Tutorial:
Spannungsbögen in der Fotografie (2)

Ein fünfteiliges Grundlagentutorial über Bildkontraste – jene Gestaltungselemente also, aus denen sich ‚Alphabet und Worte der Bildwirksamkeit‘ zusammensetzen.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung
2. Kontraste der Farbe und Helligkeit
  Kontraste der Farbe und Helligkeit (Fortsetzung)
3. Kontraste der Form und Proportion
4. Kontraste der Masse und Quantität
5. Kontraste der Intensität und Qualität
6. Kontraste der Bewegung und Richtung
7. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

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2. Kontraste der Farbe und Helligkeit

2.1 Farbe-an-sich-Kontrast
Abb. 2: Franz Marc, 'Blauschwarzer Fuchs' (gemeinfrei)Dieses auch Farbton-Kontrast genannte Gestaltungsmittel übt durch die Nebeneinander- bzw. Gegenüberstellung von Farbflächen regelmäßig einen starken Eindruck auf den Betrachter aus, wie die beiden bekannten Kunstwerke in den Abbildungen 2 und 3 aufzeigen.

Farben werden hierbei zur Hervorhebung des Gezeigten bzw. einzelner Teile verwendet. Gerade in der modernen Malerei werden dabei die Maßgabe einer naturalistischen bzw. realistischen Abbildung regelmäßig überwunden und Farben zur Charakterisierung von Objekten eingesetzt.
Abb. 3: Piet Mondrian, 'Komposition mit Rot, Schwarz, Blau und Gelb' (gemeinfrei)Generell wird dabei unterscheiden zwischen der Verwendung von reinen Grundfarben (Primärfarben), von Grund- und einfach gebrochenen Farben (Sekundärfarben) und schließlich von gebrochenen Farben (Tertiärfarben).

 

 

 

 

 
Abb. 4: Farbkreis nach Itten[Abbildung 4 rechtsbündig Farbkreis nach Itten] Das Ganze wirkt in der praktischen Bildbetrachtung recht einfach und überschaubar, da wir an ‚Gelb, Rot, Blau‘ im Sinne der Primärfarben und ‚Orange, Grün, Violett‘ im Sinne der Sekundärfarben gewöhnt sind. Dies entspricht auch der von Johannes Itten (1888 bis 1967, Schweizer Maler, Kunsttheoretiker und -pädagoge, Lehrtätigkeit u. a. im Bauhaus Weimar) aufgestellten Farbtheorie und dem daraus abgeleiteten, in Abbildung 4 gezeigten Farbkreis.

Abb. 5: Additive bzw. physiologische FarbmischungIn der theoretischen Herleitung ist es aber noch ein wenig komplizierter. Ein detaillierter Einstieg in Farbmodelle füllt ganze Bücher und würde den Rahmen dieses Tutorials bei weitem sprengen. Nur kursorisch möchte ich daher zwei maßgebliche Bezugssysteme erwähnen:

Zum einen die in Abbildung 5 gezeigte additive bzw. physiologische Farbmischung, deren Grundfarben Rot, Grün und Blau (RGB-Modell) sich zu Weiß addieren und als Zwischenfarben Cyan, Magenta und Gelb ergeben.

Abb. 6: Subtraktive bzw. physikalische FarbmischungZum anderen die in Abbildung 6 gezeigte subtraktive bzw. physikalische Farbmischung, deren Grundfarben Cyan, Magenta und Gelb (CMY-Modell) sich zu Schwarz bzw. einem dunklen Graubraun mischen und als Zwischenfarben Gelb, Cyan und Magenta ergeben (ohne daß dies als einfache Umkehr der additiven Farbmischung zu betrachten ist).

 

 
2.2 Hell-Dunkel-Kontrast

Abb. 7: Tonwertkorrektur und GradationskurvenDer Hell-Dunkel-Kontrast ist uns von der Bildbearbeitung her wohlbekannt. In Photoshop lassen sich etwa mit Strg-L die Tonwertkorrektur und mit Strg-M die Gradationskurven als zwei wichtige Bearbeitungsinstrumente aufrufen, wie in Abbildung 7 gezeigt.

 

 
Abb. 8: Hell-Dunkel-Kontrast bei bunten und unbunten FarbenWichtig ist dabei, daß der Hell-Dunkel-Kontrast sich auf die Farbhelligkeit bezieht und sowohl bei den unbunten Farben Schwarz, Weiß und Grau wie auch bei den Buntfarben vorkommt, wie die nebenstehende Abbildung 8 verdeutlicht.

 

 
Abb. 9: Eigenes Portfolio, 'Col de la Pierre Saint-Martin, Pyrenäen'In der fotografischen Praxis eignet sich der Hell-Dunkel-Kontrast besonders zur Darstellung der generellen Verteilung von Licht und Schatten, zur Erzielung einer Tiefenwirkung durch Vortreten dunkler und Zurücktreten heller Objekte (siehe Abbildung 9) sowie zur Charakterisierung und plastischen Durchzeichnung einzelner Bildelemente.

2.3 Kalt-Warm-Kontrast

Abb. 10: Paul Cézanne, 'Baie de Marseille, vue de l'Estaque' (gemeinfrei)Einen für die Erzielung einer Tiefenwirkung in der Landschaftsdarstellung wichtigen Beitrag leistet der Kalt-Warm-Kontrast. Wie wir in der Abbildung 10 sehen, rücken die in warmen Farben gehaltenen Häuser und nahen Uferbereiche in den Vordergrund bzw. auf den Betrachter zu, während die in kühlen Farben gehaltenen Berge und fernen Uferbereiche Abstand signalisieren.

Abb. 11: Christian Bertram, 'Mountainbiking Gardasee'Was in der modernen Malerei im Sinne der Überwindung naturalistischer Abbildungspflicht in diesem Sinn oft überzeichnet und dadurch hervorgehoben wird, gilt grundsätzlich auch für die Landschaftsfotografie, wie Abbildung 11 zeigt.

Darüber hinaus unterstreichen unterschiedliche Farbtemperaturen auch die atmosphärische Anmutung eines Bildes und entfalten so unterschiedliche Wirkungen auf den Betrachter. Nach Itten ist der ‚Kältepol‘ beim Blaugrün, der ‚Wärmepol‘ hingegen beim Rotorange angesiedelt (linke und rechte Seite in Abbildung 4). Oft ergibt sich die Farbwirkung erst aus dem Bildzusammenhang. Wir können uns vorstellen, daß ein Blau-Ton durchaus kalt, bisweilen aber auch beruhigend, ein Rot-Ton zumeist lebendig und ansprechend, gelegentlich aber auch bedrohlich wirken kann.

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Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

3 Antworten
  1. Fotograf Erwin says:

    Hallo,
    diese Grundlagen haben mir bisher immer gefehlt. Danke Dafür. Gerade in der Landschaftsfotografie scheint der Hell Dunkel Kontrast echt wichtig zu sein. Also das Foto hier aus den Pyrenäen ist ein perfekter Beweis. Ich werde das mal wieder wenn ich als Hochzeitsfotograf aktiv bin und auch beim Nächsten Shooting in meinem kleine Fotostudio Basel austesten.

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] der Farbwirkung. Er bezog sich dabei auf den ‚Farbkreis nach Itten‘, welchen ich im zweiten Teil des Tutorials ‚Spannungsbögen in der Fotografie‘ vorgestellt hatte. Nun, durch die Verwendung des hochwirksamen ‚Komplementärkonstrasts von […]

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