Leserfoto:
Patinierte Architektur

Das heute vorgestellte architektonische Stilleben zielt auf die Schönheit des Verfalls ab. Einige Problembereiche wollen wir in der Bildbesprechung diskutieren.

treppe

Unser Leser Christian Fehse aus dem niedersächsischen Bramsche hat uns das obige Bild unter dem Titel „Treppe nach oben” in der Kategorie ‚Stillleben‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Was mich an diesem Blick von der Diele in der Wohntrakt fasziniert hat, waren die klaren Linien und Winkel, die durch die Treppe, das Fenster, die Wandverkleidungen und den Türrahmen entstanden sind. Zusätzlich fiel das Licht von beiden Seiten in die Szene und hat dadurch das Ganze in Farbe getaucht. Das Haus verfällt zwar seit mindestens 25 Jahren, aber es war benutzt. Hinter mir war was zum sitzen aufgebaut. Die Diele und der Flur war gefegt. Nichts liegt rum und stört die Linie. Sogar das Holz links ist säuberlich gestapelt. Es ist zwar kein richtiges Haus mehr und noch nicht wieder Natur, aber für irgendjemanden von Wert, so das dieses ’schöne‘ Bild entstanden ist. Daten aus dem Exif: Fuji X100, 23mm, f/2, 1/25s bei ISO 3200”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Christian bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch das Kleinbildäquivalent von etwa 35 mm Brennweite bei einem Formatfaktor von 1.5.

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Der Blick des Betrachters fällt auf eine Hinterhof- bzw. Hausflurszene. Wer (wie ich selbst) in Patina und Verfall mehr Gefallen finden und Schönheit entdecken kann wie an glatten Fassaden, wird sich in dieser Szene sicher wohl fühlen.

Als zentrale Elemente fungieren der breite Türstock (rote Linien ebd.) sowie die davon eingerahmte Treppe und das Fenster (gelbe Linien ebd.). Weitere Horizontalen und Diagonalen strukturieren den Raum und vermitteln eine gewisse Tiefe (blaue Linien ebd.).

Bei genauerem Hinsehen fällt auf, daß die Kamera bei der Aufnahme etwas nach unten verkippt und nach rechts verdreht wurde – der Türstock verjüngt sich nach unten und kippt oben etwas.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Deutlich linkssteil und rechtsschief bei einem Median von etwa 50 und mit einigen markanten Tonwertabbrüchen im Schattenbereich präsentiert sich das Histogramm.

Die Belichtung ist insofern heikel, die Schatten sind sehr zugelaufen, viele Details wirken in dieser Darstellung verloren.

Farben:

Warmes Rot und Gelb herrscht im Hintergrund vor, kühleres Blau und Violett hingegen im Vordergrund.

Zusammenfassung:

Die Problembereiche mit den zugelaufenen Schatten und der Verzerrung hatte ich bereits erwähnt. In der skizzenhaften Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) habe ich das Bild perspektivisch entzerrt und die Schatten mit dem Instrument ‚Tiefen/Lichter‘ vorsichtig geöffnet.Die atmosphärische Anmutung der Szene gefällt mir sehr gut, auch die Farben tragen hierzu bei.

Bildteil:

Komposition

Tonwerte: Histogramm, Schattenbeschnitt

Überarbeitung: Bildentzerrung und -beschnitt, Tiefen/Lichter

***

 

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Antworten
  1. Christian Fehse says:

    Ich habe mir jetzt noch mal den Druck zu diesem Bild angeschaut und dort sind die Schatten sogar deutlich mehr aufgehellt als in Ihrer Überarbeitung. Auch ist der Druck deutlich wärmer als die eingereichte Datei.
    Ich könnte jetzt sagen, der gewählte Blickwinkel sei die pure künstlerische Intuition gewesen. Das wäre natürlich
    gelogen, weil ich die Kamera einfach nur schief gehalten habe. Man kann das selbstverständlich alles gerade ziehen ohne das wesentlich Elemente des Bildes sich verändern. Ich habe einfach nicht drauf geachtet, weil es mich nicht
    gestört hat. Auch in groß auf Papier empfinde ich die Verzerrungen nicht als störend. Es ist wahrscheinlich eine persönliche Geschmacksfrage wie
    weit man die Parallelität und Symmetrie der Konturen anpassen will.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Ich habe mir jetzt noch mal den Druck zu diesem Bild angeschaut und dort sind die Schatten sogar deutlich mehr aufgehellt als in Ihrer Überarbeitung.

      Wir können von mir aus gerne beim „Internet-Du“ bleiben. Die vergleichende Betrachtung des Monitorbildes und des Druckes bei 400 bis 500 Lux neutralen Umgebungslichtes sollte in Hinblick auf Tonalität und Farbigkeit identisch wirken. Ist dem nicht so, was im Kommentar ja anklingt, gibt es ganz offensichtlich ein Problem im Sinne einer durchgängigen Profilierung – so viel kann ich von hier aus wohl sagen. Der Druck droht so zum Zufallsprodukt zu werden, und das ist eigentlich schade für das Bild.

    • Christian Fehse says:

      Da hast Du natürlich Recht und die Profilierung war in diesem Fall sicherlich nicht durchgängig. Ich wollte damit vor allen Dingen sagen, das mir die Schatten auch schon mal zu dunkel waren.
      Ich gewöhne mich gerade erst daran, daß man jetzt digital etwas reproduzierbares, kalibriertes erschafft. Es ist mir früher nie gelungen zwei gleiche Abzüge von einem Negativ zu machen. Das fand ich auch überhaupt nicht erstrebenswert. Je nach Stimmung und Gefühl habe ich manchmal viele verschiedene „Versionen“ gemacht und letztendlich meistens nur einen Bogen behalten. Das ist jetzt anders… :-)

    • Thomas Brotzler says:

      Zitat „Es ist mir früher nie gelungen zwei gleiche Abzüge von einem Negativ zu machen.

      Ja, so war das damals, insbesondere wenn man noch manches lokal nachzubearbeiten hatte. Möglicherweise schätzen wir diese kleinen Unterschiede und Mängel innerhalb einer Serie heute mehr als früher.

      Das „immer Gleiche“ der Digitalfotografie ist auch etwas, was vor dem Hintergrund solcher Erfahrung (die wir ja offensichtlich teilen) durchaus „kalt und glatt“ wirken kann.

      Andererseits – und deswegen arbeite ich als Schwarzweißfotograf mittlerweile nicht mehr analog – bietet die „digitale Dunkelkammer“ Möglichkeiten (der punktgenauen Lokalbehandlung, der graduellen Farbkanalsteuerung etc.), von denen wir früher nur träumen konnten.

    • Christian Fehse says:

      Zitat: Andererseits – und deswegen arbeite ich als Schwarzweißfotograf mittlerweile nicht mehr analog – bietet die “digitale Dunkelkammer” Möglichkeiten (der punktgenauen Lokalbehandlung, der graduellen Farbkanalsteuerung etc.), von denen wir früher nur träumen konnten.

      Das ist absolut wahr und ich möchte meinen Vergrößerer auch gar nicht mehr wieder haben. Allerdings finde ich sowohl den Look von analoge Digitalbildern als auch das analoge fotografieren an sich für mich im Moment ideal (defacto renne Ich fast immer mit beidem rum). Ich mag an gescannten Negativen, das sie – zumindest bei meiner Ausrüstung *gg* – nicht so „unmenschlich“ scharf und perfekt sind. Gerade auch bei Schwarzweiß und Menschen. Ich mache bestimmt die Hälfte aller Bilder auf diese Art.

    • Thomas Brotzler says:

      Diese ‚analog-digitale Hybridtechnik‘ ist durchaus im Kommen, verbunden mit der Hoffnung, das Beste beider Welten zu vereinen. Rolf Walther im Mainz arbeitet viel damit …

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