Leserfoto:
Visualisierung der Vertrautheit

Eine kalkulierte Überbelichtung wird in der Porträtfotografie gerne angewandt, doch ist diese nicht ohne Tücken.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (3 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unsere Leserin Friederike Tesch aus Wiesbaden hat uns das obige Bild unter dem Titel „Herbstliebe” in der Kategorie ‚Portrait‘ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Dieses Bild ist im Rahmen eines TFP-Paarshootings entstanden, wobei die beiden noch keinerlei Kameraerfahrungen hatten. Wir nutzen einen kalten, windigen Herbsttag auf einer Anhöhe nahe Wiesbaden. Ich finde man spürt die Liebe der Beiden (die übrigens auch bald heiraten..) Die Gegenlichtstimmung verstärkt meiner Meinung nach die intensive Liebe der Beiden.”

Über Ausrüstungsdetails und Aufnahmedaten liegen keine Informationen vor. Das mit 3872 mal 2592 Pixel eingereichte Foto wurde zwecks Darstellung auf normalen Monitoren auf 900 mal 600 Pixel verkeleiniert.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Sehr gefällig wirkt die Bildanlage mit den beiden einander so nahen Gesichtern der beiden Protagonisten (rote Linien ebd.). In ähnlicher Weise nahe und verbunden sind beider Körper (gelbe Linien ebd.). Die Vertrautheit wird durch die Direktheit und Nähe des Blickes ebenso wie durch das zarte Anfassen und Halten symbolisiert (blaue Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich zunächst mittenbetont, doch zeigt sich auch eine weitläufige Zone X mit Lichterbeschnitt (ohne Detailstruktur und Tonwertmodulation also) im Bereich des Himmels und der Randbereiche. Was sonst oft als Fehlbelichtung zu bezeichnen wäre, kann hier als bewußtes Gestaltungsmittel zur Erzeugung einer sehr lichten, ätherischen Stimmung hingenommen werden.

Farben:

Herbtlich gebrochene Rot-, Braun- und Grüntöne bestimmen das Bild.

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Im Zuge der Überbelichtung kam es nicht nur zum bereits erwähnten Lichterbeschnitt im Himmel und in den Randbereichen, sondern auch zur einer ‚Querausbreitung des überzähligen Lichts auf die Nachbarbereiche‘ (siehe auch ‚Blooming‚). Die Detaildarstellung zeigt auf, daß dadurch die Binnenstrukturen relativ flau bzw. verwaschen und die Schärfungsartefakte in den Kantenbereichen merklich verstärkt wirken.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Wir sehen ein sehr stimmungsvolles Bild mit guter Bildanlage und schönen Farben. Die hier verwendete High-Key-Anmutung bzw. kalkulierte Überbelichtung ist durchaus ein probates Mittel in der Porträtfotografie, um eine lichte, ätherische bzw. ‚verliebte‘ Stimmung zu visualisieren.

Der genaue Blick in die Details zeigt aber auf, daß dies auch eine zweischneidige Sache ist, die mit einer merklichen Verschlechterung der Bildqualität einhergehen kann.

Nun entscheidet ja oftmals der Zweck über den Erfolg des Bildes.

Was den Juror oder Galeristen mit Blick auf die strukturellen Mängel verdrießen könnte, mag den Kunden eines solchen Paar-Shootings in Hinsicht auf die atmosphärische Anmutung vielleicht gerade gefallen.

‚TfP‘, das sei für die im Bereich der Porträtfotografie nicht so Bewanderten noch angemerkt, steht für ‚Time for Print‘. Die Aufgenommenen werden für ihre Mühe also durch Ausdrucke entlohnt.

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente und Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Lichterbeschnitt

Struktur: 100%-Ausschnitt

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Das klassische Blooming, wie es ja auch im verlinkten Wikipedia-Artikel beschrieben ist, besteht tatsächlich aus jenem abgezirkelten Fehlfarbenhof. Doch es gibt eben auch jene subtilere Lichtüberschwemmung, ausgehend von den helleren und sich erstrewckend auf die dunkleren Partien, welche wir hier sehen und welche die Feinstruktur in Mitleidenschaft ziehen kann.

  1. Timo Hartfelder says:

    einfach Nebulös.TFP, verliebt und die Darstellung finde ich gelungen aber das Gegenlicht …. ich weis nicht was ich davon halten soll. Ich lese nun noch ein wenig. GGf. kommt noch ein Aha-Effeckt.

    Antworten

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