Leserfoto:
Vom Offensichtlichen und vom Verborgenen …

Einige Gedanken zur Konzeptfotografie möchte ich in die heutige Bildbesprechung einfließen lassen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (4 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unsere Leserin Jacqueline von Manteuffel aus Stuttgart hat uns das obige Bild unter dem Titel „Haus im Piemonte” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Diesen Spätsommer waren wir im Piemont. Wir wohnten in einem alten Dorf, in dem mehrere Häuser als Ferienbleibe umgebaut wurden … das Dorf war von den Einwohnern schon vor Jahrzehnten verlassen worden: Arbeit in Turin ist lukrativer als an den Steilhängen auf den Feldern … Die Häuser sind mit Granitplatten gedeckt. Interessant fand ich, dass verschiedene Bauteile sich nahtlos und harmonisch aneinanderfügten. Das Sonnenlicht zauberte ein feines grafisches Muster (Schatten des Geländers), das im Kontrast zu den eher derben Dachplatten steht. Das gefiel mir in dem Moment und ich versuchte, das einzufangen. Ich habe nichts nachgebessert – was mich stört, ist die Glühbirne im dunklen Hintergrund – wie wäre es, die wegzuretouchieren? Kategorie Architektur oder eher Licht&Schatten? Fotografiert mit Lumix DMC-LX7, 1/1300s, f 2.8, 17.7 Brennweite, ISO 80 am 27.08.13 um 11:45 Uhr”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Jacqueline bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von 88,5 mm bei einem Formatfaktor von 5.

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Die lebendige und erhellende Beschreibung zu diesem Bild erinnert uns an Jacquelines engagierte Reisefotografie, die ich Euch im März 2013 anhand zweier Beispiele schon einmal vorgestellt hatte – siehe dazu auch die untenstehenden Vorschaubilder oder die Bildbesprechungen ‚Ein lebendiger Augenblick‘ und Reisefotografie, wie man sie sich wünscht‘.

Bild 'Markt in Lalibela'Bild 'Dorfschule in Äthiopien'

Zu den Überlegungen einer Retusche wollte ich ihr spontan zurufen: „Aber im Gegenteil! Das Verborgene bzw. dessen Andeutung ist doch gerade das Spannende! Warum müßte das wegretuschiert werden?”

Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Blickanziehend und bildwichtig tritt der aus der Mitte leicht nach rechts versetzte, sonnenbeschienene Handlauf des Geländers in Erscheinung (rote Linien ebd.). Dieser setzt sich aus einer stark abfallenden Diagonalen im oberen und einer Senkrechten im unteren Teil zusammen, so daß sich hieraus eine rasch nach unten führende Blickführung ergibt.

Als dieses Hauptmotiv einrahmende und das Bild so strukturierende Elemente fungieren weitere Waagrechten, Senkrechten und Diagonalen im Vorder- und Hintergrund (gelbe Linien ebd.). Einige Anschnitte links, unten und rechts unten irritieren etwas (blaue Linien ebd.), desgleichen eine sehr dunkle Fläche rechts unten (grüne Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt einen ausgewogenen Mittelwert von gut 120, gleichwohl ist es aber ausgesprochen zweigipflig und zeigt einige Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich. Diese hochkontrastige Anmutung muß einem Bild nun nicht grundsätzlich abträglich sein, aber hier verwandelt es die (nach Ansicht vor Ort vermutlich) offenen Schatten in eine weitläufig schwarze Fläche der Zonen 0 bis I.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

„Das Geländer mit seinem Handlauf und der Fachung, die Streben darüber, die Verplankung im Vorder- und die Schindelung im Hintergrund … alles recht reizvoll, aber was ist denn da rechts unten im Schatten? Das würde mich noch viel mehr interessieren, aber es versteckt sich …”

So ging es mir spontan mit diesem Bild, und Jacqueline mag es mir hoffentlich nachsehen, wenn ich ihr Bild als Sprungbrett für einige konzeptionelle Überlegungen verwende.

„Ist es das Offensichtliche, was uns reizt? Oder ist es eher das Verborgene, welches es zu entdecken gilt? Was wäre, wenn ein Bild beide Ebenen – also das Offensichtliche und das Verborgene – aufzeigte?”

Ich halte dieses ‚Spiel mit dem Sichtbarem und dem Verstecktem, mit der Realität und dem Unterschwelligen‘ für ausgesprochen reizvoll und könnte mir auch vorstellen, daß es manchem Betrachter ähnlich ergeht. Sofern Ihr entsprechende Arbeiten in Eurem Portfolio habt, möchte ich Euch ermuntern, diese hier zur Besprechung und Diskussion einzureichen.

Doch nochmals zurück zum Bild: ich habe Jacquelines Arbeit deutlich in den Schatten aufgehellt (+25% in ‚Tiefen/Lichter‘) und auch einen Beschnitt gesetzt, um die meines Erachtens nach irritierenden Randelemente zu entfernen. Das Ergebnis seht Ihr in der Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild).

Dann zeige ich Euch noch ein Vergleichsbild (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) auf meinem eigenen Portfolio, welches die offenkundige und die verborgene Ebene im Kontakt zueinander treten läßt. Es ist ein Bild aus meiner Konzeptserie ‚Stadt der Verlorenen‘. Ich könnte mir sogar vorstellen, daß Jacqueline den Ort der Aufnahme kennt …

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Bildteil:

Komposition

Tonwerte

Überarbeitung: Beschnitt und Schattenöffnung

Vergleichsarbeit 'Studie 02' aus der Serie 'Stadt der Verlorenen'

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

4 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Hallo Jacqueline,

    ein für mich durchaus interessantes Foto, das mich aber nicht unbedingt wegen des verborgenen Untergrundes anspricht, denn da müsste vielleicht etwas mehr „passieren“ – wie etwa eine querende Person, die flüchtig sichtbar wäre (so wie in Thoma‘s Foto) oder ein Objekt (Mühlrad etc.). Ich finde hingegen viel eher die gegeneinander laufenden und miteinander korrespondierenden Strukturen/Texturen bzw. Schattenspiele von Wert für eine fotografische „Erkundung“. Außerdem handelt es sich ja bei dem hier Sichtbaren um ganz unterschiedliche Materialien (Holz, Metall, Stein), die aus recht verschiedenen Arbeitsprozessen (Handwerk/Industriefertigung) hervor gegangen sind, und nun ihr „Eigenleben“ in diesem Ensemble aus Menschenhand behaupten. Außerdem – und das macht den verborgenen Teil des Bildes auch wieder interessant – erfüllen alle eingesetzten Materialien eine Funktion, die sie wiederum erst zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen: Der Stein – stabiles Mauerwerk und schützende Dachbedeckung, Metall – Halt in der Höhe, Holz – Begehbarkeit … etc. Ich glaube, dass jedes Detail in einem Foto wichtig ist und im Kontext seine „Geschichte“ erzählt. … Insofern wäre Dein Foto eine gute Ausgangsbasis für weitere fotografische Fragen, die unsere Wirklichkeit sichtbarer machen … und das wäre nach meinem Geschmack auch mal einen Versuch in Schwarz/Weiß wert. …

    
Beste Grüße in die Runde
    Marcus


    Antworten
    • Jacqueline says:

      Danke, lieber Marcus, für Deinen Kommentar. Ich war auch genau von diesen Materialien und den Schatteneffekten angetan. Du hast das sehr schön beschrieben.
      Lieber Gruss
      Jacqueline

      lieber Thomas!
      Was für ein interessanter Ansatz! Das Verborgene weckt unsere Neugier – das wissen wir auch aus unserem Beruf…aber es ist offensichtlich auch in der Fotografie manchmal so: obwohl wir das Offensichtliche – das offen Sichtbare – ablichten.
      Bei meinem Blick vom Balkon faszinierten mich vor allem die Materialien und Muster. Dein Beschnitt tut dem Bild sehr gut – die Aufhellung zeigt mehr die Tiefe, und wie es „da unten“ aussieht – was dem Bild einen anderen Schwerpunkt gibt. Das finde ich total interessant und ich habe wieder was dazu gelernt! Manchmal müsste man gleich 3 oder 4 Versionen eines Motivs machen…Danke, Thomas!
      Herzlich
      Jacqueline
      PS JA: ich erkenne das Motiv auf Deinem Foto! ;-)
      PS Danke für die Wertschätzung durch die Mühe der Berarbeitung und Beschreibung!

    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „ich erkenne das Motiv auf Deinem Foto!

      Wie spreche ich nur über Deinen Wohnort: ‚Stadt der Verlorenen‘ …

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