Leserfoto:
Visualisierung von Bewegung und Übergang

In der heutigen Bildbesprechung möchte ich Euch eine sehr interessante, experimentelle Arbeit vorstellen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (2 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Dirk Wenzel aus dem sachsen-anhaltinischen Mansfeld hat uns das obige Bild unter dem Titel „was ist schon Paris …” in der Kategorie ‚Street/Strasse‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „… wir treffen uns in Bielefeld … ein farblich gehaltenes Street …”

Über Ausrüstungsdetails und Aufnahmedaten liegen uns diesmal keine Informationen vor

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Dirk Wenzel: 'systemische Familienaufstellung'Dirks Erläuterung bezieht sich auf einige vorauslaufende Bilder aus Paris, wie etwa das die nebenstehende, im Januar 2014 besprochene Arbeit.

Auch Bielefeld (welches es gerüchteweise ja gar nicht geben soll) scheint seiner streetfotografischen Beachtung wert zu sein. Und wie wir weiter sehen, läßt Dirk die vor einiger Zeit geführte Diskussion um monochrome versus farbige Streetfotografie noch nicht los.

Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Auf eine interessante Weise unkonventionell empfängt das Bild den Betrachter.

Eine recht dunkel gehaltene Person mit einem extrem langen, durch das ganze Bild ziehenden Schatten fällt ins Auge. Sie trägt eine helle Tasche in der rechten, dem Betrachter abgewandten Seite, einiges Licht fällt auch auf die Schuhspitzen. Bereits weit im linken, oberen Bildeck platziert, strebt sie noch energisch nach links aus dem Bild. Ein weiterer, langer und dunkler Schatten empfängt sie dort (gelbe Linien ebd.), gleich wird sie ganz verschwunden sein.

Auf der gegenüberliegenden, rechten Bildseite sehen wir einen weiteren langen, nicht ganz so tiefen Schatten, der das Geschehen am linken Bildrand zu kontern scheint (nochmals gelbe Linien ebd.). Am unteren Bildrand erscheint als Symbol der Bewegung bzw. des Übergangs schließlich schemenhaft ein Zebrastreifen (grüne Linien ebd.).

Die Bildmitte bleibt demgegenüber vergleichsweise leer bzw. strukturarm.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich, der kontrastreichen High-Key-Anmutung des Bildes entsprechend, zweigipflig und rechtsschief bei einem Median von gut 160. Gleichwohl ist der Dynamikumfang der Szene gut eingefangen, Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich liegen nicht vor.

Farben (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Ein zartes, etwas gelbliches Rot überzieht das gesamte Bild, man denkt an eine Tonung.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Dirks Bild visualisiert Aspekte von Bewegung und Übergang auf spannende Weise. Die Arbeit beinhaltet in guter Mischung Geheimnisvolles und Erkennbares und läßt damit als experimenteller Ansatz manch konventionelle Bildschöpfung weit hinter sich.

Die interessante Diskussion zum Stellenwert der farbigen Streetfotografie scheint mir bei diesem Bild allerdings ‚weiter vertagt‘, denn der Farbauftrag mutet hier eher wie eine Gesamttonung an.

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Bildteil:

Komposition

Tonwerte

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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9 Antworten
  1. Erica di Motta says:

    Hallo Dirk, ich mag solche Bilder, mache auch solche und für dich hätte ich mir gewünscht, daß du 1 oder 2 Sekunden früher den Auslöser betätigt hättest, weil der Kopf sich dann nicht mit dem Scharz verschwindet.

    Mache weiter so!

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat von Marcus: „Mich persönlich stört da nur der Schatten in der linken oberen Ecke, der wirkt, als sei er nachträglich in das Bild hineinkapriziert worden.

      Zitat von Erica: „für dich hätte ich mir gewünscht, daß du 1 oder 2 Sekunden früher den Auslöser betätigt hättest, weil der Kopf sich dann nicht mit dem Scharz verschwindet.

      Scharz? Wie auch immer, ich habe den Sinn wohl verstanden …

      Ihr beide stört Euch (zulässigerweise) an diesem ‚Guillotine-Schatten‘. Doch muß ich Euch sagen, daß genau dies für mich (dramaturgisch) richtig ist und dem Bild erst seine Würze verleiht: ‚lange Schatten, lange Messer, Kopf ab‘, wunderbar kontrastierend mit diesem ‚friedlich einlullenden Sepiaton‘ ….

      Bitte versteht mich nicht falsch, es geht mir nicht um ‚Metaphern des Martialischen‘, nicht um die ‚Visualisierung von Thanatos‘. Und ich glaube beileibe nicht, daß wir Menschen uns jetzt auch noch in der Fotografie ‚Tarantino-mäßig‘ ausleben müssen …

      Es hat eher etwas mit ’suspense‘ zu tun, mit ‚Spannungsbögen in der Bildkonstruktion‘, worüber ich in einem der nächsten Tutorials (voraussichtlich im April oder Mai) gerne noch mehr berichten möchte …

    • Marcus Leusch says:

      Hallo Thomas,

      bei Tarantino bin ich vollkommen bei Dir. Mich störte nicht der Schatten als solcher, der gehört als Kontrapunkt zur Komposition wie das Salz in die Suppe. Ich war beim ersten Betrachten lediglich irritiert, ob er auch wirklich „echt“ ist, oder nachträglich hinzugefügt wurde. … Ansonsten bin ich weiterhin der Auffassung meiner ersten Reaktion: es ist und bleibt ein Foto, das mich ergreift. … 


  2. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin vom …

    Krabbenkutter an der Seehundbank …

    Lieber Thomas, lieber Marcus …

    DANK für die differenzierten Gedanken und Worte … denn „was ist schon Paris … “

    Zur Frage nach dem oben links … es ist der Schatten einer StraßenlaternenKugel … welche durch den Überhang auf die Straßenkante noch vom Sonnenlicht gestreift IHR DaSein sich zu zeigen von Nöten hielt … und bestimmt noch immer … denk …

    … nach vielen SW Bildern und Versuchen mit Licht zu gestalten…

    … ist der Versuch mit Farbe zu präsentieren …
    … ein kreatives Ergebnis …
    … auf die gestellte Frage nach Farbe in
    „StreetBildern“ …

    … welche vor längeren Tagen die Gedanken bunt gestalteten und so manche „Flut der Ebbe“ weichen durfte ohne wirkliches
    „Das ist es“ …

    … bleibt mir der Moment… in dem meine innere Melodie das fröhliche Farbenfroh … manch mal fühle ich es so …

    … mit den Wellen singt … lalala

    … die Sonne stand tief und der Straßenbelag zeigte sich in blassem Sonnenlicht … der Schatten ins bläuliche verschoben und die leichte Lichtkante auf den Kleidern wirken für mich etwas klarer in der Betrachtung als… die Graustufen in SW … nur für mich … da diese Zeichnungen dann doch in der Größe zum KleinSein weniger Auffälligkeiten beim Betrachten in SW und so … doch vermag meine Sicht geblendet durch den inneren Wunsch … zu zeigen was ich empfunden mit diesem wenigen an Farbenfroh manch mal fühle ich es so …

    Marcus Beobachtung zum Schrittwechsel neben dem Zebra hebe ich auch hervor und mir bleibt noch ein Gedanke zum Schatten an der linken Bildseite …

    … eine Bilddiskussion mit ähnlichem Schatten teilte die Meinungen nach dem Sinn einer solchen Fläche im Bild …

    … ein mir lieber Mensch und Lichtsammler beschrieb diese Fläche als eine IHM emotionale … als Anteil im Bild unverzichtbar …

    … ich kann mich noch heute diesen Gedanken anschließen und bedenkenlos den Anker werfen für das öffnen der Augen in emotionaler Sicht auf die Graustufen welche dem Lichtverlust eine andere Bedeutung geben können… wenn das Bild als ganzes empfunden und so …

    … SW ist dann sowas von OK …

    … Hier spielte der „Zufall“ der Schrittrichtung … jenes wieder zu empfinden… was mit Worten beschrieben und vertieft … und nun wohl in ständiger Erinnerung an die Gedanken des Lichtsammlers …

    … ein abschließender Gedanke für heute zum langen Schatten welcher mich zum Titel auch und so … mit ganz viel und Meer und so könnte es der Eifelturm welcher auch in Bielefeld welches verschwört und so … es könnte überall und auch nah an der Seehundbank… wenn da nicht das Zebra mit seinen Streifen vielleicht doch den Schwimmreifen umgelegt … aber das ist wieder eine andere Geschichte

    … verneig und Gruß vom Krabbenkutter und schließe nun mit Thomas Worten …

    es bleibt einfach … “ etwas Neues um die Farbe herum auszuprobieren“ …

    Antworten
  3. Marcus Leusch says:

    Lieber Thomas,

    
… d‘accord, Deine Liberalität ist die meine. Gegen Tonung ist gar nichts einzuwenden, wenn sie den Bildcharakter unterstreicht, ihm gar inhaltlich eine zusätzliche Note (Interpretationstiefe) verleiht. In diesem Sinne weiß ich Dirks Experiment sehr zu würdigen. Ja, ich verfolge solche Anregungen für meine eigenen Arbeiten durchaus mit Empathie (bezogen auf Color-Fotografie). In diesem Bildbeispiel erschien mir der Farbaspekt allerdings weniger eine zentrale Bedeutung für die Bildaussage zu haben. Das Foto beginnt für MICH vielmehr auf einer eher abstrakten ästhetischen Ebene (SW) zu „leuchten“, was es mir wiederum sehr wertvoll macht.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Vielleicht sollte ich einmal ein Tutorial über Tonungsmöglichkeiten in der digitalen Schwarzweißfotografie machen. Aber wie nenne ich das: „Das Bunte im Unbunten„?

  4. Marcus Leusch says:

    Bildauffassung und Anspruch (als farbiges Street) machen diese Aufnahme für mich zu den interessantesten und diskussionswürdigsten, die ich seit langem auf diesen Seiten gesehen habe. Mir persönlich gefällt dieser Versuch besser, als Dirks „Familienaufstellung“, die ohne deutlich verfremdende Bildbearbeitung ja kaum denkbar wäre. Hier ist nun wahrscheinlich etwas weniger an den „Reglern“ des Bearbeitungsprogramms „gedreht“ worden, zu Gunsten einer „realistischeren“ Darstellung, die mir persönlich eher zusagt, weil sie mir bedeutend klarer und auch plausibler (fotografischer) zu sein scheint. (Gemeinsam sind in beiden Fotos vielleicht die kreisenden Gedanken zwischen Bewegung, Zufall, Statik, Ordnung, Ziel!? – nur mal so dahergesponnen…)

    

Im Begriff der „Passage“ vereint diese Straßenszene für mich das Flüchtige (Passant) mit dem symbolisch Gebotenen (angedeuteter Zebrastreifen). Etwas um die Ecke gedacht, ist das Thema Normabweichung herauszulesen, denn der Fußgänger läuft zügig jenseits des hier Vorgegebenen sozusagen an der Straßenverkehrsordnung vorbei – wie so oft im richtigen Leben und weil Menschen sich gottlob nicht bloß regelkonform verhalten. Das lob ich mir, auch wegen der Ästhetik, scheint dies doch zur ungewöhnlichen Komposition zu passen, die hier von Thomas ja schon sehr treffend beschrieben wurde. Mich persönlich stört da nur der Schatten in der linken oberen Ecke, der wirkt, als sei er nachträglich in das Bild hineinkapriziert worden. Aber das mag auch eine Folge der Bearbeitungstechnik sein, über die Dirk vielleicht noch etwas Preis geben mag.

    

„ein farblich gehaltenes Street“: mir geht es da wie Thomas. Die Aufnahme ist eben nur „farblich gehalten“! Warum aber nicht gleich in SW, das hätte der Bildaussage und Wirkung keinen Abbruch getan? 



    Beste Grüße mit einem Dank an Dirk 
für diese abermals gelungene Bildanregung und an Thoma’s „Auge“ für das Ungewöhnliche. …

    Marcus

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Danke für Deinen sehr differenzierten Beitrag, lieber Marcus. Ich greife jetzt nur mal den Tonungsaspekt (in der Schwarzweißfotografie) heraus – ein spannendes, aber auch kontrovers diskutiertes Thema!

      Die Pragmatiker sagen, daß dadurch die Bildwirkung noch um eine weitere Dimension vertieft werden kann. Für die Puristen (zu denen ich mich selbst eigentlich zähle) ist es hingegen heikel, da die Tonung nicht das herausreißen kann, was das Bild in seiner Grundanlage nicht bringt.

      Der Anspruch an die eigene Arbeit muß aber nicht bedeuten, daß man nicht andere Wege anderer Fotografen (wie hier) tolerieren kann. Ich denke sogar, daß es Dirk konzeptionell wichtig ist, mit dieser Bildserie ‚etwas Neues um die Farbe herum auszuprobieren‘ …

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