Tutorial:
Waldfotografie (4)

Ein themenbezogenes Tutorial in vier Teilen.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Ein Versuch der Annäherung …
2.1. Geschichtliches …
2.2. Poetisches …
2.3. Psychologisches …
3. Problembereiche und Lösungsansätze
3.1. Komposition …
3.2. Belichtung …
3.3. Figur-Grund-Konstellation …
4. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

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3. Problembereiche und Lösungsansätze (Fortsetzung)

3.3. Figur-Grund-Differenzierung

Eine mittelbare Folge der kompositorischen und belichtungstechnischen Schwierigkeiten ist oft eine geringe Freistellung der verschiedenen Motivgruppen im Bild. In Matthias’ letztwöchig vorgestellter Aufnahme etwa sind Baumstamm und darunterliegendes Gebüsch kaum mehr differenziert.

Doch möchte ich an dieser Stelle von den konkreten (kompositorischen und belichtungsbezogenen) Problemen der Waldfotografie ein Stückweit loskommen und das Ganze mit Euch noch auf einer abstrakteren Ebene betrachten.

Ihr erinnert Euch vielleicht an jene Passage in meinem Tutorial zur Gestaltpsychologie:

„Nun ist es tatsächlich so, daß unser Wahrnehmungssystem permanent damit beschäftigt ist, zwischen wichtigen (im Sinne der ‘Figur’) und unwichtigen Informationen (im Sinne des ‘Hintergrundes’) zu unterscheiden. Wir ordnen so das Gesehene, verleihen diesem Sinn und vergleichen es mit unseren Erinnerungsbildern … Ein expliziter Hinweis erscheint mir deswegen sinnvoll, um zum einen auf die fundamentale Bedeutung dieses ‘Wahrnehmungs- und Ordnungsprinzips’, zum anderen gerade im Vergleich zum nachfolgenden ‘Gesetz der Multistabilität’ aber auch auf dessen Störbarkeit hinzuweisen.”

Um ‚Ordnungsprinzipien‘ geht es in dieser gestaltungspsychologischen Sichtweise also. Dies betrifft nicht nur den Betrachter unserer Bilder, sondern insbesondere auch uns selbst als Fotografen. Im Sinne der Bildwirksamkeit tun wir gut daran, unsere Arbeiten derart auszustatten, daß der Betrachter einen ‚tauglichen Interpretationsansatz‘ mitbekommt.

Die ‚Figur-Grund-Konstellation‘ ist gerade im Bereich der Waldfotografie sehr leicht störbar – als entsprechende Grenzfälle zu nennen sind …

  1. die ‚Multistabilität‘ im Sinne fehlender Strukturierung des Binnenraums (‚Spargelwald‘, ‚grüner Dschungel‘, ‚den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen‘) oder
  2. die ‚Invertierung‘, wenn etwa die überblendete und ausgebrannte Himmelspartie den Blick auf sich zieht und so plötzlich ‚Figurcharakter‘ bekommt (‚über Waldgebiet gezündeter Explosivkörper‘) und im Gegenzug der abbildungswürdigen Waldpartie, die eigentlich im Fokus stehen sollte, fatalerweise ‚Hintergrundcharakter‘ zugewiesen wird.

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4. Zusammenfassung und Schlußbemerkung

Bild 21 ('Gebrochenes Idyll')Wir wären nun am Ende unseres ‚Durchgangs durch die Waldfotografie‘ angelangt.

Ich darf die wesentliche Inhalte nochmals dahingehend zusammenfassen, daß bei diesem Sujet ein ‚rechtes Mißverhältnis zwischen motivischer Begeisterung und bildhafter Umsetzbarkeit‘ besteht. Dies macht die Waldfotografie reizvoll und schwierig zugleich.

Zwar lassen sich (wie in den vorangehenden Abschnitten dargestellt) die bestehenden Probleme auf eine kompositorische, belichtungsbezogene und gestaltpsychologische Ebene herunterbrechen, doch wird man nach meinem Dafürhalten Lösungen am ehesten finden, wenn man alle Ebenen gebührend im Blick behält – dies kann etwa bedeuten, daß man nach interessanten Einzelelementen Ausschau hält, um diese in eine gute Gseamtordnung zu bringen, daß man mit dem statt gegen das Licht arbeitet und auch einen Blick für Tageszeit und Lichtstimmung hat, und daß man bei diesem Stand schließlich noch die gestaltpsychologischen Wirkprinzipien einer ausreichenden ‚Unterscheidung von Figur und Hintergrund‘ behält.

Beim Aufzeigen möglicher Lösung für die Belichtungsprobleme hatte ich die Schwarzweißfotografie etwas favorisiert. Natürlich lassen sich auch bei der Farbfotografie die Tonwerte noch nachträglich noch anpassen, doch stehen hier die Farbkanäle nicht zur Disposition und stößt die Veränderbarkeit der Tonwerte über die unvermeidlich begleitende Farbverzerrung alsbald an die Grenzen des im Rahmen realistischer Abbildungspflicht Möglichen.

Auch die Hoffnungen auf die HDR-Fotografie als ‚Genielösung aller Belichtungsprobleme‘ mußte ich vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen ein wenig dämpfen. Gewiß gelingt es so, zulaufende Schatten und ausbrennende Lichter besser ‚einzufangen‘, doch droht hierbei rasch eine ‚Vergrauung‘ und der Verlust des Tiefeneindrucks.

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Bild 22 (Der Autor)Mehr hätte ich nun noch schreiben, mehr Bilder hätte ich gewiß noch zeigen können. Doch standen auch Auswahl und Verdichtung zu Gebote und es bleibt uns auch die Diskussion.

So hoffe ich, daß Ihr darin Ermunterung finden könnt, Euch selbst mit diesem gewiß schwierigen, doch auch spannenden Kapitel einmal praktisch zu befassen. Auf entsprechende Bildeinreichungen sind wir gespannt.

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Bisherige Tutorials des Autors (chronologisch, verlinkt)
1. Nachtfotografie mit digitaler Ausrüstung (3 Teile)
2. Digitale Filmkornsimulation (2 Teile)
3. Abwedeln und Nachbelichten in der Digitalfotografie (2 Teile, mit Aktionsset)
4. Vier W-Fragen bei der digitalen Bildschärfung (3 Teile)
5. Das Zonensystem (3 Teile)
6. Festbrennweiten vs. Zoomobjektive – Ein praxisnaher Vergleich bei 35 mm … (3 Teile)
7. Schärfung, lokaler und globaler Kontrast – eine Begriffsklärung … (2 Teile)
8. Lensbaby-Objektive (2 Teile)
9. Lensbaby-Look (2 Teile)
10. Die bildnerische Erarbeitung von Industrieruinen (4 Teile)
11. Möglichkeiten der Bildverfremdung in der klassischen Fotografie (4 Teile)
12. Porträtfotografie (4 Teile)
13. Das Werkzeug ‘Tiefen/Lichter’ (4 Teile)
14. Gestaltpsychologie (4 Teile)
15. Blickwege bei der Bildbetrachtung (4 Teile)
16. Posterisation als ergänzendes Hilfsmittel der Bildanalyse (2 Teile)

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6 Antworten
  1. Ekhard Eitel says:

    Hallo Thomas,
    sehr spannend zu lesen ist Dein Tutorial zur „Waldfotografie“. Als dieses Thema dann auch noch in der vorletzten c `t Fotografie behandelt wurde, habe ich es für einen Fotocontest auf http://www.psd-tutorials.de vorgeschlagen. Es wurde „gewählt“ und hier als „Dankeschön“ der Link zu den eingereichten Bildern: https://www.psd-tutorials.de/contests/foto/view/34110–1-hdr-ldr-fotocontest-2015-waldfotografie
    Herzliche Grüße
    Ekhard

    Antworten
  2. BertholdSW says:

    Hallo Thomas.
    Besonders eingehend war für mich Dein:
    (‘über Waldgebiet gezündeter Explosivkörper’)
    Da bin ich etwas im Widerspruch mit Dir.
    Gerade diese durchbrechende Lichtstimmung durch Bäume mag ich sehr gerne.
    Sie ist selten mit etwas Dunst und guter Hanglage zur Sonne zu finden.
    Für mich ist sie auch ein sehr starkes, natürliches Symbol für das strahlende Licht.
    Eigentlich habe ich immer nur solche Lichtsituationen im Wald verschärft gesucht.
    Den Anstoß, den Wald auch mal anders zu sehen, den hast Du jedenfalls bei mir ausgelöst.
    Danke sagt der Berthold aus dem Sauerland.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Berthold,

      was Du sagst, bezieht sich ja auf den 3. Teil des Tutorials bzw. „Abschnitt 3.2: Belichtung“. Es ist richtig und wichtig, hierbei (wie von Dir angedeutet) mit und nicht gegen das Licht zu arbeiten – in einem übertragenen Sinn, denn mit Dunst und niedriger Sonne können natürlich auch Gegenlichtaufnahmen gelingen.

      Die Bilder 15 und 16 in jenem Abschnitt ermöglichen aus meiner Sicht einen guten Vergleich: „Licht und Schatten“ bzw. „Ein- und Aufdringliches“ liegen hier eben nahe beieinander.

      Thomas

  3. Spector says:

    Hallo Thomas,

    ich habe das Wald-Tutorial äußerst animiert gelesen – und heute ein Bild dazu in die Bildkritik hochgeladen.
    Hätte auch die Möglichkeit bestanden, Fotos hier im Kommentarbereich zu präsentieren ?
    Im ersten Anschein sieht es nicht danach aus..

    Der Wald, dem du dich ja mitsoviel psycholgisch hintergründiger Expertise gewidmet hast – stellt ja tatsächlich einen z.B. in Deutschland glücklicherweise reichlich vorhandenen, tiefgründigen und vielfältigen Motivraum dar.
    Vor Jahren waren es ausgerechnet zwei Urwald-Fotos von Thomas Struthe ( Er hat ja andere Schwerpunkte) die mich in den Bann der Fotografie gezogen haben und zur Wahrnehmung von Fotografie als Kunstform gebracht haben.

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