Tutorial:
Spannungsbögen in der Fotografie (1)

Ein fünfteiliges Grundlagentutorial über Bildkontraste – jene Gestaltungselemente also, aus denen sich ‚Alphabet und Worte der Bildwirksamkeit‘ zusammensetzen.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung
2. Kontraste der Farbe und Helligkeit
  Kontraste der Farbe und Helligkeit (Fortsetzung)
3. Kontraste der Form und Proportion
4. Kontraste der Masse und Quantität
5. Kontraste der Intensität und Qualität
6. Kontraste der Bewegung und Richtung
7. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

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1. Einführung

Es soll in diesem Tutorial vornehmlich um die verschiedenen Arten der Bildkontraste gehen, mit denen wir unsere Fotografien – sei es im Zuge der Motiverarbeitung vor bzw. der Ausarbeitung nach der eigentlichen Aufnahme – versehen und wirksam werden lassen können.

Wieso dann die Bezeichnung ´Spannungsbögen´? Zwei Hinweise dazu …

Zum einen beschränkt sich der Kontrastbegriff in der heutigen Bildbearbeitung allzu sehr auf die Verteilung der Ton- und Farbwerte. Die aus der Kunsttheorie bekannten – übergeordneten und ebenso bedeutsamen – Kontrastarten, wie etwa diejenigen der Form, der Masse, der Intensität oder der Bewegung geraten so aus dem Blickfeld.

Zum anderen ist der Spannungsbogen (wichtig hierbei auch der englische Begriff ´Suspense´, Hitchcock läßt grüßen!) als bedeutsamer Begriff in der Theater-, Film- und Literaturwissenschaft bekannt. Er umschreibt das der dramaturgischen Gestaltung innewohnende Moment, den Leser bzw. Betrachter in einen Zustand gespannter Erwartung, zugleich aber auch momentaner Unsicherheit hinsichtlich der weiteren Handlung bzw. des erhofften oder befürchteten Ausgangs zu versetzen. Die Geschichte läßt uns Leser bzw. Betrachter also nicht los bzw. fesselt uns dadurch, daß wir mitfiebern.
Abb. 1: Konflikt, Krise und KatharsisAbbildung 1 veranschaulicht diesen Zusammenhang. Statt der Konflikte (siehe rote Säulen) in der Theater-, Film- und Literaturwissenschaft fungieren in der Bildenden Kunst die verschiedenen Bildkontraste im Sinne des Spannungsaufbaus. Dieser steigert sich typischerweise nicht gleichmäßig, sondern wellenförmig (siehe blauer Pfeil), um dann zum Ende hin aufgelöst zu werden. In der Abbildung ist das Modell der krisenhaften Zuspitzung und der kathartischen Auflösung dargestellt (im Krimi wäre das die erfolgreiche Verhaftung des Täters nach zermürbender Verfolgungsjagd), oftmals findet sich zuletzt aber nur eine Teilauflösung (in jenen Büchern etwa, die uns am Ende den gedanklichen Faden selbst weiterspinnen lassen).

Dieses Konstrukt der darstellenden Kunst gründet insofern auf einer zeitlichen Dimension. Eine solche fehlt der Fotografie als Momentaufnahme zunächst, doch ist dies ´nur die halbe Geschichte´ – die Wirksamkeit eines Bildes hängt eben maßgeblich auch von der Art und Weise ab, wie der Blick des Betrachters durch das Bild geführt wird und welche Stationen er dabei durchschreitet.

Diese Blickführung erfordert wiederum Zeit – gewiß nur einen kurzen Augenblick gegenüber der erzählten Geschichte, aber doch so lang, daß sich dabei eine ´Abfolge und Erwartung des Sehens´ aufbaut; und eben diese sollte durch eine geschickte Staffelung der Spannungsbögen (bzw. der verschiedenen Arten der Bildkontraste) während des Bilddurchgangs aufrechterhalten und weitergeführt werden.

Ein weiteres kommt noch hinzu: wie im Tutorial ‚Blickwege bei der Bildbetrachtung‘ aufgezeigt, ist der Bilddurchgang kein einmaliges und lineares, sondern ein mehrfaches und komplexes Geschehen. Als Betrachter durchschreiten wir ein Bild in vielen Anläufen und auf viele Arten. Ein wohlgesetztes Muster an Spannungsbögen und Bildkontrasten (nicht zu viel und nicht zu wenig) kann diesen Prozeß nun angenehm und reichhaltig gestalten – und dies ist es, was uns Betrachter unterschwellig (also neben der manifesten Bildgeschichte und in gewisser Weise sogar noch vor dieser) fesselt.

Die verschiedenen Arten von Bildkontrasten (im übergeordneten Sinn) will ich nun in der Folge vorstellen und mit Schematisierungen bzw. Beispielbildern veranschaulichen.

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Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

4 Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Lieber Kai,

      das ist schon ein verführerischer Gedanke. Solche Ansätze, die düstere Atmosphäre des „film noir“ fotografisch nachzustellen, gibt es schon, wenngleich mir gerade spontan kein Name dazu einfällt (vielleicht später) …

      Andererseits hast Du mit Deinem Bild „DalbenTanz“ ja schon aufgezeigt, wie geschickt Du Dynamik bzw. Spannungsbögen in ein Bild einbauen kannst, so daß sich wenige Elemente zu einer vielschichtigen Komposition zusammenfinden.

      Um die dortige Diskussion hier noch ein wenig fortzusetzen: „Herz und Intuition“ sind wichtige, vielleicht entscheidende Komponenten des kreativen Prozesses. Wer solches nicht hat bzw. in der Fotografie einsetzen kann, wird meines Erachtens auf der Ebene der Abbildung und Dokumentation stehenbleiben.

      Mein Plädoyer geht in die Richtung, jene wichtigen Fähigkeiten etwas zu systematisieren bzw. eben auch „in Kopfnähe zu bringen“, damit man das Ganze auch bewußt einsetzen bzw. in den nächsten Bildern reproduzieren kann, damit sich „eine eigene Handschrift herausbildet“ und das einzelne Bild kein Zufallsergebnis bleibt. Dazu soll die hiesige „Deklination der Theorie“ in erster Linie dienen …

      Thomas

    • Kai Kinghorst says:

      Lieber Thomas,

      da sagst Du etwas Wahres. Herz, Intuition und auf das Unerwartete vorbereitet zu sein, sind wichtige Dinge beim Fotografieren. Der Fotograf hat gegenüber dem Maler oder Zeichner ja das Problem mit den Gegebenheiten eines Motives zurechtkommen zu müssen. Er muss also immer mit der Realität arbeiten. Daraus ergibt sich natürlich, dass der Betrachter ebenso von einem Foto die Abbildung der Realität erwartet.

      So einen Spannungsbogen zu entdecken und dann auch noch grafisch ansprechend ins Format zu bringen, ist nicht einfach und nur bedingt planbar. Zumindest draußen in der freien Motiv-Wildbahn. Das Motiv an sich ist ja auch abhängig von den vorgefundenen Bedingungen. Das Licht, das wiederum stark wetterabhängig ist, macht einen großen Teil der Stimmung aus oder ob sich bestimmte Objekte überhaupt betonen oder herausarbeiten lassen. Gleichermaßen erfordern unterschiedliche Lichtbedingungen Kenntnisse der handwerklichen Umsetzmöglichkeiten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das nur durch ausdauernde und beharrliche Arbeit erlernbar ist. Aber auch die Wirkungsweise einer Komposition will untersucht werden, damit man bei entsprechenden Situationen sattelfest ist und auf erlerntes zurückgreifen kann. Das findet bei mir aber auch intuitiv statt. Ich kann nicht behaupten, dass ich einen Bildaufbau mit all seinen Aspekten im Sucher während der Aufnahme beurteilen kann. Das kann ja auch nicht gehen, denn Akt des Komponierens findet in der Fotografie ja häufig in relativ kurzer Zeit statt. Ich berufe mich daher auf bekannte, funktionierende Muster. Andererseits ist es eine Herausforderung diese Muster zu interpretieren, zu dramatisieren, um eine neue Sichtweise oder einen eigenen Stil zu generieren.

      In letzter Zeit, beschäftige ich mich sehr viel mit der Gestaltungspsychologie und Symbolik. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine bestimmte Themensetzung, also wenn ich mir selbst eine Aufgabe stelle, größtes Potenzial hat, um diese Dinge zu ergründen. So einen Spannungsbogen kann man auch durch eine ausdauernde Serien-Arbeit erzeugen. Und da finde ich den Vergleich zum Aufbau einer spannenden Kriminalgeschichte absolut passend und vor allem motivierend. Fotografie ist für mich schon immer mit Forschung und Entdeckung verbunden. Und ich bin immer wieder erstaunt über die unendlich vielen Möglichkeiten und Wege.

      Ein Name, der mir sofort eingefallen ist, ist der Bremer Foto- und Filmkünstler Butow Maler. Aber ich bin überzeugt davon, dass ich mit diesem für mich neuen Gestaltungswissen, bei erneuten Betrachtungen vieler Bildern von erfahrenen Fotografen, diesen Gestaltungsaspekt entdecken werde. Insofern möchte ich mich für diesen Denkimpuls an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bedanken.

      Gruß Kai

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