Leserfoto:
Der Tanz der Elemente

Die Schönheit und Wirksamkeit einer schlichten Komposition mit wohlplatzierten Elementen möchte ich am heutigen Bildbeispiel aufzeigen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (2 Bilder)

 
Ausgangsbild

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Unser Leser Kai Kinghorst aus dem niedersächsischen Berne hat uns das obige Bild unter dem Titel „DalbenTanz” in der Kategorie ‚Landschaft‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Kamera: Panasonic Lumix DMC-G2 Objektiv: Olympus EZ-1442 Zuiko Digital 14-42mm f3,5-5,6 Brennweite: 21 mm / Formatfaktor 2 = @KB 42 mm Kameramodus: Zeitautomat / Blendenpriorität Belichtungskorrektur: -2/3 Blende: F11 Zeit: 5 Sek. ISO: 100 Graufilter ND 3,0 / 0,10 % / 1000x / -10 Stativ … Die Aufnahme entstand Mitte November kurz nach Sonnenaufgang an einem windigen und leicht bedeckten Morgen bei einem Fähranleger in Eckwarderhörne am Jadebusen. Mir vielen die schiefen Dalben auf, wie sie vom windgepeitschtem Wasser umspielt wurde. Sie schienen sich im Wasser zu wiegen und bildeten sich wie Figuren im Schattentheater vor der aufgehenden, vom leichten Wolkendunst verhüllten Sonne ab. Der scheinbare Tanz der Dalben ließ sich im Bild nur durch eine längere Belichtungszeit symbolisieren, daher setzte ich meinen Big Stopper vor das Objektiv und kam bei starkem Gegenlicht immerhin auf 5 Sekunden Belichtungsszeit. Allerdings musste ich die Blende dazu recht weit schließen. Aber aus meiner Erfahrung ist eine leichte Beugungsunschärfe für romantische oder melancholisch wirkende Landschaftsszenen, wie ich sie mag, durchaus akzeptabel. Bei der späteren Betrachtung ist mir noch bewusst geworden, dass die Horizontlinie mit den überlappenden Dalben-Linien im weitesten Sinne eine Zeile eines Notenblattes symbolisieren könne, was meinen ersten Eindruck der tanzenden Dalben durchaus zuträglich schien. Den recht hohen Dynamikumfang habe ich über einen RAW-Konverter optimiert und zusätzlich das Bild mit einem starken Orangeton eingefärbt. Auch wenn diese kräftige Sättigung gegen den derzeitigen Strom geht, so favorisiere ich die starken, frischen Farben, weil sie mein Herz erfreuen. Im Moment der Aufnahme waren mir diese Gedanken überhaupt nicht bewusst. Erst die nachträgliche Auseinandersetzung mit den gemachten Bildern und die Diskussion mit Foto-Freunden, die dabei waren, führten zu dieser Sichtweise der möglichen Symbolik. Mich würde nun Ihre Meinung, als unbeteiligte Fachjury, sehr am Herzen liegen. Für Ihre Bemühungen bedanke ich mich im voraus und verbleibe mit freundlichen Grüßen Kai Kinghorst”

Über Ausrüstung, Aufnahmedaten, desgleichen über seine Überlegungen zu Motivwahl und Ausarbeitung hat uns Kai ja schon sehr ausführlich berichtet.

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Als ‚Jury‘ verstehen wir uns in Hinblick auf die Bildbesprechungen eigentlich weniger, eher als ‚Bilderklärer‘ – denn bei einer Jurierung gibt es unweigerlich auch Verlierer, und als solcher soll sich im Rahmen dieser Bildbesprechungen keiner fühlen müssen. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Aufnahmesetup:

Blende f/11.0 ist absolut richtig für weite Landschaft. Kais Sorge, damit schon in den Bereich der Beugungsunschärfe zu geraten, erstaunte mich – zumindest am Vollformat bin ich da noch weit im grünen Bereich, allerdings fehlen mir Erfahrungen mit dem Zweifach-Crop.

Davon abzugrenzen ist natürlich die gewünschte und mittels Graufilter erzielte Bewegungsunschärfe des Wassers. im geringeren Umfang auch der Wolken. Die reguläre Belichtungszeit ohne Graufilter hätte in dieser Szene 1/200 Sekunde (5 Sekunden / 1000) betragen.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Wir sehen ein Seestück im Hochformat, wobei hier das ‚gemütliche 3:4-Maß‘ die Proportionen etwas harmonischer bzw. weniger gestreckt wie beim 2:3-Format erscheinen läßt.

Die Horizontlinie liegt exakt im Drittel von unten. Die Wasserpartie hat somit ‚genug Raum‘, um die Dalben (was ist eigentlich der Unterschied zu ‚Buhnen‘?) ‚gut verankert‘ und nicht an den Rand gedrängt wirken zu lassen, wie sich auch in deren angedeuteten Spiegelung zeigt; zugleich bleibt nach oben, in der Himmelspartie, ebenfalls ‚genug Raum‘, um den Blick des Betrachters zu heben und schweifen zu lassen.

Der eigentliche Blickfang und ‚Clou des Bildes‘ sind aber besagte Dalben – eine ganz große, die anderen überragende mit zwei lustigen Winkeln bzw. aufrechten Dreiecken obenauf (blaue Linien ebd.); dann zwei mittelgroße (rote Linien ebd.) und zwei kleine (gelbe Linien ebd.).

Was Kai als musikalisches bzw. tänzerisches Element dieser Komposition beschrieb, spiegelt sich tatsächlich in jenem kontrapunktischen Zusammenspiel dieser fünf Bildelemente wider – herausgegriffen seien die Einrahmung der kleinen durch die mittelgroßen Dalben und die Gegenüberstellung der vier kleineren bzw. mittelgroßen Elemente zum etwas entfernt positionierten großen. welche zudem durch gegenläufige Neigung noch verstärkt wird. Diese bildwichtigen Spannungsbögen habe ich mit weißen Linien herausgehoben.

Auch die Sonne ist kompositorisch eingebunden – sie ‚krönt‘ die linke Dalbe, wodurch diese (wie ihr Gegenstück rechts) das Bild zur Seite hin abschließt.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt bei einem Median von knapp 110 gut belegte Mitten, jedoch auch einige Tonwertabbrüche – auf der Schattenseite sind es die als Silhouetten gezeichneten Dalben, auf der Lichterseite hingegen ist die Sonne und – wie die Darstellung des Rotkanals aufzeigt – auch ein weitläufiger Bereich um diese herum und im Bereich der Spiegelung.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Die Gruppierung der Bildelemente – also der fünf Dalben und der ‚angeketteten‘ Sonne – mitsamt deren spannungsvollen Zusammenspiel gefällt mir ganz ausgezeichnet.

Auch die Abweichung vom ‚landschaftsüblichen‘ Querformat empfinde ich hier als probates Mittel, um der Szene nach oben hin Luft zu lassen und das Bild so großzügiger wirken zu lassen.

Ein wenig Kummer bereitet – wie so oft bei Gegenlichtaufnahmen – die Tonalität, insbesondere im Lichterbereich. Gleichwohl ist die ausgebrannte Sonne hier kompositorisch geschickt eingebunden, so daß diese Problematik meines Erachtens erträglich ist.

Auch die orange Tonung trägt ihren Teil zum insgesamt stimmigen Eindruck bei – bei einer reinen Schwarzweißkonvertierung fielen die ausgebrannten Problembereiche viel stärker ins Gewicht.

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Bildteil:

Komposition

Tonwerte: Gesamthistogramm und Ausschlag des Rotkanals

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Antworten
  1. Kai Kinghorst says:

    Hallo Thomas,

    vielen Dank für die Analyse. Sie bestärkt mich in meinem Gestaltungs-Bauchgefühl während der Aufnahme und hilft mir damit in allen Belangen sehr. Die von Dir beschriebenen Spannungsbögen waren mir überhaupt nicht bewusst. Was den Tonwerteumfang bei extremen Gegenlichtsituationen angeht, so habe ich mich hier bewusst für die Silhouettenartige Darstellung entschieden. Die grafische Komponente war mir wichtiger als strukturelle Details der Dalben. Daher auch die Unterbelichtung von -2/3 Lichtwert.

    Die Beugungsunschärfe ist im Four Third bzw. Micro Four Third -Format wesentlich „früher“ erreicht, als im Vollformat. Aus Erfahrung beginnt sie bei Weitwinkelbrennweiten ab Blende 8, wobei sie erst über Blende 16 richtig störend wirkt. Das sind aber meine subjektiven Eindrücke, die ich rechnerisch oder praktisch noch nie überprüft habe. Da ich eh mehr emotionell fotografiere, spielen für mich die technischen Qualitäten eine untergeordnete Rolle.

    Meine Wortwahl hinsichtlich „Fachjury“ war so gar nicht beabsichtigt. Das hast Du sehr schön erklärt und Ihr macht das hier wirklich außerordentlich gut. Nur weiter so!

    Dalben sind Pfähle zum Befestigen oder Abweisen von Schiffen oder dienen als Markierungen von Fahrrinnen. Während Buhnen (bei uns in der Wesermarsch nennt man sie Schlengen) als Uferbefestigung fungieren.

    Viele Grüße,
    Kai

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Herzlichen Dank zunächst für die freundliche Rückmeldung, lieber Kai …

      Deine Mitteilung über die eindrucksgemäß so unterschiedliche Beugungsunschärfe bei den unterschiedlichen Aufnahmeformaten ist interessant und erstaunlich zugleich. Irgendwo im ‚großen, weiten Internet‘ gibt es zu diesem Thema gewiß bündige Informationen dazu – man muß es nur finden; vielleicht hat auch einer unserer Leser eine Idee dazu.

      Ich selbst bin (wie meine Tutorialthemen vermutlich nahelegen) vergleichsweise wenig ‚gerätefixiert‘ – mit Kamera- und Objektivvergleichen kann ich nicht recht dienen; dazu gibt es viele andere, gute Seiten im Internet.

      Mein Hauptanliegen ist es stattdessen, die ‚gute alte Kompositionslehre‘ auch für die Digitalfotografie nutzbar zu machen. Das mag für manche gewiß ‚im Ansatz etwas kopfert oder das Bild zerredend‘ wirken, doch ist es letztlich als ‚Hilfsmittel für eine emotionale bzw. subjektive Fotografie‘ gedacht.

      Eine solche liegt auch mir sehr am Herzen, und ich will (nach den schon vorliegenden Grundlagentutorials zu Komposition und Bildbearbeitung) künftig noch mehr auf Themen der ‚Entschleunigung und Kontemplation in der Fotografie‘ eingehen.

      Als Vorgeschmack darauf darf ich auf meine Vorstellung des Fotografen Torsten Andreas Hoffmann und dessen Buch ‚Fotografie als Meditation‘ (hier veröffentlicht im Juni 2013, nachgedruckt im ‚Fotoespresso‘ 2/2014) hiinweisen.

      Thomas

  2. Lurenz says:

    Hier auf Dropbox: http://tiny.cc/4r3rex

    SW-Konvertierung mit Lightroom.
    Beim zweiten Bild habe ich den ‚Lichter‘-Regler auf +20 gesetzt.
    Dadurch tritt das Strahlen der Sonne zwar mehr hervor, doch der Übergang zwischen Sonne (ohne Zeichnung) und Umgebung (mit Zeichnung) scheint mir weicher.

    Ich möchte betonen, dass das keine ‚Verbesserungsvorschläge‘ sein sollen, sondern lediglich Spielereien, dazu dienend, etwas über unsere Wahrnehmung zu erfahren.

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Ja, über diese separate Lichterbefassung mag es angehen!

      Weniger erfolgversprechend schiene hingegen der konventionelle Ansatz, die Bildhelligkeit über den Rot- oder Gelbkanal zu beeinflussen.

  3. Lurenz says:

    „… bei einer reinen Schwarzweißkonvertierung fielen die ausgebrannten Problembereiche viel stärker ins Gewicht.“

    Das möchte ich doch bezweifeln. Üblicherweise fallen ausgebrannte Bereiche in Farbbildern stärker auf, da sie (als einzige Bereiche) weiss statt farbig sind. In SW-Bildern hingegen stellt Weiss gewissermassen nur eine von mehreren Graustufen dar.
    Soweit die Theorie und meine Erfahrung.

    Also habe ich Kais Bild heruntergeladen und sw-konvertiert, um zu überprüfen, ob es sich hier vielleicht anders verhält.
    Leider kann ich Thomas‘ Vermutung nicht bestätigen; der Tonwertabbruch der Sonne fällt mir in SW eher weniger auf.
    Vielleicht geht es nur mir so. Falls noch jemand den Vergleich macht, würde mich seine subjektive Meinung interessieren.

    Antworten

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