Leserfoto:
Eine Idee im Herzen tragen …

Das Zusammenwirken von Komposition, Tonwerten und Farben zu einer gelungenen Reisefotografie wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Christian Bertram aus Hamburg hat uns das obige Bild unter dem Titel „Mountainbiking Gardasee” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „2009 kamen wir während einer Mountainbiketour an dieser Stelle vorbei und ich dachte damals: ‚Junge, du must dir einen Fotoapperat kaufen‘. Nach dem Urlaub passte es, dass ein Freund seine Nikon D80 verkaufte. Ich griff zu und besorgte mir noch ein 18-55 Kitobjektiv dazu. Zwei Jahre später und nach ersten Schritten in der Fotografie, kamen wir dann wieder an dieser Stelle vorbei und ich konnte endlich mein Bild machen. Gleich der erste Schuss saß und ich habe mich gefreut wie ein kleines Kind, als ich das Bild auf dem kleinen Display meiner D80 sah. Ich konnte hoffentlich vermitteln, dass die ein oder andere Emotion mich mit diesem Bild verbindet. Von daher würde es mich interessieren, wie jemand mit sachlicherem und professionellen Blick dieses Foto bewertet.”

Über die Ausrüstung hatte Christian bereits berichtet. Die Brennweite betrug 24.0 mm (entsprechend 36.0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 1/250 Sekunde bei Blende f/8.0 und ISO 100.

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Christians Geschichte, wie die Bildidee vor geraumer Zeit entstand und erst um einiges später umgesetzt werden konnte, wie er also Geduld und Freude zugleich walten ließ, ist sehr anrührend. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild ist im klassischen 3:2-Querformat gehalten. Eine reich differenzierte Berglandschaft tut sich vor unserem Auge auf, doch rasch fällt unser Blick auch auf den von links in das Drittel, von unten in den Goldenen Schnitt gesetzten Mountainbiker.

Dieser ist die Hauptperson des Bildes und Identifikationsobjekt für uns (rote Linien ebd.). Er bewegt sich auf einem schmalen Bergweg abwärts, eine entsprechend fallende Diagonale zieht sich von der Mitte des linken Bildrandes bis fast ins rechte untere Bildeck (gelbe Linien ebd.).

Eingerahmt wird das Geschehen von einigen quer bzw. leicht abfallend verlaufenden Linien im Hintergrund – so als Ufer des Bergsees in beträchtlicher Tiefe oder als Begrenzungen des Wolkenbandes in ebensolcher Höhe (blaue Linien ebd.). Einige Konturen im Vordergrund rahmen das Geschehen schließlich noch von unten ein (grüne Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich leicht zweigipflig, dabei aber ausgewogen und ohne Tonwertabbrüche bei einem Mittelwert von knapp 130.

Helle und dunkle Bänder ziehen sich von vorne nach hinten durch das Bild und staffeln so den Raum – beginnend beim hellen Geröllfeld des Vordergrundes in den hellen Zonen VI bis VIII, gefolgt von der Untiefe des Bergmassivs mit See (einem Ausläufer des Gardasees vermutlich) in den Zonen II bis V, dahinter bzw. darüber noch das in den Bergspitzen hängende Wolkenfeld in den Zonen VI bis IX.

Farben (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Der Vordergrund bis zum Bergweg ist dominiert von Warmtönen, der Hintergrund hingegen von Kalttönen, so daß der Farbkontrast hier maßgeblich zur Tiefenwirkung beiträgt.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Ich finde, daß Christians Bild weit über das gewöhnliche touristische Erinnerungsbild hinausreicht und mit seiner geschickten Komposition und dem reichen Spiel der Tonwerte und Farben auch dem späteren Betrachter die Situation und Empfindungen vor Ort greifbar werden läßt.

Die beschriebene abfallende Diagonale wird in der klassischen Kompositionslehre oft als Element der Bedrückung und des Niedergangs aufgefaßt. Hier ist die Wirkung jedoch eine andere, die noch bevorstehende Abfahrt des Radfahrers wird dadurch visualisiert, was uns Betrachter wiederum (und auch dies macht einen Teil der Bildwirkung aus) in eine gewisse mitfiebernde Aufregung versetzt.

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Bildteil:

Komposition

Tonwerte

Farben

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Antworten
  1. Christine Frick says:

    Diese Blautöne sind schon sehr beeindruckend und in Verbindung mit den Warmtönen im Vordergrund ergibt das eine ganz lebendige Landschaft. Je länger ich das Bild anschaue, desto mehr entsteht bei mir das Bedürfnis diese Aufnahme in Schwarzweiss umzuwandeln und eine blaue Tönung zu nehmen. Das ist aber Geschmacksache und wie gesagt, das Bild lebt ja von den Kalt- und Warmtönen. Ja, der Thomas hat hier eine sehr sachliche aufschlussreiche Bildanalyse vorgenommen, so , wie ich es mir für mein Bild hier auch gewünscht hätte.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Liebe Christine,

      danke für Deine wertschätzende Rückmeldung. Sofern es meinen Beitrag als Bildkritiker betrifft, reiche ich diesen gerne an Christian weiter, denn ohne anrührendes Bild könnte ich schwerlich eine ebensolche Kritik verfassen.

      Auf einen Versuch mit Schwarzweiß käme es an. Vielleicht kann Christian, wenn er hier mitliest, Dir oder mir das unverkleinerte und unkomprimierte Bild schicken oder dieses verlinken, damit man daran ordentlich arbeiten könnte (bei diesem kleinen JPGs kann man nur Skizzen machen).

      Eine leichte Skepsis beschleicht mich dabei freilich schon. Es mag Dich auch überraschen, dies von mir zu hören, der bis auf einige experimentelle Serien ausschließlich in Schwarzweiß arbeitet und ausstellt …

      [1] In meiner Prävisualisierung des monochromen Bildes sähe ich die in der vorliegenden Form nicht nur schön gestaffelte, sondern durch den Komplementärkontrast zusätzlich vertiefte Landschaft ‚auf- bzw. hochklappen‘. Der Hintergrund bekäme dadurch möglicherweise ‚Übergewicht‘.

      [2] Des weiteren wäre ich besorgt wegen des Oberrandes des über den Bergen ruhenden Wolkenfeldes. In der Schwarzweißkonvertierung akzentuieren wir die Tonwerte ja oftmals, und hier müßte man höllisch aufpassen, daß besagter Oberrand nicht ‚zu quarkig‘ wird.

      Aber wie gesagt – auf einen Versuch käme es an …

      Thomas

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