Leserfoto:
Ein Charakterporträt (2)

Mit der heutigen Arbeit wollen wir die Reihe ausgezeichneter Porträtaufnahmen unserer Leser fortsetzen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (2 Bilder)

 
Ausgangsbild

***

Unser Leser Marcus Leusch aus Mainz hat uns das obige Bild unter dem Titel „In Gedanken …” in der Kategorie ‚Portrait‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Eine meiner ersten Aufnahmen mit einer Digitalkamera (damals eine Nikon D70) – das liegt nun schon einige Jährchen zurück, gewissermaßen in meinen Anfangsgründen dieses fotografischen Mediums – und ich war sehr skeptisch, ob das für mich als Analog-Fotograf wirklich etwas sein könnte. Nun, ich versuchte mich zum Leidwesen meines Umfelds an einigen Portraits, zu denen dieser Schnappschuss gehört, den ich von meinem Sohn in einem eher spontanen Moment angefertigt habe, und der mir heute aus der Distanz als Portrait immer noch gefällt. Mich interessierte damals dieser abgewandte, fast in sich gekehrte Blick eines Jugendlichen auf der Suche nach sich selbst. Auch die Kleidung mit dem hochgeschlagenen Kragen hatte was sehr Spezifisches. In beidem lag für mich etwas Zeitgemäßes und gleichermaßen Zeitloses, das mich irgendwie betraf _ (_ Und natürlich habe ich erstmal gefragt, ob denn das auch o.k. geht, wenn ich das Bild rausschicke! Aber hier gab es wohl durch den zeitlichen Abstand keinerlei Bedenken) Aufnahmedaten: Nikon D70 mit Kit-Objektiv bei 18mm (= ca. 27mm Vollformat), Belichtungszeit 1/200, Blende 3.5, Entwicklung in Adobe Lightroom/Photoshop, Kontraste leicht angehoben, dezentes ‚Filmkorn‘ hinzugefügt. Die Aufnahme erfolgte unter natürlichen Lichtverhältnissen (Beleuchtung durch ein Fenster).”

Über Ausrüstung (hier ein ‚antiquarischer Artikel‚) und Aufnahmedaten hatte Marcus bereits berichtet, nur über die Sensorempfindlichkeit liegen keine Informationen vor.

***

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Wir sehen das ‚Brustporträt eines jungen Mannes als Halb- bis Dreiviertelprofil in Normalsicht‘ (zur Einteilung siehe ggf. mein Tutorial zur Porträtfotografie). Der Blick schweift nach rechts, in die Richtung der Lichtquelle, er ist etwas gesenkt.

Augen und Mund bilden das erste auf dem Kopf stehende Dreieck (rote Linien ebd.), Kragen und Ausschnitt mit der gedachten Verlängerung das zweite (gelbe Linien ebd.). Die solchermaßen hochdynamische Bildanlage wird durch die runderen Formen der Schultern und Mütze gekontert (blaue Linien ebd.)

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm hat seinen Median bei knapp 110 und zeigt sich zweigipflig. Trotz dieses hochkontrastigen, die dynamische Bildanlage unterstreichenden Eindrucks ist die Belichtung ausgewogen, nennenswerte Tonwertabbrüche liegen nicht vor.

Das Hemd liegt auf der Schattenseite in den Zonen 0 bis I (mit ersten Tonwertmodulationen also), in der lichtzugewandten Seite in den Zonen I bis II (mit ersten Detailstrukturen also). Der Hintergrund liegt in den dunkleren Partien in den Zonen VII bis VIII (weitgehende Durchzeichnung), auf der lichtzugewandten Seite in Zone IX (noch geringe Tonwertmodulation). Besonders reich und delikat im Sinne der plastischen Darstellung ist die Tonwertverteilung im Gesicht, hier liegen der Hals in den Zonen IV bis VIII, das Gesicht weiter aufgespreizt in den Zonen III bis IX.

***

Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Ich kann Marcus zu dieser kraft- und charaktervollen Porträtaufnahme nur gratulieren.

Der junge Mann ist mit kluger kompositorischer Anlage und ebensolcher Nutzung des weichen Streiflichts in bester Weise ins Licht gesetzt.

Hier gibt es aus meiner Sicht ’nichts zu schimpfen und zu verbessern‘ …

 

***

Bildteil:

Komposition

Tonwerte

***

Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


***

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


4 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    @ Timo

    Merci für so viel gleichermaßen „verzauberndes“ Lob. Ein Foto, das berührt, hat den Augenblick der Aufnahme schon gelohnt. 



    @ Thomas

    Ja, Herz & Hand sind vielleicht in der Intuition recht gut beieinander. Hinterher stehe ich manchmal selber ungläubig vor den Resultaten … und dann setzt vielleicht das Zweiflerische und Verkopfte einen Schlusspunkt, der nicht immer nötig zu sein scheint, weil die Inhalte durchaus auch ohne Kommentar verständlich sind – und der Kommentar wahrscheinlich lange vor der Aufnahme in mir herumgegeistert sein muss. Ein bisschen wie der Zen-Bogenschütze, der das Ziel schon getroffen hat, bevor der Pfeil abgeschossen wurde. 



    Der Sohnemann hat mittlerweile eine gewisse innere Distanz zu diesem Bild. Der hochgestellte Kragen, die Haare (auch unter der Mütze!), die Haltung insgesamt sind für ihn nicht bloß Äußerlichkeiten, sondern bringen eine gewisse Gestimmtheit zum Ausdruck, die zu einer Lebensphase passt, die er gerade beginnt hinter sich zu lassen. Er fand das Foto dennoch recht ansprechend, weil es ihn wohl so zu präsentieren scheint, wie er sich selbst einmal empfand, das hat er aber nie genau spezifiziert. Ein gewisser Narcissmus spielt da vielleicht auch eine Rolle, denn von Zeit zu Zeit posiert er geradezu vor der Kamera. Und der Ausdruck hat sich verändert: mehr Testosteron und körperbetonte Entschlossenheit, die das Verhaltenere und Leisere eher überspielen. Mit gefielen gerade letztere Nuancen, die für mich den Moment der Aufnahme dominieren. – Ein interessantes psychologisches Rätselspiel zwischen dem Fotografen und seinem Model, in dem er sich selbst auch finden und erfinden mag. …

    

Grüße zur Nacht
    Marcus


    Antworten
  2. Marcus Leusch says:

    Lieber Thomas,

    sehr herzlichen Dank für diese sehr aufmunternde Bildkritik. Entgegen meinen sonst doch eher „verkopften“ und teilweise auch zeitkritischen Streetfotos einmal eine scheinbar anspruchslose Aufnahme, die mir aber gerade wegen ihrer ungekünstelten einfachen Sprache immer noch gefällt. Weniger ist manchmal mehr! Zurzeit versuche ich mich wieder intensiver an solchen ruhigeren „Charakterstudien“, insofern kommt Deine Besprechung gerade zur rechten Zeit, auch wenn ich das Bild gar nicht mehr „auf dem Schirm“ hatte.
    Von der „antiquarischen“ D70 habe ich mich nach ersten digitalen Gehversuchen freilich längst getrennt, da man bei der Bildqualität doch zu viele Abstriche machen musste … und vielleicht sieht man ja hinter dem relativ schlichten Foto auch noch den Analogfotografen, dem Effekte nichts bedeuten, der Mensch vor der Kamera aber alles … 



    Herzliche Grüße
    Marcus

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Lieber Marcus,

      gewiß mag bei Deinen Streetofotografien vorneweg ‚viel Kopf ‚ im Sinne eines Standpunktes und eines Konzepts dabei sein, doch fehlte mir bei diesen bisher weder das ‚warme Herz‘ noch die ‚flinke Hand‘ – ’nur Kopf‘ wäre m. E. entschieden zu langsam für solch flüchtige Situationen …

      Mich treibt doch vielleicht noch ein wenig die Frage um, wie sich der Sohnemann im Bild wiedererkennt – nicht äußerlich, versteht sich, vielmehr in Hinblick auf die hier wirklich gelungene und (wie Timo es so berührt ausdrückt) ‚zauberhafte‘ Charakterisierung …

      Herzliche Grüße
      Thomas

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *