Leserfoto:
Sommerliche Porträtvarianten

Bearbeitungsmöglichkeiten eines ‚duftigen Sommerporträts‘ wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (5 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Reinhard Witt aus dem schleswig-holsteinischen Loose hat uns das obige Bild unter dem Titel „The Spirit of summer” in der Kategorie ‚Portrait‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Das Bild zeigt meine Nichte Lisa in/auf einer Spätsommerwiese eines Resthofes. Seit längerer Zeit schon fahr ich auf Gegenlichtaufnahmen außerordentlich ab. So auch bei diesem angewandt. Ich musste mich dabei noch um vier weitere Mädchen kümmern, wer das mal gemacht hat, weiß wie schwierig das ist, allen gerecht zu werden. Ich finde Lisa hat etwas Spezielles… gerade in diesem Moment. Das lässt mich natürlich justament nicht an irgendwelche Belichtungsbereiche im Zonensystem denken – da war etwas anders viel wichtiger.. :-) Technische Daten: Camera EOS 5D Mark III, Sigma 1.4/85, Arbeitsblende 1.4, ISO 100…”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Reinhard bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die Belichtungszeit von knapp 1/2500 Sekunde. Die abgelesene und faktische Brennweite entsprechen sich beim hier verwendeten Kleinbildvollformat.

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Reinhards ‚Geplagtsein mit jungen Frauen‘ (Sigmund Freud: „was will das Weib?”), noch dazu derer fünf, empfinden wir (Mannsbilder) natürlich aus alltäglicher Erfahrung solidarisch nach. Auch sein ‚Wink mit dem Zaunpfahl‘ in Richtung meiner ‚immer wieder lästigen Hinweise auf das Zonensystem‚ traf voll ins Schwarze – warte nur, lieber Reinhard :o) … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Wie so oft beim Porträt, ziehen uns Betrachter das Gesicht und der Blick besonders an. Wiederum sehen wir ein umgedrehtes, hier leicht gegen den Uhrzeigersinn gedrehtes Dreieck, welches sich aus den Augen und dem Mund bildet und die Nase einschließt (rote Linien ebd.).

Entlang der deutlichen Kontrastkante zwischen Gesichtshaut bzw. Hintergrund und Haaransatz zum einen, zwischen Schulter bzw. Ausschnitt und Kleid zum anderen verläuft eine kompositorisch wichtige, geschwungene Linie. Diese umrahmt das Gesicht und ‚unterteilt den Bildraum‘ (gelbe Linien ebd.).

Weitere Linien an der Begrenzung der (von Seiten der Abgebildeten) rechten Schulter oder dem zum rechten Bildrand hin etwas verwehten Haar tragen zur Geschlossenheit des Bildeindrucks bei (grüne Linien ebd.).

Etwas irritierend mag auf den einen oder anderen Betrachter vielleicht der relativ kontrastreich gezeichnete Horizont am oberen Bilderrand wirken (ohne Linien).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Haar und Kleid bewegen sich überwiegend in den Zonen 0 (keine Tonwertmodulation) und I (keine Detailstruktur). Die Haut liegt in den Zonen III bis IV (Ausschnitt) bzw. IV bis VI (Gesicht), somit eher einem dunklen kaukasischen Hauttyp entsprechend und insofern in gewissem Widerspruch zu den zahlreichen Sommersprossen.

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Zusammenfassung

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Ich möchte zunächst die gelungene Komposition herausstellen. Reinhard zeichnet hier das anmutige, atmosphärische sehr dichte und insofern auch sinnliche Porträt einer jungen Frau, seiner Nichte.

Doch erscheint mir die Ausarbeitung recht düster, gar nicht sommerlich. Haar und Kleid weisen kaum Details auf und der dargestellte Hauttyp paßt nicht recht zu den Sommersprossen.

Für eine Neuinterpretation nahm ich das Werkzeug ‚Tiefen/Lichter‘ zu Hilfe (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild).

Eine deutliche Öffnung der Schatten, eine mäßige Rückholung der Lichter sowie eine leichte Erhöhung des Mitteltonkontrastes ist aus meiner Sicht geeignet, die auch im Bildtitel anklingende ’sommerliche Duftigkeit‘ wiederzugeben.

Die dazugehörige Zonenverschiebung ist unten dargestellt. Der Hauttyp ist nun ein heller kaukasischer (siehe 1, auch Abschnitt ‚Tonwerte‘), auch das verträumt wirkende ‚Spiel der linken Hand am Haar‘ (siehe 2) stellt sich so deutlicher dar.

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Bildteil:

Ausgangsbild: Komposition

Ausgangsbild: Zonenverteilung

Neuinterpretation

Neuinterpretation: Tiefen/Lichter

Neuinterpretation: Zonenverteilung

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Die Bildbesprechung warf möglicherweise Grundsatzfragen auf, die in der gebotenen Kürze nicht zu klären wären. Zur Vertiefung bieten sich die nachstehend aufgeführten Tutorials an.

 

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibirierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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8 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Ein sehr sympathisches Portrait, ohne Firlefanz und Effekthascherei. – So natürlich wie möglich, bravissimo. …

    Da bleibt aber noch eine aufnahmetechnische Frage: Wäre hier ein dezent eingesetzter Aufhellblitz oder ein kleiner, sehr leichter, faltbarer Reflektor (für immer dabei) nicht doch die bessere Alternative zum nachträglichen Tiefen/Lichter-Management in Photoshop? Gerade bei Gegenlichtaufnahmen sind das für mich sehr nützliche Hilfsmittel, vor allem letztere Variante …

    Beste Grüße
    Marcus

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Das war ja nun weniger eine Frage denn eine Feststellung, die Deiner Erfahrung geschuldet ist. Natürlich sind dies probate Mittel …

      Andererseits, und dies sollte die Überarbeitung ja aufzeigen, muß man auch die artefaktunverdächtigen Bearbeitungsreserven bei der Öffnung der Schatten nicht unterschätzen, wenn man mit guter Ausrüstung, niedriger ISO und im RAW-Format arbeitet.

    • Marcus Leusch says:

      In beidem gebe ich Dir natürlich Recht, Thomas. Mir ist’s immer ein Bedürfnis, so wenig Zeit wie möglich am Computer zu verbringen, da sitze ich nun aber mit meinen steigenden Ansprüchen ohnehin schon viel zu lange. Ein gewisser Kreislauf, der mich manchmal vom Fotografieren eher abzuhalten scheint. Das hat schon ein bisschen was von den magischen Wasserzeichen, die mir noch in Dunkelkammerzeiten aus dem Entwicklerbad entgegen blühten ;-)

      Grüße zum Sonntag
      Marcus

    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „… ein Bedürfnis, so wenig Zeit wie möglich am Computer zu verbringen …

      Frei nach W. Eugene Smith könnte man aber auch sagen: „erst wenn uns der Partner fortgelaufen ist, sind wir lange genug in der analogen oder dunklen Dunkelkammer gesessen.

      Aber ‚Ernst beiseite‘. Bei meinen eigenen Arbeiten, wie etwa im aktuellen Architekturprojekt ‚Foxboro Eckardt‘ wiegen sich die Freude vor Ort und diejnige in der digitalen Dunkelkammer in etwa auf. Beides gehört für mich dazu …

  2. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin Reinhard vom Krabbenkutter …

    … da ich ja einige Bilder von Dir und so …

    … Deine Handschrift im Bild unverkennbar …

    … es sind wie Thomas beschreibt find …

    … die bekannten „Linien“ Verläufe und das Besondere wie Du die junge Dame mit der besonderen „Note“ sprich „Beziehung“ Interaktion zum Fotograf herausforderst und es wieder mal schaffst … dieses für den BetrachterIn zu transportieren …

    … die leichte Aufhellung durch Thomas Vorschlagsarbeit find ich auch passend und hebt diese sommerliche Leichtigkeit unter Berücksichtigung einer Gegenlichtaufnahme mit leichtem Spitzlicht noch mal positiv …

    Glückwunsch Reinhard und Thomas für diese „Zusammenarbeit“ ..

    … Grüße vom Krabbenkutter an der Seehundbank …

    und einen tollen Tag Dirk

    Antworten
  3. Reinhard says:

    Ja mein lieber Thomas, ich muss Dir gestehen, Deine Version hat mich völlig überzeugt… :-) Ehrlich!

    Vielen Dank für Deine Hinweise. Ja, manchmal brauch ich auch mal ’n Schlag auf den Hinterkopf! :-) Danke dafür.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Cowboy :o) … wir wollen doch einmal festhalten, daß dies (1) ein ausgezeichetes Porträt ist und (2) allenfalls einen kleinen Schliff benötigt, der fürwahr kein Hexenwerk ist. Wie findet sich eigentlich Deine Nichte auf diesem Foto abgebildet?

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