Leserfoto:
Musikalischer und bildlicher Rhythmus

In der heutigen Bildbesprechung präsentiere ich Euch die ‚rhythmische Visualisierung eines musikalischen Motivs‘.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (2 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Marcus Leusch aus Mainz hat uns das obige Bild unter dem Titel „Straßenmusik” in der Kategorie ‚Street/Strasse‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Mainz/Domplatz: Die Musik überm Pflasterstrand hatte für mich etwas Zerbrechliches. Diesmal also kein panisch herausgepfiffenes ‚El Condor Pasa‘ oder das hier in allen Stadtteilen sattsam bekannte Bläsertrio mit ‚Strangers in the Night‘ bei strahlendem Sonnenschein – Kein Hut für’s Münzgeld sichtbar und irgendwie alles sehr verhalten: fast gläsern wirkende klassische Etüden von einer Harfenspielerin, ein eher seltener Ohren- und Blickfang. Mich hingegen hatte die tänzelnde Luftakrobatik ihrer Hände besonders interessiert, und die filigranen Schatten der Saiten auf dem Rücken der linken Hand, die dort für mich ein optisches Verwirrspiel inszenierten. Aufnahmedaten: Leica M6, Summicron-C 40 mm 1:2, Blende 5.6, Belichtungszeit 1/125 auf Agfa APX 100”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Marcus bereits berichtet. Die abgelesene und die kleinbildäquivalente Brennweite sind bei der hier verwendeten Analogkamera natürlich identisch.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Die beiden Hände (rote Linien ebd.) und der Harfenkorpus (blaue Linien ebd.) dienen als Blickfang, sie bilden ein nach rechts versetztes, aufrechtes Dreieck (ohne Abbildung).

Bildspannung und Rhythmus entstehen durch die gegeneinander versetzten Harfensaiten (grüne Linien ebd.), deren Schatten auf dem Handrücken (türkise Linien ebd.) und den auf Hände und Harfe zulaufenden Pflasterfugen (gelbe Linien ebd.).

Die gekonterten Pflasterfugen (ohne Linien, um das Bild nicht zu überladen) fungieren als eine Art Wellenmuster, welches sich von der Harfe rechts unten nach links oben ausbreitet.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Zweigipflig präsentiert sich das Histogramm, bei einem Median von gut 130. Die dunklen Partien werden durch den Harfenkorpus und die Schattenbereiche der Hände, die lichten Partien von den Lichtbereichen der Hände und des Pflaster gebildet.

Raumstiftend wirkt der Gegensatz zwischen der höherkontrastigen Abbildung der Hände (Zone V bis VIII) und der niederkontrastigen Darstellung des Pflasterbereich (Zone VII).

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Man beachte das feine bzw. weiche Filmkorn, welches sich besonders gut in der der Pflasterstruktur des Hintergrundes abbildet.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Eine gute Streetfotografie muß nicht notgedrungen Überblick bieten. Gerade die stillebenartige Konzentration auf Details, also die Ausblendung der Umgebung, kann viele interessante Einblicke und Anregungen bieten, zudem meidet sie manche Fallstricke des ‚Rechts am eigenen Bild‘ …

Hier sehen wir also eine nach meinem Dafürhalten sehr interessante Detailaufnahme, die ihren Reiz durch die Gegenläufigkeit der verschiedenen Linien (Harfensaiten und deren Schatten, Pflasterfugen in zwei Richtungen) und der wohlgesetzten Kontrastunterschiede erhält.

Eine Art Rhythmus bildet sich so ab, der das musikalische Motiv ansehnlich visualisiert. Die Behauptung scheint mir nicht gewagt, daß solche Bilder geeignet sind, die Musik im Betrachter erklingen zu lassen.

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Bildteil:

Komposition

Tonwerte

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


3 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Hallo Thomas,
    1000 Dank für den „Rhythmus“, den Deine Besprechung so prägnant in den Mittelpunkt rückt und damit meine eigenen Gedanken zum Foto trifft. Ein Street-Foto (fast) ohne Menschen! Mir scheint Deine Bemerkung zur „Konzentration auf Details“ bemerkenswert: Straße als sozialer Raum ist eben mehr als zwischenmenschliche „Begegnung“. Es ist nicht bloß das menschliche Detail, eine Geste, eine Bewegung etc, sondern vielleicht die weggeworfene Zeitung von gestern, ein vor sich hin welkendes Werbeplakat oder verblassende Schriftzeichen an einer Hauswand, die uns ihre Geschichten erzählen und damit ebenso in diesen Kontext hineingehören. …

    Ein „Median von gut 130“ – ist das jetzt gut oder schlecht? Ich habe mich bei Kurvendiskussionen schon in der Schule nie besonders hervor getan.

    Beste Grüße
    Marcus

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Ein ‚Median von gut 130‘ – ist das jetzt gut oder schlecht?

      Gute Frage. Es gibt Stimmen, die das als ausgewogen bezeichnen würden. Ansonsten wär‘ das doch mal ’ne neue Aufgabe für Douglas Adams Maschinerie

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  1. […] und Diskussion eingereicht. Diese Bild hier trägt den schlichten Titel ´Straßenmusik´ und wurde hier im April 2014 besprochen (siehe dazu auch Abbildung […]

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