Leserfoto:
Abstrakt-fotografische Ausdruckssprache

Sehr gerne stelle ich Euch heute ein weiteres Beispiel aus einer interessanten Serie fotografischer Abstraktion vor.

Ausgangsbild

Leser Dirk Wenzel aus dem sachsen-anhaltinischen Mansfeld hat uns das obige Bild unter dem Titel „auf der Suche …” in der Kategorie ‚Digitale Kunst‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „ohne Worte … Menschen im Raum auf einer Treppe … ”. Über Ausrüstung und Aufnahmedaten liegen uns diesmal keine Informationen vor.

  Dirk Wenzel: 'Körpersprache'Ein weiteres Bild dieser sehr interessanten Serie findet sich nebenstehend, wir hatten es hier im November 2013 besprochen und lebhaft diskutiert.

Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition

Gerade in solch abstrakter Anmutung mag man ein Bild in verschiedener Weise ‚auslesen‘ – nachstehend mein Vorschlag dazu …

Befremdend und interessant zugleich mutet die im Querformat gehaltene Szene zunächst an. Menschen werden schemenhaft erkennbar, Köpfe ragen heraus, Beine sind in Bewegung (gelbe Linien ebd.). Die solchermaßen erkennbare Bewegung wirkt flirrend bzw. oszillierend, dunkel gehaltene Leiber wechseln sich mit geheimnisvollen ‚hellen Schatten‘ ab.

Auch eine übergeordnete Bewegung, eine solche ‚zweiten Grades‘ deutet sich an in Form der Blickführung. – hier erfolgt der Blickeinstieg simultan im linken und rechten unteren Eck, um zunächst nach oben und dann zur Mitte hin zu zielen (rote Linien ebd.); seinen Abschluß findet der Bilddurchgang in jenen Senkrechten (blaue Linien ebd.), besonders der mittigen, welche die Vereinigung der beiden Menschengruppen nach oben fortzuführen scheint.

Zu nennen ist noch der sich durch angedeutete Treppenstufen abzeichnende Raum (grüne Linien ebd.).

Die fokussiert.com-Bildkritik ist die Besprechung einer von Leserseite eingesandten Fotografie. Sie zeigt Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung. Sie wollen dabei sein? Reichen Sie Ihre Fotografie ein. Oder buchen Sie eine private Kritik.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild vermittelt eine High-Key-Anmutung, wie es sich auch im rechtsversetzten und -schiefen Histogramm bei einem Median von etwa 215 ausdrückt. In diesem Zusammenhang sind die Lichterpartien ‚verblüffend wenig ausgebrannt ‚, hier zeichnet sich sogar noch geringe Tonwertmodulation (Zone IX bis X) ab.

Farben (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Stärker gebrochene Grau- und Brauntöne herrschen vor, mit einigen roten, blauen und grünen Einsprengseln.

Zusammenfassung:

Dirks Ansatz in Richtung der abstrakten bzw. experimentellen Fotografie ist ein sehr interessanter, wie es sich auch schon bei früheren Bildbesprechungen abzeichnete.

Mir gefällt diese Arbeit sehr gut, sie hat eine sehr atmosphärische und geheimnisvolle Anmutung. Die ‚Art des Bildauslesens‘ ist hier auch eine ganz andere wie bei einer konventionellen Fotografie – abstrakter und zugleich emotionaler, wie ich es in der Beschreibung der Komposition anklingen lassen wollte.

Freilich sollten wir uns als Fotografen auch vor Augen halten, daß wir hier allmählich ‚die Gefilde einer zunächst der Abbildung verpflichteten und auf dieser aufbauenden Fotografie‘ verlassen. In diesem Stadium werden dann kompositorische und dramaturgische Überlegungen ähnlich entscheidend wie beim malerischen Gestaltungsprozeß.

Anders ausgedrückt können wir dann nicht mehr darauf hoffen, ‚daß der wiedererkennbare Teil der Fotografie das Bild rettet‘ („aha, ein Baum …”), wenn besagte gestalterische Überlegungen versagen …

Bildteil:

Komposition: Grundstrukturen und Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Lichterbeschnitt


4 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Lieber Dirk,

    viele Fragen und viele Antworten. Wie gesagt: Die Kunst ist frei! Insofern lag in meiner ersten Reaktion ein Erstaunen und auch Anerkennung für Dein aus meiner Sicht sehr gelungenes Bildergebnis. Ich kenne einige Fotokünstler, die ganz ähnlich arbeiten, freilich mit anderen Interessen und Ergebnissen. Das sind allesamt Bildkünstler, denen ich ihren eigenen Weg und Erfolg nicht klein reden möchte. Ganz im Gegenteil!
    Viele Wege führen also nach Rom, nur die Fortbewegungsmittel, um dorthin zu gelangen, sind verschieden. Was steht am Ende dieser Reise, wenn wir denn wirklich einmal ankommen sollten? Vielleicht ein Bild, das etwas so unverwechselbar zum Ausdruck bringt, wie es der Moment, unser Wissen und unsere Eingebung im besten Fall zulassen. Vom Ende der Reise her gedacht ist dieses freie Spiel der Kräfte, Kreativität und Gestaltungswille bei allen Reisearten wahrscheinlich das selbe. Das Ergebnis ist im besten Sinne ein gutes Bild, das seine Wirkung nicht verfehlt und uns etwas zu sagen hat. In dieser Hinsicht ist Kreativität immer authentisch und bevorzugt weder den Realisten, noch den Romantiker …, beide haben von ihren entgegen gesetzten Standpunkten aus etwas Wesentliches mitzuteilen.

    Authentizität: Die Mär, ein (womöglich auch noch analog) fotografiertes Bild entspräche der Realität, halte ich ebenso für einen unhaltbaren Mythos, wie die oftmals wortreich beteuerte Objektivität von Journalisten – man versuche einmal einem Fotoportrait von Frau Merkel die Hand zu reichen: Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild. Und: Ein Bild (fotografisch, klassisch bildkünstlerisch oder digital erstellt) ist immer mehr als die Summe seiner Teile.
    Ja, da helfen auch keine Seehunde, keine Pinsel und keine Filmemulsionen oder digitalen Kamerarückwände. Und wenn die „Krabbe im digitalen“ „gegen den Strom schwimmt“, dann finde ich das durchaus zeitgemäß und legitim, wenn‘s der Wahrheitsfindung dient.

    Ich glaube auch nicht, dass es sich hier um ein Derby zwischen Malerei und digitaler Fotokunst handelt, sondern um die Frage, wie und mit welchen Mitteln jeder seinen Weg zu einem ganz eigenen Ausdruck seiner Empfindungen und Anschauungen findet. Stichwort „Expressivität“. … Insoweit dabei auch eine künstlerische Methode und Gestaltungswille erkennbar werden, glaube auch ich an Peter Pan und seine gute Fee.

    Ich persönlich bin wahrscheinlich zu „old school“, um mich „auf meine alten Tage“ noch für „digitale Kunst“ wirklich zu entflammen. Das fotografisch Erfassbare ist meinem menschlichen Auge näher – und gleichermaßen phantastischer. Es ist ja ein Irrglaube, das der Realismus (z. Bsp. in der Streetfotografie) keine Rätsel mehr aufgäbe, bloß weil wir ja schon alles im Bild sehen …

    (Sorry für die Überlänge des Beitrags, der wahrscheinlich noch mehr Fragen aufwirft!?)

    Beste Grüße
    Marcus

    Antworten
  2. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin vom Krabbenkutter …

    Vielen lieben Dank für die Bildbesprechung Thomas.

    Und auch Marcus wieder ein Dank für die begleitenden Worte zu diesem Bild und dem damit verbundenen Thema der „Digitalen Kunst“ in mit der Fotografie …

    Um bei EUCH im Thema zu bleiben … Thomas und Marcus …

    Ich hab an der Seehundbank mal den Anker fallen lassen …
    … so wegen mal Zeit für Gedanken und Antworten und so …

    wohin führt die abstrakte Fotografie bzw. digitale Kunst?`

    … ich hoffe mal auf einen guten Weg mit Weitsicht und Einsichten und vielen neuen Ideen, welche …

    … wie die Weltgeschichte ja nun mal an vielen Beispielen leider nicht und so …

    … als kreative Prozesse des menschlichen Schaffensprozesses
    verstanden …

    eine Berechtigung findet …

    ohne dieses voreilige in Frage stellen und so …

    … ich habe keine Ahnung wo diese hinführt … bestimmt wird es noch wilder in den Bildern ☺ juhu

    Ist diese authentisch oder doch nur ein Schaulaufen von Photoshopfiltern?`

    Dem geübten LeserIn fällt hier bestimmt etwas auf ….

    … so wegen kreatives Nutzen und kreatives Schaffen …

    … aber das behalte ich für mich … ☺

    um beim Foto zu bleiben … als Ausgangsmaterial … ist mit dem Verständnis von Licht und Farben und und … die digitale Technik doch ein Segen für das kreative Schaffen find und so … und somit eine authentische Arbeit …

    das Bedienen von Reglern ist dem Pinselstrich nicht gleich zu setzten find … doch bleibt die Frage … für mich … sind es denn dann nicht doch zwei notwendig zu unterscheidende handwerkliche Arbeiten ????

    die Frage nach der Kunst dabei… bleibt bestimmt eine offene Frage …

    … am Ende bleibt doch die Überzeugung an dem Geschaffenen und wenn es dann Menschen durch Betrachtung berührt … was kann dann in Frage zu stellen sein …

    anders geschrieben … gehe ich in einen Laden für Künstlerbedarf … oha da ist es schon … ich bin als Künstler angesprochen und eingeladen meinen Bedarf an Material zu decken … ich bin Künstler und schaffe Kunst weil ich mir eine Tube Farbe und einen Pinsel kaufe … die Anleitungsbücher für verschiedene Stilrichtungen und weitere Hilfsmittel sind gestapelt in Regalen und irgendwie erinnert es mich an die Zeit …

    … als mir der Computer mit seinen „Regalen“ erklärt wurde …

    … wo ich was finde … was zu was gehört … und wie und so …

    … und das die Regale gefüllt wurden von … wie die im Künstlerbedarfladen …

    … also … ich greife ins „Regal“ und …

    nur der Fotograf ist mit seiner digitalen Arbeit in Frage gestellt und der Pinsel“wischer“ sorry … freut sich über seinen digitalen Ausdruck zur Vervielfältigung und und …

    … die digitale Authentizität trifft sich in der Mitte als Ergebnisorientiertes Produkt zur Verbreitung oder Einzelbetrachtung geschaffen …

    … ist dann das Nutzen von Filtern im Foto zu verachten wenn die gemischte Farbe fertig im Regal den Effekt erzielt, welcher vor vielen Jahren durch wesentliches Meer an Arbeitsprozesse … zustande kam …

    imitiert der Kunstbedarf nicht auch das schnelle Ergebnis für den Konsumer und hält den Spielraum offen für den Handwerker in der Möglichkeit … die „Regler“ selber zu ziehen … so selber mischen und anrühren und auftragen von …

    und die Pinselwand im Künstlerbedarf ist doch ein Traum …

    immer wieder stehe ich gern davor und berühre die Borsten und …

    meine Maus am PC vermittelt mir dieses Gefühl leider nicht …

    und schon wieder ein Unterschied …

    Hat diese eine Perspektive oder wird sie angesichts der viel größeren Möglichkeiten und Sinnlichkeit konkreter Malerei irgendwann die Grätsche machen müssen?

    das liegt so find einzig an der Akzeptanz der BetrachterInnen und das kann ich nicht beantworten … grübel …

    was mich heute kann begeistern … kann morgen abgenutzt

    was gestern mich berührt … bleibt … so find …

    Welche gültigen Erfassungs- und Bewertungsinstrumente haben wir?’

    … die Seehunde können mir da auch nicht helfen … die schwimmen einfach weiter …

    die Nachfrage an frischen Krabben ist nicht konstant …

    aber Qualität überzeugt …

    und wie war das noch … den Fisch in der Zeitung von gestern frisch eingepackt und mit genommen und …

    keiner schwimmt so schön gegen den Strom wie …

    …die Krabbe im digitalen …

    … unberührt von 000001001110010101000101010 lässt SIE sich immer wieder „fangen“

    … hoffe ich mal … die Handarbeit am Regler und Pinsel fängt viele BetrachterInnen …

    … ich habe Freude am Reglerschieben und so und ne Kiste mit Pinseln hab ich dann auch … ☺

    So genug vom Krabbenkutter …
    … will noch in den Kopierladen wegen frischen Möhren …

    … die sollen am Küchenregal im WellenreiterBilderrahmen für Bewegungsausgleich bei stürmischer See und so …

    verneig in die Runde Dirk

    Antworten
  3. Marcus Leusch says:

    Ein durchaus spannendes Experiment, das Fotografische an der Fotografie hinter sich zu lassen. Hier in der Komposition auch für mich zunächst sehr stimmig, diese schemenhafte, (wie mit einem Aquarellpinsel) hingetupfte Szenerie. Ich komme gerade aus einer Ausstellung, die Kunstwerke zwischen Impressionismus und Expressionismus zeigt. Mir bleibt lebhaft eine Tuschzeichnungen („Tanz“) von E. Nolde in Erinnerung, die in ihrer fragmentarisch-skizzenhaften Lebendigkeit und ihrem flüchtig dahingeworfenen Charakter einen ähnlichen Eindruck auf mich gemacht hat, wenngleich der Aussagegehalt und das Erkenntnisinteresse jener Arbeit sicher auf einem „ganz anderen Blatt“ stehen, zumal ja dort auch in Schwarz-Weiß (Tusche) gehalten. …

    In einem guten (Kunstwerk) Foto kommt es nicht in erster Linie bloß darauf an, was abgebildet wird, sondern auf das wie. Insofern kann ich Thomas‘ Hinweis zum deutlichen Vorrang der Gestaltungsaspekte in einer stark verfremdeten Bildanmutung (wie der vorliegenden) folgen. Hier wird diese Verrätselung hingegen nicht fotografisch gelöst (wie etwa durch die deutliche Unschärfe in Dirks „Körpersprache“), sondern mit den „Wundermitteln“ digitaler Bildbearbeitungsprogramme. Die ursprüngliche Aufnahme selbst wird dabei zum bloßen Ausgangsmaterial für einen kreativen Arbeitsprozess, in dem letztlich ein „digitales Kunstwerk“ entstehen soll. Das macht eine Beurteilung solcher Arbeiten mit dem bloßen „Auge des Fotografen“ recht schwierig und unsere Sprache, die dazu dient, die formalen Aspekte des Bildes zu erfassen, schweift Hilfe suchend ins Kunstgeschichtliche ab. Vergessen wir auch gleich das (oftmals viel zu wichtig genommene Gerede) über Kameraausrüstungen, die Abbildungsleistungen von (teuren) Objektiven, spezifischen Brennweiten und dergleichen, die zur Herstellung eines solchen Bildes getrost vernachlässigt werden können. …

    Ich mag das hier nicht werten (die Kunst ist frei!) und ich bewundere Dirks künstlerische Intention. Mir persönlich ist hingegen meine Erfahrungswirklichkeit, der ich fotografisch begegne, selbst schon ein Rätsel, an dem ich oft genug scheitere … 



    Mit Dank für diese Inspiration 

    und besten Grüßen in die Runde

    Marcus

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Huuu, ein schwieriges und interessantes Thema: ‚wohin führt die abstrakte Fotografie bzw. digitale Kunst? Ist diese authentisch oder doch nur ein Schaulaufen von Photoshopfiltern? Hat diese eine Perspektive oder wird sie angesichts der viel größeren Möglichkeiten und Sinnlichkeit konkreter Malerei irgendwann die Grätsche machen müssen? Welche gültigen Erfassungs- und Bewertungsinstrumente haben wir?‘

      Ich habe da schon eine persönliche Meinung (diese klang in den verschiedenen Bildbesprechungen und Tutorials ja auch schon an), trotzdem will ich mich hierzu noch etwas zurückhalten und unsere Leser zu dieser wichtigen Diskussion einladen …

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