Tutorial:
Das digitale Belichtungsdilemma (3)

‚Schöne neue Welt‘ durch digitale Sensortechnik und Belichtungsautomatik? Leider nicht ganz, wie dieses Tutorial aufzeigen möchte. Eine Bestandsaufnahme mit Lösungsansätzen, die ihren Charakter einer Glosse nicht ganz verbergen kann …

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung
2. Noch mehr Geschichtliches …
3. Zurück in die Gegenwart …
4. Einige Grundlagen zum vergleichenden Verständnis …
5. Wie die Kamera die Welt sieht …
6. Die Wiederherstellbarkeit der verschiedenen Tonwertbereiche
7. Generelle Empfehlungen zur Belichtungssteuerung
8. Praktische Durchführung der Belichtungssteuerung
9. Umgang mit dem ‚übersteigerten Kontrastumfang‘
10. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

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6. Die Wiederherstellbarkeit der verschiedenen Tonwertbereiche

Wenden wir uns nach dieser Darstellung der kamerainternen Meisterung der Aufnahme nun der Frage zu, inwieweit wir einzelne Bereiche nachfolgend (mittels der digitalen Bildbearbeitung, hier die Möglichkeiten der RAW-Konvertierung und der verschiedenen Grafikprogramme zusammenfassend) noch ausgleichen bzw. wiederherstellen können.

Eingangs sei angemerkt, daß das bei der Aufnahme und zur Bearbeitung gewählte Bildformat eine erhebliche Rolle bei den nachfolgenden Bearbeitungsmöglichkeiten spielt – die besten Aussichten bietet eine Aufnahme im RAW-Format und eine Ausarbeitung im 16-Bit-TIF-Format, während die Aufnahme im (platzsparenden) 8-Bit-JPG-Format bereits eine kamerainterne Bearbeitung (insbesondere Kompression und Schärfung) beinhaltet; ein solches Bild ist quasi ’schon in der Kamera fertig‘ und für eine artefaktfreie Nachbearbeitung verloren.

Für die nachfolgende Erörterung habe ich die üblichen elf Zonen (also jene ‚abgestuften Gruppierungen von Tonwerten‘, die effektiv einen Umfang von zehn Belichtungs- bzw. Blendenstufen umfassen) aus didaktischen Gründen in fünf Bereiche unterteilt.

Im Einzelnen sind die Zonen 0 bis I zum Bereich ‚Geschlossene Schatten‘, die Zonen II bis III zu ‚Offene Schatten‘, die Zonen IV bis VI zu ‚Mitten‘, die Zonen VII bis VIII zu ‚Gedämpfte Lichter‘ und die Zonen IX bis X schließlich zu ‚Helle Lichter‘ zusammengefaßt.
Bild 18: Bearbeitungs- und Wiederherstellungsmöglichkeiten verschiedener TonwertbereicheVon entscheidender Bedeutung für die resultierende Bildqualität ist nun die ‚Bearbeitungscharakteristik der einzelnen Tonwertbereiche‘, und deren visuelle Darstellung in Bild 18 mag überraschen.

Die Bereiche ‚Mitten‘ und ‚Gedämpfte Lichter‘ bieten sehr gute Voraussetzungen für eine artefaktfreie Bearbeitung. Wir sind hier (mit gewisser Einschränkung für die Zone VIII, aber dies soll uns hier nicht weiter beschäftigen) im Bereich der vollen Detailzeichnung und Tonwertmodulation, so daß die nötig erscheinenden Anpassungen von Helligkeit und Kontrast unproblematisch erfolgen können.

Gute Voraussetzungen für eine artefaktfreie Bearbeitung bietet auch der Bereich ‚Offene Schatten‘. Hier können bei Erfordernis Schatten noch weiter geöffnet (also aufgehellt) werden. Die Einschränkung gegenüber den vorgenannten Bereichen der ‚Mitten‘ und ‚Gedämpften Lichter‘ besteht darin, daß wir hier in einem ‚etwas signalarmen Bereich‘ arbeiten. Wenn wir hier also im Sinne einer Aufhellung *’Informationen hinzugeben‘, verstärken wir unweigerlich auch das Bildrauschen. Dieses ist in der Regel beherrschbar, etwa durch lokale Entrauschung oder Weichzeichnung, wenn keine bildwichtigen Strukturen dort geborgen sind.

In Fortführung dieser Überlegungen bietet der Bereich ‚Geschlossene Schatten‘ bereits eingeschränkte Bearbeitungsmöglichkeit. Sofern wir hier die Schatten öffnen (bzw. aufhellen) wollen, geraten wir angesichts der betonten Signalarmut in diesem Bereich rasch in Artefaktbereiche (Bildrauschen). Hinzu kommt, daß in Zone 0 keine Detailinformationen mehr vorhanden sind (reines Schwarz) – wo im Ausgangsbild nichts ist, kann die Bildbearbeitung auch nichts dazuerfinden …

Auf der anderen Seite wartet noch der Bereich der ‚Hellen Lichter‘. Auch hier liegen wenig bis keine Detailinformationen mehr, die allerdings nicht auf Signalarmut wie im Schattenbereich, sondern vielmehr auf Signalübersteuerung bei der Aufnahme (Überblendung) beruhen. Diese Bereiche sind für die Bearbeitung weitgehend verloren.

Ich möchte Euch bitten, diesen ‚Absturz der Bearbeitungsmöglichkeiten‘ zwischen dem Bereich der ‚Gedämpften Lichter‘ und der ‚Hellen Lichter‘ im Hinterkopf zu behalten. Diese Charakteristik spielt eine entscheidende Rolle bei der Ableitung geeigneter Empfehlungen zur Belichtungssteuerung, wie wir sie nachfolgend anstellen wollen.

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7. Generelle Empfehlungen zur Belichtungssteuerung

Laßt uns nun die gängigen Empfehlungen im Lichte unserer bisherigen Betrachtung überprüfen.

  • „Auf die Schatten belichten und die Lichter ausarbeiten”

Dieses bewährte Motto der Analogfotografie, welches faktisch ein ‚extremes Belichten nach rechts‘ darstellt und ein deutlich rechtsschiefes (helles) Histogramm hervorbringt, kann für die Digitalfotografie nicht fortgeschrieben werden.

Zwar vermeiden wir mit einer korrekten Belichtung der Schattenpartien die typische Artefaktbildung nach Aufhellung der Schatten, mithin also die massive Verstärkung des Bildrauschens. Aber auf der anderen Seite des Histogramm ‚haben wir restlos verloren‘ – ein solches Bild weist weitläufige, unschöne Bereichen eines zeichnungs- und modulationslosen Weiß‘ auf, die wir (wie oben ausgeführt) mit digitalen Mitteln eben nicht mehr zurückholen können.

  • „Auf die Lichter belichten und die Schatten ausarbeiten”

Dies ist quasi die Umkehrung der Empfehlung zur Analogfotografie, ein ‚extremes Belichten nach links‘, welches letztlich ein deutlich linksschiefes (düsteres) Histogramm hervorbringt. Von Vorteil ist, daß die Lichterbereiche korrekt (also mit Detailzeichnung und Tonwertmodulation) dargestellt sind und entsprechend nicht, sofern überhaupt möglich, artefaktverdächtig nachbearbeitet werden müssen.

Dafür warten an anderer Stelle aber ‚Herkulesaufgaben‘ auf uns – die Schatten müssen, sofern nicht Tonwertabbrüche bzw. Signallosigkeit dieses Unterfangen von vornherein torpedieren, massiv geöffnet bzw. aufgehellt werden. Aufgrund der relativen Signalarmut in diesem Bereich fällt dann allerdings der ‚Fluch der Digitalfotografie‘ im Sinne einer extremen Verstärkung des Bildrauschens mit aller Macht auf uns zurück.

  • „So weit wie möglich ’nach rechts‘ belichten, dabei aber besonders auf die Lichterzeichnung achten”

Dies wäre die Quintessenz dessen, was nach der bisherigen Analyse der Sensor- und Bearbeitungscharakteristik in diesem Tutorial zu empfehlen wäre. Diese Empfehlung berücksichtigt, daß …

  1. sich die Bereiche ‚Mitten‘ und ‚Gedämpfte Lichter‘ am besten (mit der geringsten Artefaktbildung also) bearbeiten lassen,
  2. die Öffnung bzw. Tonwertanhebung im Bereich ‚Offene Schatten‘ mit leichter, diejenige im Bereich ‚Geschlossene Schatten‘ mit erheblicher Verstärkung des Bildrauschens einhergeht,
  3. der aus Sicht möglicher Wiederherstellung von Detailstrukturen hochproblematische Bereich der ‚Hellen Lichter‘ so weit wie möglich unangetastet bleibt.

Zwei Aspekte blieben nun noch zu besprechen – die praktische Durchführung der Belichtungssteuerung und der Umgang mit dem übersteigerten Kontrastumfang einer Ausgangsszene.

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Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

2 Antworten
  1. Kim Jonas Meier says:

    Ich bin mir bewusst, dass nicht alle HDR-Fotografien mögen (ich gehöre auch dazu, vor allem, wenn es unnatürlich und kitschig wird), jedoch bin ich der Meinung, dass sich auch mit dieser Methode die Problematik der verschiedenen Belichtungen in einem Bild gut lösen lässt.

    Meine Frage:
    Wir das in diese Tutorial auch erwähnt, oder gibt es bereits ein anderes Tutorial das auf dies hinweist?

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Das kommt in Punkt 9 (Umgang mit dem ‘übersteigerten Kontrastumfang’) …

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