Tutorial:
Das digitale Belichtungsdilemma (4)

‚Schöne neue Welt‘ durch digitale Sensortechnik und Belichtungsautomatik? Leider nicht ganz, wie dieses Tutorial aufzeigen möchte. Eine Bestandsaufnahme mit Lösungsansätzen, die ihren Charakter einer Glosse nicht ganz verbergen kann …

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung
2. Noch mehr Geschichtliches …
3. Zurück in die Gegenwart …
4. Einige Grundlagen zum vergleichenden Verständnis …
5. Wie die Kamera die Welt sieht …
6. Die Wiederherstellbarkeit der verschiedenen Tonwertbereiche
7. Generelle Empfehlungen zur Belichtungssteuerung
8. Praktische Durchführung der Belichtungssteuerung
9. Umgang mit dem ‚übersteigerten Kontrastumfang‘
10. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

***

8. Praktische Durchführung der Belichtungssteuerung

Was ich zu diesem Aspekt zu empfehlen habe, ist mit dem heute weitverbreiteten ‚point and shoot‘ (jener ’schnellen Aufnahme im Vorübergehen also) kaum vereinbar. Es ist eher eine Rückkehr zur gemächlichen Arbeitsweise anspruchsvoller Analogfotografen, nur eben mit digitaler Ausrüstung …

Die entscheidenden Hilfsmittel sind dabei …

  1. ein stabiles Stativ,
  2. ein verfügbarer Live-View-Modus mit Histogrammanzeige,
  3. viel Zeit bzw. Geduld.

Das Stativ benötigen wir, um die gewünschte Szene zunächst stabil einzustellen, um ‚den Kopf und die Hände frei zu haben‘ für die nächsten Schritte. Der verfügbare Live-View-Modus mit Histogrammanzeige hilft uns dabei, den Dynamikumfang und die Idealbelichtung festzulegen. Und die erforderliche Zeit und Geduld reduziert zwar die Anzahl der letztlich nach Hause gebrachten Bilder deutlich, birgt aber darüber hinaus den unschätzbaren Vorteil, daß wir mit Muße unsere Überlegungen und Empfindungen zum Motiv entfalten können und so Chancen auf bessere Bilder haben.

Wenn nun die Szene nach unserer Vorstellung und mittels stativverankerter Kamera eingestellt ist, gilt es zunächst, mit dem Auswahlrechteck das Motivzentrum anzusteuern und ggf. unter Zuhilfenahme der Zoomfunktion scharfzustellen. In der 100%-Darstellung sind dann weitere Überlegungen zur gewünschten Schärfentiefe (siehe ggf. einschlägiges Tutorial) und zur geeigneten Aufnahmeblende anzustellen. Zu beachten ist hierbei, daß die Arbeitsblende im Live-View-Modus immer die maximale Offenblende des verwendeten Objektivs ist, um möglichst viel Licht auf die Monitoranzeige zu lenken. Mit der Abblendtaste simulieren wir dann die Wirkung der Arbeitsblende und korrigieren dann den Blendenwert nach Erfordernis nochmals.

Nach diesen Vorarbeiten blenden wir (immer noch im Live-View-Modus) die Histogrammanzeige ein. Das Auswahlrechteck steht nach der vorherigen Prozedur noch auf dem Schärfefokus, und das Histogramm zeigt nun die sich dabei ergebende Verteilung der Tonwerte. Ich möchte dazu noch anmerken, daß die für den ‚Normalbetrieb‘ (ohne Live-View-Modus) gewählte Art der Belichtungsmessung (Mehrfeld, Mittenbetont integral, Selektiv, …) hierbei keine Rolle spielt. Es wird stattdessen immer nur der Bereich des Auswahlrechtecks ausgemessen, und so fungiert die Kamera durch ein Verschieben desselben quasi als manueller Belichtungsmesser.

Diese Möglichkeit nutzen wir, indem wir das Auswahlrechteck zunächst an die dunkelste Stelle der Bildvorschau verschieben. Indem wir nun den Auslöser antippen bzw. halb durchdrücken, bekommen wir hierfür eine erste Belichtungsmessung. Die für diese Stelle und für die gewählte Aufnahmeblende benötigte Belichtungszeit wird angezeigt (die nötige Zeit wird dabei von der Kamera übrigens zur Erzielung eines ‚gemittelten Neutralgraus‘ von 18% Reflektion kalkuliert). Wir prägen uns diese Zeit ein und wiederholen die Prozedur an der hellsten Stelle der Bildvorschau.

Mit diesen beiden Belichtungswerten an der dunkelsten und hellsten Stelle läßt sich nun überschlägig der Szenenkontrast errechnen. Hätten wir zum Beispiel für die dunkelste Stelle eine erforderliche Belichtungszeit von 0,6 Sekunde und für die hellste Stelle eine solche von 1/400 Sekunde ausgemessen, betrüge der Szenenkontrast acht Belichtungs- bzw. Blendenstufen – eine Verdoppelung des Wertes (im Beispiel 0,6 – 0.3 – 1/6 – 1/13 – 1/25 – 1/50 – 1/100 – 1/200 – 1/400 Sekunde) stellt jeweils eine Stufe dar.

Damit hätten wir eine wichtige Information gewonnen, daß nämlich der vorhandenen Szenenkontrast vom Dynamikumfang unserer Kamera grundsätzlich erfaßt werden kann, daß wir also beste Chancen auf eine Aufnahme haben, deren Strukturen größtenteils Detailzeichnung (Zonen III bis VII) bzw. zumindest Tonwertmodulation (Zonen I bis II und VIII bis IX) aufweisen – zum Umgang mit dem ‚übersteigerten Szenenkontrast siehe nächster Abschnitt.

Wenn wir nun (immer noch im Live-View-Modus) das Auswahlrechteck über verschieden helle Bereiche des Bild hinweg verschieben, fällt uns auf, daß sich damit auch die Verteilung der Tonwerte in der Histogrammanzeige ändert.
Bild 19: Rechtssteiles Histogramm mit normalem KontrastumfangZur Vorbereitung der Aufnahme empfiehlt es sich schließlich, einen Bereich mittlerer Helligkeit anzusteuern und die manuelle Belichtungsanpassung vorsichtig (mit Drittelblendenstufen) nach rechts zu verschieben, bis sich das Idealbild des (als Bild 14 schon einmal und hier als Bild 19 nochmals gezeigten) ‚rechtssteilen (lichterbetonten) Histogramms mit normalem Kontrastumfang‘ einstellt.

Sehr wichtig ist dabei, auf verräterische Zacken am rechten Histogrammrand zu achten (diese zeigen überbelichtete, zeichnungslose und damit für die Bildbearbeitung verlorene Bereiche an) und diese zu meiden.

Nun sind alle Voraussetzungen für eine gut belichtete Aufnahme gegeben. Diese dann letztlich ‚im Live-View-Modus mit Fernauslöser auf Stativ‘ durchzuführen, beugt den ‚Unbilden der Verwacklung durch Spiegelschlag und Wackelhand‘ vor.

***

Soweit in der heutigen Folge. Die letzte Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

4 Antworten
  1. Christian Fehse says:

    Das ist auch lustig: selbst das Dauerspannungsfeld zwischen den „Perfekten“ (zu denen ich Dich mal zählen möchte) und den „Unperfekten“ wie mich hat den Wandel überlebt. Aber Deine Intention und Dialektik ist schon völlig klar.*gg*
    Für mich persönlich finde ich es etwas schade, das ich nie so viel Zeit und Energie investieren konnte, um mal richtig dem Perfektionismus zu frönen. Mir wären dann viele unperfekte Bilder entgangen. Das wollte ich nicht riskieren.

    Antworten
  2. Christian Fehse says:

    Ich finde es total interessant, wie wenig sich mit digital verändert – das Wenige hat es aber in sich. Wir haben jetzt eine direkte Sicht aufs Bild (Live-View/EVF/Display) ein Histogramm und Sensor bzw. Bildbehandlung verhalten sich auch etwas anders als der Film und Vergrößerer. Das was Du da schreibst unterscheidet sich in nichts Wesentlichem von dem, wie ich früher mit der 6×6-Kamera und Belichtungsmesser durch die Gegend gelaufen bin – außer das moderne Kameras viel genauer arbeiten als ich jemals mein Sekonic-Teil bedienen konnte. Allerdings ist dieses Vorgehen nur für eine bestimmte Art der Bilder direkt so zu gebrauchen (z.B. für sowas: http://www.brotzler-fineart.de/bilder/magnetwechselrahmen.jpg). Für vieles mit Menschen – nicht nur Sport oder Aktion – finde ich die aktuellen Möglichkeiten der ganzen Automatiken (Mehrfeldmessung, i-TTL/E-TTL ISO Automatik) schon sehr schön. Sie befreien mich ein ganzen Stück von der Kamera da wo ich es brauche.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Es stimmt alles, was Du sagst … wiewohl der von mir außerordentlich geschätzte Michael Kenna das ‚Befreiungsargument‘ (wer mit der Technik kämpfen muß, kann das Motiv kaum ’spüren‘) eben in Richtung seiner eigenen Analogausrüstung verwendet und sinngemäß auch von der ‚Schönheit der Nichtperfektion‘ spricht.

      Aber Du verstehst meinen Ansatz sicher: mir geht es hier vornehmlich darum, die nachwachsende Generation von Digitalfotografen (die ja kaum mehr die Vergleichsmöglichkeit mit der Analogfotografie haben) davor zu bewahren, der marketinggerechten und kostenpflichtigen Illusion des ‚immer schöner, immer besser‘ vollends auf den Leim zu gehen.

      Die Ergebnisse sind mit der ‚digitalen Bildinflation‘ – das habe nicht ich, sondern ganz andere schon befunden – sind eben nicht ‚immer schöner, immer besser‘ geworden …

      Und trotzdem (das nennt man dann ‚Dialektik‘) bin auch ich mittlerweile mit meiner Schwarzweißfotografie im Digitalen angekommen – die damit verfügbaren Instrumente, allen voran die der Aufnahem nachgelagerte, graduelle und reversible Aussteuerbarkeit der Farbkanäle, möchte ich nicht mehr missen.

    • fherb says:

      Mich hat das auch beeindruckt, dass einerseits die Erfahrungen aus der Dunkelkammer immer noch hochaktuell sind, wir aber nicht mehr mit dem „Gegebenen“ eines Filmmaterials arbeiten sondern statt dessen mit dem „Gegebenen“ des Sensors.

      Der große Unterschied ist, dass es beim Film kein „unterstes Bit“ in der Auflösung gab. Es gab Korn, so wie es jetzt Rauschen gibt. Aber es blieb analog. Nach oben, mit zu viel Licht, das Gleiche: Es gab überbelichtete Bereiche, aus denen sich wenig Information abwedeln ließ. Aber es gab eben kein keinen Wert 0xFFFF als obersten, maximal darstellbaren Lichtwert. Es gab ein analoges, nichtlineares Verhalten bis zu dieser oberen Grenze.

      Aber wir haben auch einen kleinen Vorteil der Digitalisierung: Bis zu diesem Maximalwert von (bei 16 Bit) 0xFFFF haben wir immer noch 1 Bit Auflösung. Also genau genommen die meiste Detail-Zeichnung bezogen auf den Absolutwert. Das bedeutet theoretisch, wir verlieren keine Details, solange wir uns bis knapp unter diesen Maximalwert heran tasten. Im Gegenteil: Wir schaffen dabei mehr Detailtreue in den dunklen Bildbereichen, weil wir die untersten Bist ausnutzen.

      Das gilt aber nur für’s RAW. „Macht“ die Kamera für uns das JPG, müssen wir uns auf die Ingenieursleistung der Softwareentwickler verlassen, das bildgerecht in 8 Bit Auflösung zu konvertieren.

      Auflösungsmäßig haben wir den Analogfilm mit der Digitaltechnik bereits überholt. Bezüglich der digitalisierbaren Lichtwerte von um die 12 (Bit) sind wir aber nun auch schon recht gut. Ganz abgesehen von den sonstigen Vorzügen des digitaliersten Bildsignals.

      Bezüglich Auflösung im dunklen Bereich (unterster Tonwert):

      Auf ein Pixel bezogen sind wir auf ganz wenige Bits angewiesen. Aber es gibt auch einen Trick, der auch in der Drucktechnik verwendet wird: Da wir nie ein einzelnes Pixel für sich sehen, können wir aus benachbareten Pixeln eine feinere Auflösung als ein Bit aufnehmen. Durch optische Mischung. In der digitalen Dunkelkammer erreichen wir den Effekt z.B. durch Zufügen von minimalen digititalem Rauschen. Kleine Artefakte lösen sich dabei auf und wir nehmen einen Grauton wahr. Allerdings: Hilft uns das? Das Papierbild bei nicht optimalen Licht und der Bildschirm können den Tonwertumfang dann wieder nicht darstellen. Aber immerhin. Mit diesem Trick kann man beim Druck sicher 1…2 Bit Helligkeitsauflösungsstufen mehr heraus holen.

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