Leserfoto:
Vom Anspruch der Architekturfotografie

Einige Aspekte grundsätzlicher und fortgeschrittener Gestaltung möchte ich anhand der heutigen Bildbesprechung abhandeln.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (1 Bild)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Hans-Jürgen Sommer aus Ludwigshafen hat uns das obige Bild unter dem Titel „Tour Eiffel” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hier eine Fotografie vom Eiffelturm, gemacht vom Place de Trokadero. Wie ich finde ein recht ungewöhnliches Bild vom Eiffelturm. Um das Bild noch ungewöhnlicher erscheinen zu lassen, habe ich noch einen Colorkey eingefügt. Die Figuren sind wirklich vergoldet … Gruß Hans-Jürgen Sommer … Exif: ISO 1000, 40mm, f/8,0, 1/640s, Nikon D700, Nikkor 28-300 VR”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Hans-Jürgen bereits berichtet. Bei der hier verwendeten Vollformatkamera entsprach die faktische Brennweite von 40 mm der kleinbildäquivalenten.

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Mit ‚Place de Trokadero‘ meinte Hans-Jürgen vermutlich den ‚Place du Trocadéro (et du 11 Novembre)‘. Dann sprach er noch über seine ‚Suche nach dem Ungewöhnlichen‘ in Blickwarte und Darstellung.

Doch betrachten wir zunächst die grundsätzlichen Problembereiche (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild mit entsprechender Numerierung).

  1. Ausrichtung: Das Bild ist knapp ein Grad gegen den Uhrzeigersinn verkippt. Dies wäre in der Ausarbeitung, besser noch in der Aufnahmesituation zu korrigieren gewesen.
  2. Struktur: Jener durchaus prominente und daher als Blickeinstieg taugende Sockel rechts unten fällt in leichte Unschärfe, was sich im Vergleich zu der sonst guten Durchzeichnung des Bildes störend auswirkt. Die gewählte Blende 8 wirkt insofern zu offen, und eine Blende 11 bis 14 mit einer vorsichtigen Fokuskontrolle bzw. -korrektur im Live-View-Modus wäre hier zielführend gewesen.
  3. Komposition: Der Eiffelturm wirkt im Bild etwas unglücklich platziert – links (aus unserer Blickwarte) findet sich Weitläufigkeit, rechts unten Beengung im Sinne der verdeckenden Statuen, und von rechts oben drücken die Säulen und stehlen ihm die Schau. In meiner Visualisierung der Szene wäre ich einige Schritte nach links gegangen und hätte die Kamera etwas nach rechts gedreht, um den Eiffelturm etwa ins Drittel von links zu setzen und so besser freizustellen.
  4. Artefakte: Insbesondere der Himmelsbereich wirkt sehr verrauscht, gar ’schartig‘. Ich kann von hier aus nicht entscheiden, ob dies Folge einer übertriebenen Bearbeitung (Nachbelichtung) in diesem Bereich oder einer zu hoch gewählten Sensorempfindlichkeit (die Reserven bei der Belichtungszeit hätten ein deutlich niedrigeres ISO erlaubt) ist.
  5. Randbereiche: Sowohl das Kapitell der hinteren Säule wie auch der Faltenwurf im Mantel der vorderen Statue wirken unglücklich angeschnitten. Hier wäre mehr Eindeutigkeit wünschenswert gewesen.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Wenngleich die gute Durchzeichnung des Bildes (mit Ausnahme der nicht unwichtigen vorderen Partie) und dessen ausgewogene Belichtung zu loben sind, so konnte ich obenstehend mit Kritik doch nicht sparen.

Hier wurden aus meiner Sicht (und hierin möchte ich die Belange einer anspruchsvollen Architekturfotografie vertreten) leider einige fundamentale Dinge nachlässig behandelt.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß Hans-Jürgen es in dieser Situation ‚furchtbar eilig‘ hatte (warum eigentlich?). Vielleicht kann er in der Diskussion noch ergänzen, ob er mit Stativ arbeitete und wieviel Zeit er sich vom ersten Augenschein des Szene über die Erarbeitung des Ausschnitts bis zur Steuerung der Aufnahme nahm.

Die Diskussion um Zulässigkeit bzw. Zweckmäßigkeit des recht in Mode gekommenen und auch hier verwendeten ‚Color-Key-Effekts‘ erscheint insofern müßig, als ein Hausbau ja auch nicht im Dachstuhl begonnen und im Fundament abgeschlossen wird …

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Bildteil:

Problembereiche

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort
  1. Hans-Jürgen Sommer says:

    Hallo,
    erwischt! Ich hatte es wirklich etwas eilig…
    Das Bild ist innerhalb von ein paar Sekunden entstanden, mehr nicht…
    Aber vielen Dank für die ausführliche Bildbesprechung…
    Wir fahren demnächst wieder nach Paris. Ich hoffe, ich kann die Situation diesmal besser einfangen (Andere ISO-Einstellung, vielleicht Stativ, andere Blende)
    Auch will ich mir auf jeden Fall mehr Zeit lassen.
    Gruß Hans-Jürgen Sommer

    Antworten

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