Leserfoto:
Morgendliche Küstenstimmung

In der heutigen Bildbesprechung zeige ich Euch eine atmosphärisch gelungene Arbeit, die gleichwohl ihre kompositorischen Tücken aufweist.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (4 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Christoph Michel aus dem rheinland-pfälzischen Andernach hat uns das obige Bild unter dem Titel „Ein neuer Tag wird geboren” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Im sog. Urlaub morgens um fünf Uhr aus dem Bett zu steigen braucht schon etwas Überwindung. Die schlaftrunkne Wanderung zur Bucht von Calla Ratjada auf Mallorca hat sich aber gelont. Mein Ziel war es die zu dieser Zeit dort anzutreffende Ruhe und Stimmung wiederzuspiegeln. Das Bild ist kurz vor Sonnenaufgang enstanden. Das verwendete Werkzeug spielt für mich eine eher untergeordnete Rolle. Verwendet wurde ein 24-er Tilt-Shift Objektiv. Aus zwei horizonalen Aufnahmen wurde das Bild am Rechner zusammen gestitcht. So entsteht ein Format, das mir sehr gut gefällt …

Über die weiteren Ausrüstungdetails und Aufnahmedaten liegen keine Informationen vor.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Zwei markante, beidseits etwa im Drittel von oben in das Bild hineinragende Felsstrukturen beherrschen das Bild (rote Linien ebd.). Eine Bucht mit außerhalb des Bildes verlaufender Uferlinie deutet sich so an.

Der Rest des Bildes ist von Meer und Himmel geprägt. Der Horizont liegt hoch, im Drittel bis Viertel von oben (blaue Linien ebd.). Knapp darunter treffen die Felsstrukturen auf das Meer und werden von Wellen umkräuselt (blau gepunktet).

Der Blick entdeckt schließlich noch eine kleine, gleichwohl durch hohen Kontrast markante Felsstruktur am linken, unteren Bildrand (nochmals rote Linien ebd.).

Der durch besagte drei Felsstrukturen umschlossene Raum ist recht weitläufig (gelbe Linien ebd.). Der Raum scheint dadurch richtiggehend ‚hochzuklappen‘, zudem zieht es den Blick nach links unten (gelber Pfeil ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild ist gut belichtet und weist nur geringe, nicht weiter störende Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich auf. Das Histogramm ist etwas rechtsschräg, so daß das Bild insgesamt einen lichten Eindruck vermittelt.

Farben (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Blau- und Violett-, in Horizontnähe auch Gelbtöne herrschen im Bild vor.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Anrührend berichtet uns Christoph über die Mühen und Überlegungen, die sein Bild umranken. Es ist von Seiten der Farbigkeit und Tonalität sehr stimmungsvoll, so daß sich uns Christophs ‚kaum erwachtes Staunen vor Ort‘ recht gut vermittelt.

Nach meinem Eindruck hat Christoph sein Objektiv stark nach unten ‚geshiftet‘, um den Horizont hochzuziehen und die Binnenfläche der Bucht zu betonen. Aus meiner Sicht führt der solchermaßen ‚fliehende Bildrand‘ in Verbindung mit der dadurch entstehenden, weitläufigen Fläche und der blickanziehenden Kombination von Felsstruktur links unten und Wolkenspiegelung am unteren Blickrand jedoch zu einem Dilemma – der Raum wirkt wie ‚hochgeklappt‘, der sich in dieser Szene anbietende Tiefeneindruck vermindert sich beträchtlich.

Um diesem Effekt entgegenzuwirken, habe ich in der ersten Überarbeitungsversion (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) den unteren Bildrand einschließlich besagter Felsstruktur und Wolkenspiegelung im Sinne einer künstlichen Vignettierung deutlich nachbelichtet (abgedunkelt), die seitlichen Felsstrukturen jedoch in den Lichterpartien weiter abgewedelt (aufgehellt).

Die zweite Überarbeitungsversion (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) beschränkt sich auf einen markanten Beschnitt von unten, der den Horizont zum Goldenen Schnitt herunterzieht.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß ein Zusammenfügen von zwei 2:3-Hochformaten üblicherweise zu einem 4:3-Querformat führen würde. Das hiesige Bildmaß ist aber annähernd ein 11:10-Format, was ohne Entsprechung zum historischen Filmformat ist. Ein solches 11:10-Format empfinde ich als zu untentschieden – nicht mehr richtig Rechteck und noch nicht richtig Quadrat.

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Bildteil:

Komposition

Tonwerte

Überarbeitung 1

Überarbeitung 2

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Antworten
  1. Frank Höfs says:

    Am gravierendsten finde ich die Unschärfe im oberen Drittel. Ziemlich ärgerlich, da es ein tolles Motiv ist. Den Felsen unten links finde ich ebenfalls eher störend. Er lenkt auch von dem herrlichen Unterwasserblick ab. Vllt. noch einen Meter vor und einen halbe runter gegangen dazu noch eine Minute länger belichtet (bei Empfindlichkeitsausgleich natürlich) hier günstiger Weise auch mit Polfilter und man hätte die interessanten Komponenten vereint. Naja nachher ist immer gut Reden, kennt man ja die Gesamtsituation nicht.
    Trotzdem find ich die Farbinterpretation/balance sehr gelungen. Die Unschärfe bringt hier aber keinen Gewinn. Insgesamt bleibt bei mir aber ein guter Eindruck vom Bild hängen.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Die ‚Schärfediskussion‘ wird in den verschiedenen Diskussionsforen des Internets oft und gerne geführt. Wer meine Bildbesprechungen verfolgt, bemerkt sicher, daß ich selbst mir bei diesem Aspekt (der von der Systematik her ja zur ‚Struktur‘ gehört) gerne etwas Zurückhaltung auferlege.

      Der Grund liegt darin, daß wir zur Beurteilung ja in aller Regel nicht die Originaldaten (RAW oder TIF), sondern nur ein hochgradig verkleinertes und komprimiertes JPG haben. Bei meiner Ausrüstung umfaßt das internetfähige Bild gerade noch 0,5 bis 1 Prozent des großen Formats – und bei solchem ‚Datenschwund‘ sollte man m. E. nicht ‚über das Ziel hinausschießen‘.

      Nach eigenen Kriterien hätte ich das obere Drittel als ‚weiche Schärfe‘ eingeordnet – nicht wirklich prägnant, aber den Geamteindruck auch nicht gravierend herabsetzend. Und wie gesagt: wir treffen Feststellungen über das JPG, nicht das Originalbild, und auf dem Weg der Verkleinerung und Kompression kann viel erhalten bleiben oder kaputt gehen (einige Hinweise dazu noch im einschlägigen Tutorial) …

    • Frank Höfs says:

      Wenn ich das Bild in einem neuen Fenster öffne wird es in seiner vollen verfügbaren bzw. darstellbaren Auflösung angezeigt. Hier sieht man nun wesentlich besser die Schärfe / Struktur des Felsens im Bild. Die Blog-/Internetseitenbedingte komprimierte oder besser gesagt gestauchte Darstellung in dieser Seite -an meinem Monitor- lässt die Struktur leiden.
      Nun gut, bleibt zu sagen dass ich persönlich mit der Schärfe in der original hochgeladenen Datei wiederum zufrieden bin. Ich sehe das wie Thomas Brotzler.

    • Thomas Brotzler says:

      Das ist klar, eine Skalierung von 885px × 796px auf 450px × 405px‘ verschlechtert das Bild durch den ‚krummen Teiler‘ nochmals erheblich. Am besten wirken nach meinem Eindruck 900px x 600px Bilder durch eine saubere 2:1 Verkleinerung auf 450px x 300px.

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