Leserfoto:
Wege zum Bild

Mit der ‚Suche nach dem äußeren und inneren Bild‘ befaßt sich die heutige Bildbesprechung.

Ausgangsbild

Unser Leser Christian Fehse aus Osnabrück hat uns das obige Bild unter dem Titel „Fußballplatz” in der Kategorie ‚Stillleben‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hallo, an dem Tag hatte ich richtig schlechte Laune – also wollte auch kein Bild gelingen. Nur dieser Platz war irgndwie gut. Dunkelbraune Pfeiler des Fangzauns, Alu-Tor, schmutzig braungrüner Rasen. Kein Wind keine Sonne. Trübes Wetter. Ein sehr stiller und unbewegter Ort, obwohl es dort alles andere als ruhig ist. Hinter dem Standpunkt verläuft eine sehr laute und stark befahrene Straße. Ich mag das Bild, wegen seiner Trostlosigkeit, der Stille und der hohen Kontrastfähigkeit.Zur Technik: Nikon F80, Nikkor AF 24-120mm F 3.5-5.6 VR, Ilford XP2 Super ISO 400.Brennweite des Bildes ca 28mm, Blende recht offen, Belichtung eher lang (ich weiß die Werte nicht mehr so genau). Bearbeitung im Lightroom recht hemmungslos. Das Negtiv war nicht gut – es war einfach ein schlechter Tag. *gg* Schauen Sie einfach mal, ob man sowas besprechen kann. Einen schönen Abend noch! Christian Fehse”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Christian bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch, daß die rechnerische und die kleinbildäquivalente Brennweite bei der hier verwendeten Analogkamera identisch war.

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Recht kritisch und zweifelnd berichtet Christian über das in Hybridtechnik (anloge Aufnahme, digitale Bearbeitung) entstandene Bild und seine damalige Verfassung. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Die Torpfosten zur Linken und die Zaunstreben zur Rechten gliedern als Senkrechte das Bild (rote Linien ebd.).

Eine Gasse tut sich dazwischen auf und führt den Blick des Betrachters zum im Goldenen Schnitt rechts oben liegenden Fluchtpunkt (orange Linien ebd.). Auf diesen laufen einige Diagonalen, teils als durchgezogene, teils als vom Auge zu ergänzende Linien hin (gelbe Linien ebd., durchgezogene bzw. punktiert).

Ergänzt wird das Bild noch durch die im Goldenen Schnitt oben liegende Begrenzung des Fußballfeldes (blaue Linien ebd.) und die als Horizontlinie fungierende Baumreihe (grüne Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Düster wirkt das Bild, zugleich hochkontrastig, wie der Sprung von Zone 0 bis I der Baumreihe zu Zone IX bis X des Himmels aufzeigt.

Das Histogramm ist zweigipflig bei einem Median von etwa 95, markante Tonwertabbrüche zeigen sich sowohl im Schatten- wie im Lichterbereich.

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Zusammenfassung:

Die klare Gliederung des Bildes mit Senkrechten, Waagrechten und auf einen dunklen Fluchtpunkt hinführenden Diagonalen fällt ins Auge, ebenso die düstere und zugleich hochkontrastige Anmutung.

Es ist ein Bild, welches sonst vielleicht nur kurze Beachtung gefunden oder manchen Betrachter wegen seiner atmosphärischen Anmutung sogar abgeschreckt hätte.

Es ist Christians Text, der mich über ‚Wege zum Bild‘ nachdenken ließ. Ich finde darin die These bestätigt, daß wir uns als Fotografen in unserer Motivsuche oftmals bei jenem ‚äußeren (fotografischen) Bild‘ wiederfinden, welches unserem ‚inneren (seelischen) Bild‘ entspricht.

So erscheint Christian Bildschöpfung als ein authentischer Ausdruck seiner damaligen Gestimmtheit, seinem Wunsch nach Abwendung von einer lauten und chaotischen Welt, seiner Suche nach einem stillen und kontemplativen Ort, wenngleich auch eine Ambivalenz im Sinne von Einsamkeit, Trostlosigkeit und Düsternis auftaucht.

Vielleicht mag Christian in der weiteren Diskussion noch berichten, ob sich bei ihm (was mich nicht wundern würde) nach dieser Bildfindung eine innere Beruhigung einstellte, wie wenn er also nach solcher ‚Ausverlagerung und Bildwerdung des Seelischen‘ eine Art Tal durchschritten hätte.

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung


 

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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9 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Hallo Christian,

    Dein Foto gefällt mir ausnehmend gut, zumal es so vollkommen aus den üblichen „Schönwetterfotos“ heraussticht, eine klare, schnörkellose Fotografie, ein scheinbar einfaches Motiv (aber beim Einfachen fängt das Schwierige an!), harte Kontraste, die mir hier sehr passend erscheinen, da sie die Trostlosigkeit des Spielfeldes ohne Spieler (man beachte unter anderem die „schöne“ Pfütze vor dem Tor!) in eine recht lakonische Bildsprache übersetzen.

    Das mit dem „Scheitern“ und „Schaffen“ in der analogen Fotografie kann ich nur unterstreichen, wenn man denn auch noch den Gang in die Dunkelkammer hinzurechnet. Die liegt nun mittlerweile bei mir eingemottet im Keller, nachdem ich die digitale Bildbearbeitung in den letzten 6 Jahren für mich entdeckt habe, auch wenn mir der Wechsel nicht leicht gefallen ist und ich täglich neue technische Aspekte hinzulernen musste, um das neue „Werkzeug“ auch zu beherrschen. Die Bildbesprechungen und Anleitungen auf diesen Seiten hatten für mich in diesem Punkt unter anderem viele erhellende Momente.

    Letztlich hat dieser Wechsel aber kaum etwas am Grundcharakter meiner fotografischen Auffassung verändert. Meine Bildsprache und fotografische Intention ist die selbe geblieben. Das ist aus meiner Sicht ein wesentlicher Aspekt, der bei allen „hitzigen Debatten“ Pro und Contra digitale Fotografie vergessen wird: Ohne innere „Haltung“, ohne ein Verständnis für Bildästhetik und Komposition gibt es kein gutes Foto – ob nun analog oder digital. Vor einigen Jahren gab es hier in Mainz eine Ausstellung von Analog-Puristen, die einmal die Vorzüge des traditionellen Mediums unter Beweis stellen wollten. Mir erschienen diese Fotos wie der absurde Versuch, die digitale Fotografie an Akkuratesse überbieten zu wollen, worüber Bildinhalt und Aussagekraft auf der Strecke geblieben sind … – Vielleicht fehlte hier einfach die eigene „Persönlichkeit“ im Bild oder das Moment des „Kathartischen“, von dem Thomas spricht?!

    Beste Grüße
    Marcus

    Antworten
    • Christian Fehse says:

      Vielen Dank für das Lob. Es ist schön zu sehen, das es mehr so Leute gibt wie mich – wir verwenden sogar recht ähnliches „Material“ – wenn ich mir Deine Bilder hier anschaue.*gg*

    • Thomas Brotzler says:

      Na, dann mal immer her mit den Bildern, Christian, damit ‚Vaddern sich da mal ein eigenes Bild machen kann‘ :o) …

  2. Christian Fehse says:

    Ich gehe ja manchmal etwas naiv an Dinge heran. Beim Thema digitale Fotografie war meine Vorstellung lange, das alles das digitale Fotografie ist wo zum Schluß eine digitale Bildmaterial entstehtn. Die Unterschiede zwischen digitalen Kameras oder gescannten Material war für mich eher vergleichbar mit dem Unterschied zwischen Planfilm und 35mm. Eine etwas andere Technik mit eigenen Vor- und Nachteilen – aber nichts grundsätzlich Verschiedenes. Umgekehrt war alles was das Bild auf Papier gebracht hat ein Abzug. Ob nun Fotopapier belichtet wir, oder digital gedruckt.
    Im Netz habe ich dann gelernt, das da sehr wohl ein großer Unterschied gemacht wird inklusive zum Teil hitzigen Debatten. Mit Sicherheit gibt es für diese Trennung auch gute Gründe. Allerdings haben diese Gründe aus meiner Sicht mit Fotografie eher wenig zu tun .

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hitzige Debatten wären da meines Erachtens gar nicht nötig, ob also analog oder digital besser sei. Es ist einfach anders. Ich kenne ja beides und meine, daß sich die ‚analoge und digitale Dunkelkammer‘ deutlich voneinander unterscheidet, auch wenn manche Instrumente (‚Unscharf Maskieren‘) aus nostalgischen Gründen ähnlich benannt wurden.

  3. Christian Fehse says:

    @Thomas:
    Wenn ich für mich Deine These zu Ende denke, dann ist das doch grundsätzlich der Prozeß des „Schaffens“, oder des „Scheiterns“ (geht ja oft genug auch in die andere Richtung).
    Konkret in der Situation: also den Tag hat das Bild nicht mehr gerettet. Aber es war schon so „… na vielleicht könnte das was geworden sein.“. Es war immerhin ein Bild im Sucher. Ich bin wohl zwei Stunden da in der Gegend rumgefahren und rumgelaufen und nix war ein Bild. Ich habe an dem Sportplatz die letzten vier Bilder auf der Rolle gemacht und bin nach hause gefahren. Langer Rede kurzer Sinn – eine „Entlastung“ ist bei einem guten Bild immer da, nur sehr oft nicht sofort. Analog eigentlich nie sofort, weil man das Ergebnis nicht sofort sieht und es auch immer ne Zeit dauert, bis der Film entwickelt und gescannt ist.
    Besonders zu dem Bild kann ich noch sagen, das ich generell viele solche Bilder mache – düster, harte Kontraste, etwas „unschöne“ Dinge. Sowas ist oft das Ziel und war deshalb hier nicht direkt Ausdruck meiner Stimmung.

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  4. Michael says:

    Mir gefällt das Bild außerordentlich gut und ich mag diesen Bildtypus sehr. Man kann lange seinen Blick darauf lassen. Eine „hemmungslose“ Bearbeitung wäre aber vielleicht gar nicht nötig gewesen und hätte mehr Details übrig gelassen. Jedenfalls erübrigt sich meine noch nicht hier gestellte Frage, ob bei Euch auch im hybriden Prozess entstandene Bilder willkommen sind.

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    • Christian Fehse says:

      Doch das „hemmungslose“ war notwendig, weil der Scan nicht so toll ist. Ich habe mittlerweile nen besseren Scanner, aber komischerweise verliert das Bild mit dem detailreicheren Scan an Intensität. Hätte ich nicht gedacht…

    • Thomas Brotzler says:

      Michael: „Frage, ob bei Euch auch im hybriden Prozess entstandene Bilder willkommen

      Wir sind vom Konzept her schon vornehmlich ein Blog für Digitalfotografie, doch ist hier genug Platz für einen gewissen Pragmatismus. Da ich selbst (wie auf meiner hiesigen Profilseite oder der eigenen Homepage nachzulesen) ein ‚Grenzgänger zwischen Analog- und Digitalfotografie‘ bin, ist mir jener Hybridprozeß sehr angelegen und werde ich Sorge tragen, daß solche Bilder auch Berücksichtigung finden.

      Christian: „komischerweise verliert das Bild mit dem detailreicheren Scan an Intensität

      Ich selbst habe schon ähnlich anmutende Erfahrungen gemacht, daß ordentlich gescannte Bilder auch auf profilierten Monitoren ‚einseifen‘. Anders ausgedrückt kommen Feinstruktur und Qualität solcher Bilder wohl erst in großformatigen Print zur Geltung. Ich selbst muß ja immer ‚eine Träne wegwischen‘, wenn ich meine 120-MB-Monster auf internettaugliche 400 KB eindampfe und damit auf etwa 99,7% der Ausgangsinformationen verzichte …

      Eines noch, ohne Fokussiert zur Selbsterfahrungsplattform umfunktionieren zu wollen: kannst Du noch etwas zum ‚Zustand vor und nach Bildfindung‘ berichten? Ich hatte ja die Hypothese formuliert, daß dieser Prozeß auch eine kathartische bzw. entlastende Wirkung entfalten kann durch eine ‚Veräußerung innerer auf äußere Bilder‘ …

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