Tutorial:
Das digitale Belichtungsdilemma (1)

‚Schöne neue Welt‘ durch digitale Sensortechnik und Belichtungsautomatik? Leider nicht ganz, wie dieses Tutorial aufzeigen möchte. Eine Bestandsaufnahme mit Lösungsansätzen, die ihren Charakter einer Glosse nicht ganz verbergen kann …

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung
2. Noch mehr Geschichtliches …
3. Zurück in die Gegenwart …
4. Einige Grundlagen zum vergleichenden Verständnis …
5. Wie die Kamera die Welt sieht …
6. Die Wiederherstellbarkeit der verschiedenen Tonwertbereiche
7. Generelle Empfehlungen zur Belichtungssteuerung
8. Praktische Durchführung der Belichtungssteuerung
9. Umgang mit dem ‚übersteigerten Kontrastumfang‘
10. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

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1. Einführung
Bild 1: 'You press the button ...' (Quelle: div.)„You press the button, we do the rest” (siehe Bild 1, Übersetzung: ‚Sie drücken den Auslöser, wir machen den Rest‘) – diesen bekannt gewordenen Werbespruch ersann George Eastman (siehe Bild 2), der Gründer von Kodak, bereits 1888.

Recht herzig liest sich auf der englischen Wikipedia-Seite dazu folgender Kommentar zu Eastmans Zerwürfnis mit einem beauftragten Werbetexter: „Displeased with the man’s inability to understand the simplicity of his picture taking machine, Eastman took over the writing and created the slogan” (Übersetzung: ‚Verärgert über die Unfähigkeit des Mannes, die Einfachheit seines Bildaufnahmeapparates zu erfassen, übernahm Eastman selbst das Schreiben und ersann den Slogan‘) …
Bild 2: George Eastman (Quelle: Wikipedia, B. C. Forbes Publishing Co.)Wenn wir uns heute allerdings das ‚Teil, welches mit dem Spruch beworben wurde‘ (es war die in Bild 3 als Aufriß gezeigte Kodak Nr. 1 ohne Sucher, dafür mit V-förmigen Peil-Linien in bewährter Wildwestmanier), einmal genauer ansehen, mögen wir uns in einer stillen Stunde vielleicht doch fragen, wer hier eigentlich Recht hatte …

Die Verheißung einer ’schönen neuen Fotowelt‘, welche auch dem Unerfahrenen die Möglichkeit vorgaukelt, ohne weitere Kenntnis oder Mühe wunderbar belichtete Bilder zu erschaffen, ist also keine Erfindung heutiger Tage. Doch selten hat die Werbung ihrer ironischen Zuschreibung als ‚legale Form von Irreführung und Betrug‘ größere Ehre gemacht wie mit diesem Spruch (siehe Bild 4).
Bild 3: Kodak Nr. 1 (Quelle: Wikipedia)Das Prinzip besteht jedenfalls weiter – heute vielleicht etwas subtiler, doch immer mit der Absicht, uns potentielle Käufer von der ‚unbedingten Anschaffungspflicht der jeweils neuesten, erstaunlich teuren Modelle zu überzeugen‘. Und es wirkt, wie die florierenden Umsätze der Kamerahersteller und ihre Fähigkeit belegen, im raschen Wechsel neue Modellreihen am Markt zu platzieren.

Das ‚Prinzip Hoffnung‘ erscheint hierbei als das entscheidende und wirksame Moment in uns selbst – daß wir Käufer also ‚derart unkorrigierbar in unserer unbedarften Vorstellung sein wollen‘, mit der teuren Anschaffung viele ansonsten nötige Lern- und Bemühungsschritte überspringen zu können. Als ’narzißtischen Machtzuwachs durch Internalisierung‘ läßt sich das aus Sicht der Psychologie bzw. meines psychoanalytischen Zweitberufs umschreiben, als ‚mehr Schein als Sein‘ aus Alltagssicht …
Bild 4: Kaufen!Und das Ergebnis? Es kann ja nur entsprechend sein … in Zeiten von ‚digitaler Bildinflation, Direktupload zu Facebook und bald vielleicht kamerabewehrter Kaffeemaschinen‘ scheint es mir bisweilen, wie wenn es noch nie so viele fehlbelichtete Aufnahmen wie heute gab. Vom Belichtungsaspekt soll in diesem Tutorial vorrangig die Rede sein, nicht etwa von der Zunahme stetig reproduzierter und dadurch längst austauschbar und belanglos gewordener Motivfindungen.

Mit diesem Tutorial möchte ich Euch einige Grundlagen zur typischen Charakteristik heutiger Bildsensoren vermitteln. Wie es die voranstehenden Zeilen wohl andeuten, sollten wir nicht nur blind den Automatikfunktionen vertrauen müssen. Je besser wir die Möglichkeiten und Grenzen unserer Kamera in die Lage kennen, desto eher werden wir eine dem Motiv und der Lichtsituation angepaßte, ein gutes Bildergebnis versprechende Aufnahmesteuerung durchführen können.

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2. Noch mehr Geschichtliches …

Geht es Euch auch so, daß Ihr Euch ‚im Angesicht heutiger Widrigkeiten gerne an die guten, alten Zeiten erinnert‘? Gemeint ist hier natürlich der Vergleich zwischen ‚heutiger Digital- und gestriger Analogfotografie‘ und insbesondere die Zielgruppe, welche noch solche Vergleichsmöglichkeiten hat …
Bild 5: W. Eugene Smith (Quelle: div.)Doch möchte ich auch ‚Gefahr der Idealisierung‘ entgegenwirken: Das ‚Gepansche in der Dunkelkammer‘ war ja auch nicht jedermanns Sache, zudem zeitraubend und geruchsintensiv, und es konnte bisweilen auch ‚ein wenig entgleiten‘ – dem guten W. Eugene Smith (siehe Bild 5) lief im Zuge seines wochenlangen und verbissenen Daueraufenthalts in der Dunkelkammer wohl mehr als eine Frau weg. Es bedurfte einer gewaltigen Menge an Expertise, Zeit und eben vielleicht auch Verbissenheit, um zu guten Ergebnissen zu kommen.

Bild 6: Bruce Barnbaum (Quelle: div.)Letztlich ist aber Fakt, daß sich der gute alte Negativfilm viel geduldiger gegenüber dem überbordenden Kontrastumfang der Ausgangsszene verhielt.

Bruce Barnbaum (siehe Bild 6) hat in seinem zeitgenössischen Lehrbuch ‚Die Kunst der Fotografie – Der Weg zum eigenen fotografischen Ausdruck‚ (sehr anschaulich und lesenswert, ich habe es in einer frühen, englischen Version) eindrucksvoll nachgewiesen, wie sich mittels subtiler Dunkelkammertechnik locker 15 Belichtungsstufen darstellen lassen.

Das ist doch recht bemerkenswert im Vergleich zum Dynamikumfangs heutiger Digitalkameras, der sich mit etwa sieben bis acht Belichtungsstufen bei Kompaktkameras bzw. neun bis zehn bei Spiegelreflexkameras beschreiben läßt.

Auf den Erfahrungen früherer Tage leitete sich die ‚Goldene Regel der Analogfotografie‘ ab: „Auf die Schatten belichten (Anmerkung: diese also korrekt darzustellen) und die Lichter ausarbeiten (Anmerkung: diese also zurückzuholen)“.

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3. Zurück in die Gegenwart …
Bild: 'Tue dies! Lasse jenes!'Und welche Empfehlung läßt sich für die heutige Digitalfotografie ableiten? Gilt die alte Empfehlung der Analogzeit noch heute? Oder sollten wir nach dem Gegenteil verfahren, also „Auf die Lichter belichten und die Schatten entwickeln“? Oder etwas ganz anderes (siehe Bild 7)?

Um es vorwegzunehmen: in den verschiedenen Foren kursieren alle möglichen Empfehlungen, und ich werde auf diese noch im Detail zurückkommen. Zunächst möchte ich aber gerne mit Euch die technischen Grundlagen rekapitulieren, die sich im Bereich der Analog- und Digitalfotografie markant unterscheiden.

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Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

3 Antworten
  1. Alexander Salomon says:

    Hallo Werner,

    ich bin erst vor einigen Jahren auf die Digitaltechnik umgeschwenkt und bin irgendwie auch noch ein „ewig gestriger“. Nicht, dass ich die Digitaltechnik nicht zu schätzen weiß. Aber analog hatte auch was.
    Ich bin gespannt, was noch kommt.
    Viele Grüße
    Alex

    Antworten

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