Leserfoto:
Ein emotionaler Blick auf die Architektur

In der heutigen Bildbesprechung möchte ich ein interessantes, abstraktes Architekturfoto vorstellen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (2 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Igor Toker aus Hamburg hat uns das obige Bild unter dem Titel „Wie die Stadt entsteht …” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Dieses Bild ist durch eine mehrfache Belichtung entstanden. Ich bin nach einer langen Pause wieder in der HafenCity in Hamburg gelandet und war sehr überrascht wie schnell ein neues Stadtviertel hier entstanden ist. Auf einer Seite des Kanals waren die Gebäude noch rohe Baustellen, auf der anderen Seite sah man bereits einen lebenden Stadtteil. Ich habe versucht dieses paradoxales Gefühl einzufangen und freue mich über die Kritik und Verbesserungsvorschläge. Aufgenommen mit Nikon 300s und 35/1.8. Aufnahmen wurden mit f 10.0 gemacht. Danke!”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Igor bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von
52 mm bei einem Formatfaktor von 1.5, des weiteren die Belichtungszeit von 1/125 Sek und die Sensorempfindlichkeit von ISO 560.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Durch besagte Mehrfachbelichtung (die entweder in geeigneten Kameras direkt oder softwareseitig durch Ebenenauswahl mehrerer Bilder vonstatten gehen kann) zeigt sich ein Bild, welches sich unseren Sehkonventionen entgegenstellt. Der kompositorische Aufbau ist entsprechend komplex.

In der Hauptsache können wir Senkrechten (rote Linien ebd.), Waagrechten (gelbe Linien ebd.) und Diagonalen (blaue Linien ebd.) unterscheiden, wobei die Erstgenannten in der Bildmitte, die Zweitgenannten hingegen im linken Bilddrittel vorherrschen. Die Drittgenannten durchziehen fast das ganze Bild und fungieren so als verbindende Elemente.

Auf einige verhaltene bzw. schemenhafte Strukturen am oberen und rechten Bildrand darf noch hingewiesen werden, diese wirken als Kontrapunkt und Bildabschluß (grüne Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild weist insgesamt eine High-Key-Anmutung auf, wie das nach rechts verschobene Histogramm mit Tonwertmaximum im rechten Drittel aufzeigt. Der Kontrastumfang ist eingeschränkt, die Schatten laufen nicht bis Zone 0, der Himmel ist in Zone IX gelegt.

Farben:

Gedämpfte Rottöne herrschen im Bild vor.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Igor gab uns wichtige Hinweise zur Entstehung des Bildes. Am Anfang stand ein Gefühl, ein Zwiespalt in der Wahrnehmung von bereits Erschafftem und noch im Aufbau Begriffenem, aus welchem sich dann eine Vision bzw. Bildidee entwickelte. Eine konventionelle Darstellung, etwa mit Baustelle im Vordergrund und fertigen Gebäuden im Hintergrund, mag ihm dann nicht geeignet bzw. zu profan erschienen sein, um diese Empfindungen und Wahrnehmungen im Bild auszudrücken.

Stattdessen griff er zum Mittel der Mehrfachbelichtung, welche (wie bereits angedeutet) kamera- oder softwareseitig erfolgen kann. Er schuf damit eine interessante Verzerrung und Neudefinition des Gesehenen, an der sich gleichwohl die Gemüter scheiden mögen. Bildbetrachter mit realistischer Seherwartung werden sich an der Kompliziertheit und Nichtvergleichbarkeit des Bildaufbaus möglicherweise stören. Mich persönlich begeistern solche Neuschaffungen bzw. Abstraktionen oftmals.

Verbesserungsvorschläge kann ich Igor hier kaum machen. Ich möchte ihn stattdessen ermuntern, diesen Weg der Realitätsverdichtung und -abstraktion weiter zu folgen. Daß auch in solch ’neugeschaffenen Welten‘ bewährte Regeln der Komposition bzw. der Gestaltpsychologie (etwa im Sinne des ‚Zusammenspiels von Figur und Hintergrund‘) gelten und eine gewisse Ordnung schaffen können, versteht sich von selbst.

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Bildteil:

Komposition

Tonwerte

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibirierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Ein interessantes Experiment, das für mich im vorliegenden Fall noch Reserven birgt. Doppeltbelichtungen – nicht zu verwechseln mit den nachträglich in Photoshop erstellten Hybriden („künstlerische“ Kompositionen) – gehören für mich zu den anspruchsvollen fotografischen Techniken, die aber auch mit zahlreichen Fehlversuchen verbunden sind. Besonders schwierig erscheint mir ein gewisses Augenmaß für die Überlagerung von dunklen und hellen Flächen. Das lässt sich wohl nur mit einiger Erfahrung in den Griff bekommen. – Eine helle Fläche lässt einen dunklen Hintergrund fast in‘s Nirwana verblassen. Das ist nicht immer wirklich gewollt. …

    

Mich würde hier deshalb einmal ein besonderer Hinweis zur Aufnahmetechnik interessieren. Wenn ich das richtig sehe, sollten die einzelnen Fotografien leicht unterbelichtet sein, damit es zu einem stimmigen Gesamtergebnis kommen kann.

    Der gute alte Film erscheint mir allerdings wesentlich bessere Ergebnisse zu liefern. Mir gefallen besonders Beispiele aus diesen „Urzeiten“ der Fotografie bzw. des expressionistischen Films (Louis Bunuel), die ja nicht bloß wegen eines besonderen photographischen Effekts zu dieser Technik gegriffen haben, sondern weil sie damit eine ganz besondere Bildaussage verknüpft haben.

    Daran versuche ich mich selbst nun auch schon ein gutes halbes Jahr, mit relativ wenigen wirklich guten Bildern, die meinen eigenen Ansprüchen genügen würden, geschweige denn vor professionellen Augen bestehen könnten (deswegen muss man die Flinte ja nicht gleich in’s Korn werfen!).

    Ich denke, der Griff zur analogen Kamera würde hier bessere und auch durchaus kalkulierbare Ergebnisse bringen … Schließlich ist man so auch ungebundener, weil man die Kamera durchaus einige Tage liegen lassen kann, bevor man ein geeignetes zweites Bildmotiv gefunden hat. …

    Trotz aller Bedenken und mühsamen Eigenversuche finde ich Igors Bildansatz sehr diskutabel und lohnenswert für alle weiteren doppelten …

    Beste Grüße
    Marcus

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Danke für diesen sehr differenzierten Beitrag, lieber Marcus. Und ja, Deinem Wunsch nach weiteren Infos zur Entstehung schließe ich mich an. Vielleicht berichtet Igor davon noch …

      Ich habe noch ein wenig wegen seiner Nikon 300s recherchiert (man kann ja nicht alles im Kopf haben): 2009 eingeführt, APS-C-Sensor, doch Hinweise auf echte Doppelbelichtungsmöglichkeiten fand ich nicht.

      Vielleicht sind wir also doch beim ‚Composing‘, welches ich persönlich nicht so grundsätzlich verdammen würde, auch wenn ich selbst es nicht praktiziere.

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