

    – So fahren wir eigentlich nie nach Frankreich. Viel günstiger ist die Route über Luxemburg (billiger Diesel) und dann über die A75 (Autobahn ohne Gebühren durchs Zentralmassiv). Locker stecke ich die Strecke nicht weg… es sind meistens 15 Stunden Fahrt :->

    – Das Festival findet jedes Jahr statt. Es lohnt sich wirklich!

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Tilman,

      ich kenne diese Strecke als ‚Weg in die geliebten Pyrenäen‘ (wie zuletzt zur herbstlichen Fotexkursion) ja auch ganz gut. Mit unserem ‚Rollheim‘ (ein Wohnmobil ist kein Rennauto) gönnen wir uns dafür allerdings in der Regel zwei Tage, alles andere artet (trotz der im Vergleich zu Deutschland so gemütlichen und rowdyfreien Autobahnen in Frankreich) in Streß aus …

      Ja, Dein Sohn … denkst Du noch an jenes wunderschöne Porträt, welches wir im Juni 2013 diskutiert haben? Grüß mir mal Deinen Antonio, und: il fait des progrès dans l’acquisition du langage?

      Thomas

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