Leserfoto:
Monochrome Landschaft

Feinheiten der Schwarzweißkonvertierung bei der Landschaftsfotografie wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (4 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Christian Gaser aus Jena hat uns das obige Bild unter dem Titel „Huanghuacheng Great Wall” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Bei Peking steht ein 600km langer Abschnitt der Chinesischen Mauer und wir wollten bei einem Kurzbesuch in Peking die Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen dieses eindrucksvolle Bauwerk zu besuchen. Badaling ist sicher der bekannteste Teil der Mauer, der aber nicht nur völlig überlaufen ist, sondern mit seinem perfekt restauriertem Teilstück nur einen ungenügenden Einblick in den ursprünglichen Zustand der Chinesischen Mauer gibt. Nach einer Suche im Internet wählten wir einen Abschnitt bei Huanghuacheng aus und über etwas abenteuerliche Wege (da touristisch nicht erschlossen) gelangten wir an einen Teil der Mauer, der offiziell noch nicht erschlossen ist. Die Dimensionen dieses Bauwerks sind atemberaubend und wirken in der menschenleeren Umgebung noch eindrücklicher. Aufnahmedaten: Bearbeitung mit Lightroom (Ausschnitt, Helligkeit, Kontrast, Gradationskurve) Olympus E-P2 Objektiv Olympus M.Zuiko 9-18mm, F4.0-5.6 Brennweite 9mm (18mm Kleinbild) Blende 9 Belichtung 1/160s ISO 200 GPS 40°25’4“ N 116°20’37“ E”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Christian bereits berichtet.

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Ich hatte Christian zum Vergleich noch um die Originaldatei (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) gebeten, da mir einige Problembereiche bie der Bearbeitung auffielen. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild versetzt den Betrachter mitten auf einen eindrucksvollen Abschnitt der hier durch ein zerklüftetes Gebirge verlaufenden Chinesischen Mauer.

Die hauptsächlichen Fluchtlinien verlaufen dementsprechend entlang der Ober- und Unterkante der seitlichen Begrenzung. Sie mäandern nach hinten und verzeigen sich im Mittelgrund nach rechts und nach oben (rote Linien ebd.).

Vergleichsweise schemenhaft bleibt die Binnenstruktur des Gebirges, während die Horizontlinie sehr scharf abgegrenzt ist (gelbe Linien ebd.)

Tonwerte:

Der Vergleich mit der Originaldatei zeigt auf, daß bei der Schwarzweißkkonvertierung ein starker Rotfilter verwendet wurde.

Entsprechend wurde die rötliche Mauer aufgehellt, während das ins grünlich-türkis gehende Gebirge und der Blauanteil aufweisende Himmel abgedunkelt wurde.

Problembereiche (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild und entsprechende Ziffern):

  1. Die Binnenstruktur der Mauer bleibt im Zuge der Aufhellung relativ flau, diese kann insofern nicht als detailreicher Vordergrund fungieren.
  2. Die recht helle Mauer endet im Mittelgrund abrupt, sie scheint richtiggehend gegen die dunkle Bergwand zu stoßen, wodurch der Eindruck räumlicher Tiefe beeinträchtigt wird.
  3. Die Binnenstruktur des Gebirges zeichnet sich kaum ab, es steht wie eine dunkle Wand vor dem Betrachter und mindert so ebenfalls den Eindruck räumlicher Tiefe.
  4. Die aus dem Übergang von Gebirge in Himmel resultierende Horizontlinie ist von den Tonwerten sehr hart abgesetzt. Der Horizont verschwindet somit nicht in der Ferne, was wiederum den Räumlichkeitseindruck abschwächt.
  5. Der Himmel ist sehr kontrastreich und hart gezeichnet, die Binnenstruktur wirkt dadurch inhomogen, fast ‚quarkig‘.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Auf Basis der Originaldatei habe ich versucht, die oben genannten Problembereiche auszugleichen – insbesondere sollte (1) die Mauer im Vordergrund akzentuierter ausfallen, (2) die Mauer im Mittelgrund homogener in das Gebirge übergehen, (3) das Gebirge in seiner Binnenstruktur differenzierter und damit räumlicher erscheinen, (4) die Horizontlinie mehr die Ferne erahnen lassen und (5) der Himmel weicher ausfallen.

Die untenstehende ‚Neuinterpretation‘ zeigt das Ergebnis.

Die Darstellung der Einzelschritte würde den Rahmen dieser Bildbesprechung bei weitem überschreiten, hier möchte ich auf ein kommendes Tutorial zur Schwarzweißkonvertierung verweisen. Wichtig in diesem Zusammenhang erscheint mir jedoch der Hinweis, daß die Formel ‚monochrome Landschaftfotografie? Rotfilter!‘ nicht immer funktioniert. In dieser Bearbeitung habe ich etwa den Blau-, Türkis- und Grünkanal weit ausgesteuert, den Rot- und Gelbkanal hingegen zurückgenommen.

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Komposition

Problembereiche

Originaldatei

Neuinterpretation

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


5 Antworten
  1. Christian Gaser says:

    Hallo Thomas,

    vielen Dank für die hilfreiche Bildkritik. Ich finde es häufig schwierig solche Problembereiche bei den eigenen Arbeiten zu erkennen und bin selbst erstaunt wie „düster“ meine Version im Vergleich zu deinem Vorschlag wirkt und was man bei sorgfältiger Nachbearbeitung doch noch rausholen kann.

    Gruss,

    Christian

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Wichtig ist es mir tatsächlich, anhand solcher Bilder zu vermitteln, welches Potential oft darin noch steckt. Gerade die Schwarzweißfotografie bietet (in der Nachbearbeitung) enorme Interpretationsmöglichkeiten, gerade weil sie nicht sklavisch einer realistischen (farblich und tonal korrekten) Darstellung verpflichtet ist.

      Gerne nehme ich mir von Zeit zu Zeit auch alte Serien nochmals vor, um diese neu auszuarbeiten – wie etwa aus Anlaß meiner diesjährigen Wanderausstellung die Serie über das Kloster Maulbronn aus dem Jahr 2009, die vormals sehr düster und nun vergleichsweise lichterfüllt ausfiel.

      Solche Neuinterpretationen empfehle ich auch im Unterricht sehr gerne. Gerade die resultierenden Veränderungen über die Zeit dokumentieren die eigene Entwicklung mit am besten.

  2. Kay Kietzmann says:

    Beeindruckendes Ergebnis. Ich freue mich auf das Tutorial. Das Ausgangsbild wurde falsch verlinkt.

    Beste Grüße
    Kay

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Das Ausgangsbild wurde falsch verlinkt.

      Wieso falsch verlinkt? Ich geruhe gerade etwas auf der Leitung zu stehen …

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